StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 6.2019

Kategorie: Film
Stichwort: »Sunset« von László Nemes

»Beschränkung ist gut für die Kunst«

László Nemes über seinen Film »Sunset«, das Drehen auf 35 mm und die Lage der Filmemacher im rechtspopulistisch regierten Ungarn


Verloren in Budapest: Juli Jakab

László Nemes

Herr Nemes, Ihr neuer Film »Sunset« handelt von der Suche einer Frau nach Ihrem Bruder im Budapest kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Sie lassen dabei viele Fragen offen. Warum?

 

Ich verstehe den Film als Mysterium, ein Labyrinth, das am Ende hoffentlich für jeden Zu­schau­er individuell und persönlich einen Sinn ergibt. Die Hauptfigur Írisz ist selbst ziemlich allein und verloren auf ihrer Suche. Ich vertraue dem Publikum, die Zeichen zu verstehen und die Lücken zu füllen. Das empfinden vielleicht manche als an­stren­gend, aber es ist meine Art, die Gren­zen des Filmischen zu erweitern.

 

 


In Ihrem Regiedebüt, dem Holocaust­drama »Son of Saul«, konzen­triert sich die Kamera auf das Gesicht und den Kopf des Protagonisten, das Umfeld ist so unscharf, dass es kaum oder gar nicht zu erkennen ist. Sie wollten damit den Schrecken im KZ bewusst nicht bebildern. Warum verwenden Sie nun erneut eine sehr ähnliche Ästhetik?

 

In »Son of Saul« war es tatsächlich eine ethische Voraussetzung. Das Geschehen konnte nicht gezeigt werden und musste sich im Kopf des Zuschauers abspie­len. In »Sunset« herrscht ein sehr eingeschränkter Blick, weil wir die Verlorenheit und Unsicherheit dieser Frau miterleben und die Welt durch ihre Augen entdecken. Mich interessiert die subjektive Erfahrung des Lebens. Die Ansätze ähneln sich also, sind aber nicht identisch.

 

 


Sehen Sie Parallelen zwischen den gesellschaftlichen Verwerfungen, die Sie im Budapest des Jahres 1913 zeigen, und heutigen Verhältnissen?

 

Auf mehreren Ebenen. Heute haben wir die Illusion, alles zu wissen, es herrscht ein permanenter Informationsfluss. Dabei wissen wir nur sehr wenig, müssen aber zu allem eine Meinung haben. Vor hundert Jahren dachten die Menschen, sie wären am Anfang eines nicht aufzuhaltenden Fortschritts. Und wie diese Welt dann kurz darauf zusammenbrach, sollte auch für uns eine Warnung sein. Es zeigt uns, wie wenig wir von unserem eigenen selbstzerstörerischen Potential ahnen. Auch wir leben wieder in gefährlichen Zeiten. Viel hat mit unserer eigenen Blindheit und dem Irrglauben zu tun, dass wir aus unseren Fehlern gelernt haben und bessere Menschen sind.

 

 


Was macht unsere Zeit gefährlich?

 

Ich habe den Eindruck, dass Europa aus dem Gleichgewicht geraten ist. Wir sind an einem Scheideweg, unter der Oberfläche ist etwas in Bewegung, dabei war Europa nie so wohlhabend und stabil. Zugleich sind wir wie besessen von der digitalen Reizüberflutung. Wir vertrauen Computern mehr als unseren Köpfen. Wenn schon Zweijährige mit Smartphones hantieren, ist unsere Vorstellungskraft in Gefahr.

 

 


Ist das auch der Grund, warum Sie auf 35mm-Film drehen und nicht digital?

 

Ich will das Physische des Mediums bewahren. Film ist mehr als bloße Information. Es ist Licht und Schatten. Es ist Magie. Die statischen Einzelbilder verwandeln sich im Gehirn in Bewegung. Wenn Sie meinen Film im Kino ansehen, verbringen Sie die Hälfte der Zeit zwischen den Bildern in Dunkelheit, ohne dass Sie es so wahrnehmen. Die Textur und die Kontraste eines Kinofilms auf 35mm sind anders, das kann man digital nie erreichen.

 

 


Ist die Arbeitsweise beim Dreh auch ein Grund?

 

Absolut. Man muss sich vorher viel genauer überlegen, wie eine Einstellung aussehen soll. Man kann nicht wie mit Digitaltechnik ein Dutzend Dinge aus­probieren, nachher schauen, was dabei rausgekommen ist und aus 600 Stunden Material einen Film zusammenbasteln. Wenn man mit 35mm dreht, trifft man vorher die Entscheidungen, nicht erst im Schneideraum. Analog zu drehen bedeutet Arbeit und Schweiß, es ist Handwerk und Kunst, es braucht Zeit. Es gibt nicht unendlich viele Möglichkeiten. Und Beschränkung ist gut für die Kunst.

 

 



Die präzise Vorbereitung ist sicher auch den sehr langen Einstellungen geschuldet.

 

Ja, wir haben lange Sequenzen mit vielen Personen, auch die Kamera ist ständig in Bewegung. Ich sehe es fast wie ein Sonnensystem, in dem die Planeten kreisen. Ich habe alle Positionen und Bewegungen vorher aufgezeichnet. Die Schauspieler hatten damit bisweilen Schwierigkeiten, weil sie nicht so frei agieren konnten, auch auf die Choreografie achten mussten. Am Set mussten wir dann anpassen, es herrschte auch ein stückweit Chaos. Am Ende war oft der erste Take der beste, weil er zwar weniger choreografiert war, aber mehr raue Energie hatte. Diese Balance zwischen Planung und Zufall gefällt mir.

 

 


In Ungarn ist eine rechtspopulistische Regierung an der Macht. Wie schwierig ist es heute dort Filme zu machen?

 

Der ungarische Filmfonds ist unabhängig von politischen Einflüssen — bislang. Es werden Regiedebüts gefördert und eine gewisse Diversität erhalten. Und wir Filmemacher sind nicht auf die Finanzierung durch Fernsehanstalten angewiesen. Wir brauchen uns nicht von Redakteuren reinreden lassen, welche Geschichten wir erzählen oder wen wir besetzen sollen. Zumindest im Moment können wir in Ungarn noch Filme drehen, die wirklich Kino sind und nicht Fernsehen 2.0.

 

 

László Nemes wurde 1977 in Budapest geboren. Er studierte Geschichte, Internationale Beziehungen und Drehbuch und arbeitete u.a. als Assistent von Béla Tarr. Für sein Langfilmdebüt »Son of Saul« wurde er 2015 in Cannes mit dem Grand Prix ausgezeichnet, außerdem mit dem Golden Globe und dem Oscar für den besten fremd­sprachigen Film. »Sunset« gewann 2018 in Venedig den Preis der Internationalen Filmkritik.

 

 


Von: Thomas Abeltshauser
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