StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 5.2019

Kategorie: Film
Stichwort: »The Wild Boys« von Bertrand Mandicos

»The Wild Boys«

Bertrand Mandicos queerer Fiebertraum ist ein Frontalangriff auf Sinne und Sitten


Auch wenn Rainer Werner Fassbinders hyperstilisierte Jean-Genet-Verfilmung »Querelle« nun schon 37 Jahre auf dem Buckel hat, bleibt das oversexte Seemannsgarn doch ein Geheimtipp des queeren Kinos, das von der restlichen Filmwelt im­mer noch entdeckt werden muss. Experimentalfilmer Bertrand Mandico gehört gewiss zu den Eingeweihten, die den fassbinderschen Schwanengesang aus dem Effeff kennen. Immerhin sieht sein Langfilmdebüt »The Wild Boys« immer ein wenig so aus, als seien die phallischen Kulissen, mit denen Rolf Zehetbauer Genets halbrealen Sehnsuchtsort Brest bebilderte, stets in Sichtweite.

 


Auch thematisch hat sich Mandico nicht weit vom entrückten Erotizismus des späten Fassbinders entfernt, würzt ihn aber noch ein wenig mit deftig-transgressivem Surrealismus à la William S. Burroughs, dessen schwules Endzeit-Epos »Wild Boys« von 1971 hier sogar als Namenspate fungiert. Die wilden Jungs, um die es sich hier dreht, lässt er von einer Riege junger Damen spielen, womit der erste, aber nicht einmal größte Bruch im normativen Rollenbild schon durchs Casting vollzogen wird. »Wann ist ein Mann ein Mann?« — Eine furchtlose Garde von Jungdarstellerinnen versucht, es herauszufinden.

 


Als eines der garstigen »Männer­spiele«, die das Quintett missratener Söhnchen aus besserem Hause gern ausarten lässt, ein böses Ende nimmt, werden die wilden Kerle zur Strafe auf eine Resozialisierungs-­Bootsfahrt mit einem rauen Seebären verdonnert. Der Seegang wird zum Trip ins Herz maskuliner Finsternis, bei dem Machtfragen in »fesselnden« Kraftproben verhandelt werden. Schließlich verschlägt es die Gruppe auf eine einsame Insel, auf der die Grenzen zwischen Realität und Fiebertraum, Macht und Ohnmacht sowie den Ge­schlech­tern endgültig verwischen. Musikalisch untermalt von laszivem Synthie­gewaber, Krautrockgefrickel, morbiden Giallo-Melodien von Nora Orlandi und einer kleinen Prise Nina Hagen entfesselt Mandico einen verführerisch-faszinierenden Bilderzauber, der seine Vorbilder stets erkennen lässt, dessen schiere Lust am psychedelischen Frontalangriff auf Sinne und Sitten seine Wirkung jedoch nicht verfehlt.

 


So tut es Mandico in besten Mo­men­ten den großen Vorbildern und all den anderen wild boys aus der Literatur- und Filmgeschichte gleich: Er sagt einer trostlosen, von Grenzen und Gedankenschranken umzäumten Realität den Kampf an. Und gewinnt für 110 wilde Minuten.

 


The Wild Boys (Les garçons sauvages)
R: Bertrand Mandico, D: Pauline Lorillard, Vimala Pons, Diane Rouxel, 110 Min.

 

 


Von: Robert Cherkowski
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