StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 5.2019

Kategorie: Film
Stichwort: »Das Ende der Wahrheit« von Philipp Leinemann

»Das Ende der Wahrheit«

Philipp Leinemann wirft einen illusionslosen Blick auf den BND


Geheimdienste sind im deutschen Film ein selten Sujet. Mit Philipp Leinemann hat sich ein Regisseur des Themas angenommen, der bisher mit sorgfältigen Milieu­studien auf sich aufmerksam gemacht hat, etwa dem Fernfahrer-Drama »Transit« oder dem Polizeifilm »Wir waren Könige«. In seinem aktuellen Polit-Thriller zeigt er den Bundesnachrichtendienst (BND) und dessen Mitar­beiter in einem nicht gerade schmeichelhaften Licht.

 


Ronald Zehrfeld spielt den BND-Analysten Martin Behrends, der als Dolmetscher getarnt Asylbewerber verhört. Als er Informa­tionen über den Aufenthaltsort eines Terroristen an die CIA weitergibt, die den Gesuchten per Drohnenschlag ausschalten, rächt sich dies bitter: Bei einem Vergeltungsschlag auf ein Münchner Café kommt die Journalistin Aurice Köhler ums Leben — Behrens’ heimliche Geliebte. Von Trauer und Schuldgefühlen ge­plagt, geht Behrens ihren Recherchen nach und wird in ein Komplott verwickelt, das seinen Glauben
an die Richtigkeit seines Tuns erschüttert.

 


Laut Leinemann standen ihm für »Das Ende der Wahrheit«, der im Januar das Filmfestival Max-Ophüls-Preis eröffnete, nur wenig Zeit und Geld zur Verfügung. Dem Ergebnis ist das, trotz sparsam ­eingesetzter Schauwerte, kaum anzusehen: Die unaufgeregt und präzise geschnittenen Bilder des vom ZDF als »Kleines Fernsehspiel« mitproduzierten Films rechtfertigen die Kino-Auswertung. Vor allem das starke Ensemble, in dem etwa Axel Prahl und Claudia Michelsen der Geheim­dienst­bürokratie ein Gesicht geben, trägt zum Gelingen bei. Zehrfeld überzeugt nicht nur als kalter und beherrschter Agent, sondern auch, wenn dessen professionelle Fassade bröckelt und dahinter seine ­Zerrissenheit sichtbar wird. Sein Gegenspieler Alexander Fehling gibt mit Lust den arroganten, betont harten Karrierebeamten.

 


Leinemanns dritter Spielfilm hat kleinere dramaturgische Ungereimtheiten, aber ihm ist erneut die intensive Recherche anzumerken. Möglicherweise ist der Blick auf den BND deswegen so illusionslos geraten: Korrumpiert sind hier alle. Bei Leinemann sind Geheimdienstarbeit, Politik, Waffenhandel, Lobbyismus und Ter­rorismus längst zu einem sich selbst erhaltenden System verschmolzen. Das löst nicht nur bei den Akteuren ein Gefühl von Ohnmacht aus, sondern auch beim Betrachter.  

 


Das Ende der Wahrheit. D 2019, R: Philipp Leineman, D: Ronald Zehrfeld, Alexander Fehling, Axel Prahl, 105 Min.

 

 

 


Von: Christopher Dröge
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