StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 5.2019

Kategorie: Kunst
Stichwort: Birgit Werres

Meisterin der Aufhebungskultur

Ein schönes Dutzend neuer Arbeiten von Birgit Werres


Die Geschichte der Moderne kann als eine Vervielfachung der kunstmöglichen Materialien erzählt werden — mit allem Möglichen und Unmöglichen wurde und wird gearbeitet. Diese Materialien können auch gefunden werden. Manchmal liegen sie als Reste oder Treibgut herum oder fallen halt an, oft ist das Zeug in absichtsvoll nicht herstellbarer Weise von Gebrauch, Verfall, von Zufall und Zeit gezeichnet, geformt. Manchmal ist es so, wie es ist, genau richtig. Was es zuvor war, welchen Zweck, welche Funktion es hatte, ist egal. So wie es ist, bilden Material und Form eine Einheit, mit der sich arbeiten lässt.

 


Vor allem mit Funden dieser Art, meist Materialformen aus Kunststoffen, Gummi oder Metallen agiert die in Düsseldorf lebende Plastikerin Birgit Werres (*1962) seit drei Jahrzehnten. Ihre Kunst ist eine des Findens und Aufhebens. Waren es in der Vergangenheit mit verspielter Strenge arrangierte Ordnungen, Reihungen und Gruppen aus Ähnlichem und Gleichem, Formungen des einen Materials durch ein anderes, raffiniert einfache, stets auf einleuchtende Weise kombinierte Skulpturen, so ist sie in ihrer aktuellen Ausstellung in der Galerie Anke Schmidt einen entscheidenden Schritt weiter gegangen: ein riskaner Schritt.

 


Denn fast alle Arbeiten bestehen aus nur einer dieser gefundenen Materialformen. Kein Titel steht ihnen bei, sie sind ganz auf sich gestellt, was eine spröde Augen-Diät ergeben könnte. Tatsächlich aber gibt es höchst unterschiedliche und doch ein kontraststarkes Ausstellungsganzes bildende Arbeiten zum Komplex Skulptur zu sehen: Mit dem Licht spielend, scheinbar schwebend findet sich ein flügelhaftes, glatt gestrecktes Kunsstoffetwas auf dem Boden in Eingangsnähe. Genauso seltsam aber ganz anders entfaltet ein tiefschwarzes, schwergewichtiges Wandstück aus geschmolzenem Plastik eine chaotisch-virtuose Bewegungsfülle. Ein paar Schritte weiter markiert ein Gespinst aus schnödem Maschendraht ein luftiges, kompliziertes, sehr durchsichtiges, aber kaum durchschaubares Volumen. Darauf folgt ein handliches Metallstück, wie eine geschmeidige Ausdehnung der Wand stülpt es sich in den Raum oder verschließt hinter seiner stumpf-dichten Oberfläche etwas Unzugängliches.

 


Diese ersten vier Arbeiten sind nur der Anfang, eine Andeutung. Mehr, alles muss an Ort und Stelle gesehen werden.   

 




Von: Jens Peter Koerver
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