StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 6.2019

Kategorie: Musik
Stichwort: Elektro Hafiz

Meinwande­rungs­land


Ab und zu gucken deutsche Feuil­le­­tonredakteure samstagabends Fernsehen, und dann, ja Wahnsinn!, ent­decken sie in den großen Spiele-Shows auf ProSieben eine ganz neue Realität: Viele der jungen Leute, die da um die Wette hangeln und abenteuerliche Event-Spiele bewältigen, stammen augenscheinlich aus Familien, die einst nach Deutschland eingewandert sind. Und, da staunt der Redakteur, es spielt in diesen Shows überhaupt keine Rolle! Dass Deutschland Einwanderungsland ist, ist in der Kulturindus­trie längst eine Selbstverständlichkeit und reflektiert, wie gebrochen auch immer, gesellschaftliche Realität. Das Staunen des Feuilletons darüber, ist ein Staunen über die eigene ­Borniertheit.

 


In den letzten drei Monaten tourte das Ehrenfelder »Dokumentationszentrum und Museum über die Mi­gra­tion in Deutschland« (Domid) mit der Ausstellung »Meinwanderungsland« durchs Land. Die Aussage ist eigentlich ganz einfach: Die Leute wandern nicht nur nach Deutschland ein, sie verändern dabei das Land, machen es auch zu ihrem, entwerfen vielschichtige, gebro­chene, hybride Identitäten. Zum Abschluss der Aus­stellungs­tour wird gefeiert, standes­gemäß
in den Bahnbögen des Ehren­felder Bahn­­hofs, wo man auch ohne Kennt­­nis des ProSieben-Programms das Meinwanderungsland Wochenende für Wochenende erleben kann.
Und ebenso standesgemäß ist das herausragende musikalische Programm — weil die Musikerinnen und Musiker sich Zuschreibungen und also Klischees entziehen und dann doch geschickt mit ihnen spielen und weil sie darüber die Lust an der Musik nicht verlieren und im Zweifelsfall statt auf »Diskurs« auf satte Beats setzen.

 


Über wen reden wir? Über den Köln-Istanbuler Saz-Spieler Elektro Hafiz, dessen Psychedelic-Dub an eine zugespitzte Version von Zappas »Hot Rats«-Jazzrock erinnert. Über Kutlu Yurtseven, den Rapper von der Microphone Mafia, der mit dem Violionisten Markus Reinhardt und Boxtrainer Rudi Rumstajn den Bogen von Django Reinhardt zu har­tem HipHop (und wieder zurück) spannt. Über Ket, die mit ihrem Album »Traverser la rue« den hie­sigen Rap durchgewirbelt hat. Und über DJ Burakete, dessen Süper­disko-­Partys all diese Musiken um­­armen und noch mal durchmischen. Mehr geht eigentlich nicht in einen Abend. Aber ab und an eine Überdosis Realität tut nicht nur Feuilletonredakteuren gut.

 






Von: Felix Klopotek
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