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Ausgabe: 0.0

Kategorie: Film
Stichwort: Bericht aus Cannes

Es gibt kein richtiges Sterben im Falschen

Deutsche Filme fehlen (mal wieder) in Cannes, dafür verfilmt Terrence Malick deutsche Geschichte - und findet zurück zu alter Form


August Diehl und Valerie Pachner in Terrence Malicks "A Hidden Life"

Bedrohte Idylle: August Diehl, Valerie Pachner (Foto: Festival de Cannes)

Kölns einziger Weltstar Udo Kier als Bösewicht (was sonst?) im brasilianischen Film »Bacurau«, eine überraschende Tanzsequenz mit Musik von Boney M. und Dschingis Khan im chinesischen Film noir »The Wild Goose Lake« — das waren in der ersten Hälfte des Wettbewerbs von Cannes die einzigen Spuren deutscher Beteiligung. 150 Filme sollen aus Deutschland für das Festival eingereicht worden sein, genommen wurde keiner. Lediglich eine Hand voll Koproduktionen hat es ins Programm geschafft. Das deutsche Branchenblatt Blickpunkt Film ätzte deswegen und im Anbetracht der vielen französischen Filme in der Auswahl vor Beginn: »Niemand muss sich dieses Fest des französischen Films als weltbestes Festival vorhalten lassen.«

 

 

Nun ja, bislang haben die meisten französischen Produktionen im Programm durchaus Weltniveau bewiesen. Und wie kommt es, dass das kleine Österreich auch dieses Jahr wieder zwei Filme in Cannes hat, während Deutschland leer ausgegangen ist? Vielleicht ist das doch nicht einfach nur mit Ressentiments gegen deutsche Filmemacher in Frankreich zu erklären.

 

 

Mit Terrence Malicks »A Hidden Life« feierte zur Festivalmitte die wohl prominenteste deutsche Koproduktion ihre Weltpremiere an der Croisette - ein Film, der zudem in Österreich und Deutschland spielt. Der Amerikaner Malick hat sich der wahren Geschichte des Österreichers Franz Jägerstätter angenommen, der gegen Ende des Zweiten Weltkriegs in Berlin als Kriegsdienstverweigerer hingerichtet wurde. Es ist sein bester Film seit seinem Cannes-Gewinner »The Tree of Life« (2011) geworden. Das liegt vor allem daran, dass Malicks poetisch-pathetisches Kino, dessen Zug zum Transzendentalen schnell nerven kann, hier das richtige Sujet gefunden hat: Jägerstätters Martyrium gibt dem Film eine Erdung, die Malicks letzte Luftnummern - von »To the Wonder« (2012) bis »Song to Song« (2017) gefehlt hat. Anders formuliert: Was dort frivol und eitel erschien, bekommt nun Gravitas. Dabei ist dies kein Film der großen Reden und Taten, ganz im Gegenteil: Fast wie Herman Melvilles Bartleby leistet Jägerstätter keinen wortreichen aktiven Widerstand, sondern verweigert sich einfach dem Falschen: einem Vernichtungskrieg angezettelt von einem menschenverachtenden Regime. Eine Begründung ist für das Offensichtliche unnötig, Kompromisse unmöglich. Der Möglichkeit statt Kriegs- Lazarettdienst zu leisten, verweigert er sich, weil er auch dafür einen Treueschwur auf Hitler leisten müsste.
Dabei wird Jägerstätters Tat nicht einfach idealisiert. Immer wieder fragt »A Hidden Life«, ob dieses heroische Opfer nicht auch ein Fall von Hochmut ist — immerhin eine der sieben Todsünden. Schließlich ist Jägerstätter, dem August Diehl eine müde Entschlossenheit verleiht, kein Einzelgänger. Er hinterlässt eine Frau, drei kleine Kinder und seine alte Mutter, die nun ohne seine Arbeitskraft in ihrem österreichischen Bergdorf einen Hof bewirten müssen - als aus der Gemeinschaft Ausgestoßene. Der Krieg wird auch ohne Jägerstätter weiter die Welt verwüsten, aber diese Menschen wären dringend auf ihn angewiesen. Adornos Gassenhauer »Es gibt kein richtiges Leben im Falschen« ergänzt Malick mit der bitteren Erkenntnis, dass es auch kein richtiges Sterben im Falschen geben kann.

Von: Sven von Reden
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