StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 6.2019

Kategorie: Musik
Stichwort: Marie ­Davidson

Besondere Brisanz

Mit «Working Class Woman« bilanziert Marie ­Davidson die Schattenseiten der Tanzmusik — und feiert weiter


Auf dem Sprung zum nächsten Serotonin-Rausch? Marie Davidson, Foto: John Londono

Kanada wird immer beliebter bei deutschen Urlaubern. Auch als Auswanderungsziel überzeugt »the great white north« immer häufiger. Die Gründe sind zahlreich, das mo­dern-­coole Image des Premierministers Justin Trudeau ist nur einer. Die Attraktivität der kanadischen Metropolen von Toronto bis Montreal spricht sich herum; einen großen Anteil daran hat auch die Welle der Künstler*innen, die in den letzten Jahren in den Spotify-Playlisten der geschmacksicheren Pop-Fans aufgeräumt hat. Früher hießen die Helden Neil Young oder Leonard Cohen, heute halt Mac Demarco. Neben ihm, Homesick und weiteren Indie-Konsorten hat sich auch die Québécoise Marie Davidson einen Namen gemacht. Sei es mit dem ambienten Projekt Les Momies de Palerme, dem Cold-Wave-Duo Essaie Pas, das sie mit ihrem Mann Pierre Guerineau bildet, oder eben solo: grandiose Live-Shows und außerordentliche Produktionen heißt es zu entdecken. Nach ihrem Durchbruch 2016 mit dem Album »Adieux au Dancefloor« ging es durch die Clubs Europas und dem Rest der Welt.

 


Diese Erfahrungen mit den Highs und Lows des Nacht- und Tourlebens verarbeitet Davidson auf »Working Class Woman«, dem Album, das letzten Oktober auf Ninja Tune erschienen ist. »Es ist nicht alles Gold, was glänzt«, so könnte man den Plot zusammen­fas­sen. Während es selbstverständlich toll ist, feiernd Geld zu verdienen, muss man eben auch dort arbei­ten, wo andere feiern. Das Club-Leben und der DJ-Jetset sind umso verlockender, je weiter weg und mystifiziert sie beiben. Neben Drogen, Alko­hol und ganz viel Fun, wartet spätestens im Hotelzimmer der Absturz: alleine, übernächtigt und auf dem Sprung zum nächsten Serotonin-Rausch.

 


»Working Class Woman« ist aber keine bitter-böse Abrechnung, das Album bietet auch feiste Momente voller Offenheit. Diese vergessen selten, dass die Geschichte der elek­tronischen Tanzmusik auch eine der Moll-Akkorde ist, doch zu denen lässt sich ebenso  gut feiern. Gerade im Live-Kontext könnte das Spiel aus tanzbaren Techno-Elementen mit Punk-­Appeal und introspektiven, experimentellen Songs besondere Brisanz erfahren. Die rüde-ratternden Analog-Drum-­Maschinen und bösen Bass-Synths, die zwitschernden Acid-Lines und Arpeggiatoren bieten den fast schon therapeutisch anmu­ten­den Texten ein ganz eigenes Setting. Es ermöglicht abseits der hedonistischen Dancefloors eine Reflexion über die Kreaturen der Nacht.

 


Ehrlich, direkt und wirkungsvoll.

 


StadtRevue PRÄSENTIERT
Konzert: Sa 22.6., Stadtgarten, 21 Uhr

 

 


Von: Lars Fleischmann
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