StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 5.2019

Kategorie: Titel
Stichwort: Kölner Clubs

Feiert mal ruhig – Kölner Clubs in Not – Teil 2


Fotos: Marcel Wurm, Zähe Auseinandersetzung: Amon Nanz (Jack In The Box) auf dem Güterbahnhof Ehrenfeld

Rechtzeitig Eigentümer: Stefan Bohne im Artheater

Später wird noch getanzt: Die Macher vom Olympia

Glückliches Publikum: Gabriel Riquelme (Club Bahnhof Ehrenfeld)

Mehr als von Bühne und Disco­kugel

 

Die Clubs in Ehrenfeld sind längst jenseits der Stadtgrenzen bekannt.
Das liegt auch daran, dass die Macher ihre Arbeit nicht nur kommerziell und
hedonistisch verstehen, sondern als Beitrag zum kulturellen Gespräch der Stadt.

Meret Meier hat sich auf einen Rundgang durch Ehrenfeld begeben

 

 

Ehrenfeld, irgendwann Freitagabend: Während im Yuca gerade ein junger Mann seine bisherigen Vorstellungen von guten Reimen über den Haufen wirft, vergisst in der Live Music Hall eine Mutter, dass sie nach dem Konzert noch die Wäsche aufhängen muss. Im Clubheim Olympia sitzt derweil ein kleiner Junge an der Theke und weiß nichts davon, dass später getanzt werden wird und dass man im Artheater auch noch tanzt, wenn er am nächsten Tag aufsteht.
Wenn vom Ausgehen in Köln die Rede ist, darf nicht nur über die Politik geklagt werden. Dass die Lage schwierig ist, ist klar. Nur geht es nicht mehr darum, sich als Mitglied der imaginären Kulturguerilla durch Tränen um Orte wie das Underground zu outen. Derzeit passiert in Ehrenfeld so viel, dass man lieber darauf schaut, wofür sich der Kampf um Kulturflächen lohnt.

 


Amon Nanz, Mitbetreiber von Jack In The Box, erzählt von den zähen Auseinandersetzungen um die Fläche des alten Güterbahnhofs an der Vogelsanger Straße, auf der es bis 2017 noch kulturelles Leben gab. Die Politik habe ihre Instru­mentarien zur juristischen Handhabe der Fläche hier vernachlässigt: Es droht der Bau von hochpreisigen Eigentumswohnungen, der die Realität der Gesellschaft völlig außer Acht lässt. Amon fragt sich, wann die gesellschaftlichen Auswirkungen, den die Schließung von Begegnungsstätten mit sich bringt, endlich ernst genommen werden. Am 4 .April hat die Stadtverwaltung dem Rat der Stadt Köln einen Kulturentwicklungsplan vorgelegt — der auch mit großer Mehrheit angenommen wurde —, in dem die Relevanz von Kulturräumen betont wird und der festschreibt, dass die Stadt ihre planerische Hoheit nutzen wird, um deren Schutz zu garantieren.

 


Aus den Gesprächen mit den Besitzern Ehrenfelder Locations geht hervor, dass es ihnen darum geht, das Potenzial ihrer Läden zu kommunizieren. »Es geht darum, Relevanzen zu schaffen und Allianzen zu schließen«, meint Amon, der gerade den Verein »Wir sind die Stadt e.V.« gründet, um eine neue Plattform für Initiativen mit ähnlichen Anliegen zu schaffen. Er verweist auf eine nicht endende Vehemenz gegenüber Verwaltung und Investoren, um darauf aufmerksam zu machen, dass es einer Stadt wie Köln auch aus wirtschaftlichem Interesse vor allem um das Gemeinwohl gehen sollte. Klare Kommunikation ist dafür unbedingt notwendig. Stefan Bohne, einer der Besitzer der Artheater, meint, dass urbane Intensivierung, also räumliche Nähe infolge von Nachverdichtung, kulturelle Belebung braucht, um Raum für Konflikte jeglicher Art zu haben, bevor sie zum Problem werden. Er ist derzeit an der Gründung eines NRW-Verbandes beteilgt, der den Austausch zwischen den Städten des Landes fördern soll, damit gemeinsam an der Definition und der Formulierung von Werten urbaner Kulturstätten gearbeitet werden kann.
Was sind das also für Orte in Ehrenfeld, die den schlich­ten Begriff »Club« ziemlich defizitär dastehen lassen? Wir stellen vier von ihnen vor.

 



Clubheim | Olympia

 


Na gut, das Olympia liegt eigentlich nicht in Ehrenfeld. Die letzten Ausreden für eine Tour ins abseits gelegene Gleisdreieck zwischen Ehrenfeld und Nippes verschwinden allerdings mit dem kommenden Frühling. Vor einem Jahr stellten sich Robert Lutz und Oliver Schneider mit der Übernahme des Gastronomiebetriebs im Vereinsheim des ESV Olympia der Herausforderung, Vereinsleben und öffentliches Interesse miteinander zu verbinden. Für die beiden, die sich ursprünglich zwischen Kunstprojekten und Vereinsarbeit verorten, war die Eröffnung ein Sprung ins kalte Wasser, das sich seitdem rasant erwärmt hat. Inzwischen müssen viele Anfragen abgesagt werden: Die große Terrasse, die Möglichkeit, den Raum zu mieten und das musikalische Programm treffen auf viel Begeisterung. Was das Olympia so charmant macht, ist die Tatsache, dass man sich als hipper Nachtschwärmer, der dem Gemunkel über die mystische Lage der Location folgt, an einer Bar wiederfindet, an der alte Pokale und manchmal genauso alte Tennisspieler hängen, an der man aber trotzdem seine Hipster-Drinks und — viel besser — ausgefallenes Bier aus dem Allgäu trinken kann. Freitagabends sind die Partys öffentlich und bieten ein musikalisches Spektrum, das sich noch nicht als programmatisch festhalten lässt, von HipHop über Funk bis hin zu elektronischen Sounds, aber nur wenig zu wünschen übrig lässt.

