StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 7.2019

Kategorie: Musik
Stichwort: Doom-Special I

Zeit, Masse, Beschleunigung

Monocluster und Astral Kompakt sind zwei

der derzeit ­aufregendsten Doom- und Stoner-Bands. Sie stammen aus Köln


Überschaubares Zeichensystem, tiefgründige Musik — Doom aus Köln: Astral Kompakt

Monocluster

Matschig und staubig zugleich, schwer dröhnend, gravitätisch träge, alles niederwalzend und doch immer dann federleicht, wenn sich diese Masse in Bewegung setzt: Was für ein Klangergebnis! Seit 25 Jahren ist dieser Klang präsent, er kam genau zum richtigen Zeitpunkt, als Grunge und »Alternative Rock« sich verbraucht hatten. Kyuss hießen seine kosmischen Botschafter, obwohl sie weder die ersten waren, die ihn in ihrer Stahlmanufaktur produzierten, noch die besten. Stoner nannte sich diese Musik (in ihrer rockigen, fast schon mainstream-tauglichen Variante), Doom ist ihr wahrer Name. Sie geht zurück auf das Jahr 1970 — auf Black Sabbath, natürlich, und mindestens genauso auf Saint Vitus, die zehn Jahre nach Sabbath ursprünglich als Hardcore-Band den Heavy Sound von aller Dekadenz befreiten. Doom ist unmöglich ohne die Melvins (»Lysol«), ohne Earth, ohne Sleep — simple Namen, wenige Worte, endloses Dröhnen, zerfallene, zersägte Songstrukturen, ein minutenlang durchgehaltenes Gitarrenriff, das Schlagzeug wie ein Panzer, der Gesamt­sound immer auf der Kippe zum puren Feedback.

 


Diese Musik gilt gemeinhin als »uramerikanisch«, obwohl Sabbath Engländer sind (wie auch ihre verspäteten, gottgleichen Erben Electric Wizzard) und der Sound heute sich längst globalisiert hat. Der beliebte Youtube-Kanal »Stoned Meadow of Doom« schaufelt Woche für Woche Alben aus Polen, Bulgarien, Italien oder Argentinien an die Oberfläche — wo sie dann häufig wenig Bestand haben. Denn viele Stoner- und Doom-Bands, man muss es so harsch sagen, sind epigonal und einfallslos. Wenige Bands stechen heraus, zwei davon kommen aus Köln, sie besetzen innerhalb des Doom-Spektrums ganz unterschiedliche Pole, aber beide drücken dir die Luft aus der Brust und schleudern dich nur Sekunden später in die höchsten Höhen: Astral Kompakt und Monocluster.

 


»Wir haben zwanzig Ideen, schließlich sind es fünf, die sich durchsetzen, die werden dann noch mal gründlich geändert, wir verschieben alles, und am Ende kommt es komplett anders, als wir vorgehabt hatten«, erläutert Ewald Roth, Schlagezuger von Monocluster, die Arbeitsweise, nur um dann zu schließen »oder genauso, wie wir es am Anfang im Sinn hatten.« Roniel Müller, Gitarrist von Astral Kompakt, bringt es so auf den Punkt: »Grundlegende Formeln gibt es nicht.« Es geht angenehm lakonisch zu. Die Musik ist kein Hexenwerk. Oder doch? Beide Bands beherrschen, jede auf ihre Weise, das Spiel mit den düsteren Zeichen perfekt — den Verweisen auf eine magmaschwarze Welt jenseits des rational Zugänglichen, in die sich nur HP Lovecraft vorgewagt hatte. Und nach ihm ca. 1000 Doom-Bands. Aber trotz aller Metaphorik ist es im Prinzip keine schwarzromantische Musik, von ihr geht eine Tiefenentspannung aus, als wären die Musiker ganz nah dran am ewigen Grundrauschen, aus dem jede Musik sich herausschält, und würden nur die Basisparameter Zeit, Masse und Beschleunigung regulieren.

 


Monocluster haben im März nach vier Jahren Arbeit mit »Ocean« in Eigenregie ihr zweites Album veröffentlicht, früher, zu Quartett-Zeiten, sangen sie auf Deutsch, mittlerweile sind sie zum Trio hartgeschrumpft, Sänger und Bassist Christof Ruhbaum wechselt bisweilen ins lateinische Idiom und zitiert den Philosophen Thomas Hobbes. Könnte prätentiös wirken, tut es aber nicht, denn Monocluster verfolgen in ihrer Musik weitgespannte Bögen, in denen schwebende Gitarrensounds (Jan Moritz) schlagartig in Dampfhammeriffs umkippen können: Alles hat seinen Platz. »Ocean« ist ein reifes, durchgearbeitetes Album, in dem alle Elemente fein austariert sind. Selten klang Wucht so transparent.

 


Das alles steht Astral Kompakt noch bevor: Sie sind im Juli im Studio und werden ihr Debüt im Spätsommer oder Herbst veröffent­lichen (ebenfalls im Selbstverlag). Das Demo, das man von der 2017 gegründete Band schon jetzt hören kann, ist viel versprechend: Das Powertrio spielt ausschließlich instrumental, ihre Stücke sind schneidend und roh — hoffentlich bewahren sie sich das —, verraten die Punk- und Metalcore-Vergangenheit ihrer Mitglieder.
Doom ist wertkonservativ und sehr traditions­bewusst und stützt sich auf einen vergleichsweise kleinen Bestand von Zeichen, Symbolen und Gesten. Trotzdem kann die Musik radikal offen sein. Monocluster können so flirrend und lasziv spielen, als würden sie Texte von Jim Morrison vertonen, Astral Kompakt gießen bisweilen mono­chromen (sic!) Hardcore. Das macht die Bands, die prinzipiell stoisch an klassischen Stoner-Konventionen festhalten, gleichzeitig so unverwechselbar. Gute Nachrichten für das Kölner Musikleben. Im Juli sind beide Bands im MTC zu erleben.

 

 


StadtRevue PRÄSENTIERT

Konzert: Monocluster, So 7.7., MTC, 19 Uhr (mit King Buffalo und Child)
monocluster.bandcamp.com

 


StadtRevue PRÄSENTIERT
Konzert: Astral Kompakt, Mi 31.7., MTC, 19 Uhr, (mit The Obsessed) astralkompakt.bandcamp.com

 

 

 


Von: Felix Klopotek
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