 

 


Artheater

 


Fast könnte man sagen, dass im Artheater die Musik nicht gebookt, sondern kuratiert wird. Wenn hier Partys oder Konzerte stattfinden, kann man davon ausgehen, dass es den Besitzern vor allem darum geht, ihren Gästen bewusst eine emotionale Erfahrung zu ermöglichen. Das Artheater entwickelte sich nach seinen Anfängen als Bühne für freie Theaterproduktionen und als Club zu einer Kulturstätte, in der inzwischen viele Konzerte und Benefizveranstaltungen stattfinden und die mit »Kunst gegen Bares« ein originelles Format zur Entdeckung von Newcomern hat. Stefan Bohne, ehemals Schauspieler und DJ, spricht dementsprechend von Transporteuren von Gefühlen, wenn er von Musik und Theater redet. Mit Blick auf die Gesellschaft und auch auf die politischen Unschönheiten müsse man sich doch fragen, wo Identifikation und Sozialisation stattfinden: »Dafür muss das Fremde hereingebracht und auch so gemeint werden.« Damit meint er Sounds und Menschen gleichermaßen. Das Artheater möchte keine Trends abbilden, sondern offen bleiben und das Publikum gerne auch mit musikalischen Experimenten konfrontieren. »Irritation und emotionale Aufwühlung« seien wichtige Faktoren, um sich in einer Gemeinschaft verorten zu können. Darüber, dass das Grundstück im Besitz der Inhaber ist und man sich nicht vor einem baldigen Ende fürchten muss, kann man sich also freuen.

 

 


Club | Bahnhof | Ehrenfeld | / | YUCA

 


Man geht in Ehrenfeld nicht verloren, wenn man sich nicht in die Wanderschaft der Freunde technoider Klänge einreiht. Der CBE ist seit der Eröffnung vor neun Jahren unverzichtbar geworden, wenn es um afro-urbane Kultur geht. Mit der Eröffnung des YUCA im kleineren Bahnhofsgewölbe nebenan schuf man zudem die Möglichkeit, auch Newcomern und Nischenmusik eine Bühne zu geben. Das Schwierige sei, so Betreiber Gabriel Riquelme, die große Fläche des CBE mit einer musikalischen Haltung zu kombinieren. Offensichtlich funktioniert es, am CBE kommt nicht vorbei, wer in Köln HipHop, Jazz oder Dancehall hören möchte. Anders als früher, als viele der Veranstaltungen noch ein Treffpunkt für kleine Communitys waren, kommen inzwischen Menschen aller Art, um zu Salsa oder Reggaeton ausgelassen zu tanzen. Auch Riquelme hat ein verblüffendes Gespür dafür, welches Programm sein Publikum glücklich macht. Dazu gehört für ihn das Versprechen, dass sein Laden ein Ort ist, an dem es keine Diskriminierung gibt. In Zusammenarbeit mit dem Antidiskriminierungbüro und dem Verein Rubicon verpflichtet sich der CBE dazu, anti-diskriminierend zu arbeiten. Wer sich bedrängt fühlt, hat mit dem geschulten Personal umgehend die Möglichkeit einer Anlaufstelle. Ein Segen, dass man hier »relativ cool mit der Stadt« ist.

 

 


Live | Music | Hall | / | Helios | 37

»Köln hat Potenzial, das die Stadt nicht ausnutzt«, meint Micki Pick, Mitbesitzer der Live Music Hall und des Helios 37, dessen Eröffnung auf den Abriss des Undergrounds auf dem gleichen Grundstück folgte. Das Helios 37 bietet Raum für kleinere Bands im Rockbereich und Partys, die musikalisch differieren. »Elektronische Musik wird verlangt, das Helios 37 will aber auch andere Sachen anbieten«, meint Pick, fragt man ihn nach dem roten Faden. Der Vertrag läuft 2021 aus, die Planung für die Fläche sieht einen Wohnungsbau rund um die Schule vor, die hier entstehen soll und wegen der in diesem Jahr auch das Heinz Gaul schließen wird. Die Verhandlungen für den Erhalt der Kulturmeile laufen, der Firma Bauwens gehört zwar das Grundstück, die Baugenehmigung jedoch erteilt die Stadt. Micki Pick kann sich Pionier nennen, wenn es um Ausgehen in Ehrenfeld geht. Die Live Music Hall ist seit 30 Jahren Zeugin der Entwicklung der »Marke Ehrenfeld«, die sich für Pick gerade im Wandel befindet. Zusammen mit Georg Schmitz-Behrenz rief er auch das Heliosfest ins Leben, das inzwischen in Zusammenarbeit mit der c/o-pop stattfindet und sich großer Beliebtheit erfreut.

 

 

 


Von: Meret Meier
«  Ein sehr weites Feld  Feiert mal ruhig –...» Datensatz 19 von 5875 insgesamt.