StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 7.2019

Kategorie: Film
Stichwort: Traumathek

Flanieren statt Scrollen

Streamingportale können die Videothek nicht ersetzen — eine Hommage aus Anlass des 25. Geburtstags der Traumathek


Mehr Auswahl als Netflix: die Traumathek, Foto: Dörthe Boxberg

Egal wie effizient die Algorithmen sind, mit denen Streamingseiten den Geschmack ihrer Abonnenten ermitteln (oder doch eher einkreisen?). Egal wie viele Eigenproduktionen auch auf die Zuschauerbedürfnisse zugeschnitten werden. Und egal wie viele Blockbuster-Rundum-Sorglos-Pakete frisch aus den Multiplexen im Angebot sind. So ganz lässt sich die Streaming-Kultur nicht mit der wahren Filmliebe in Einklang bringen.

 


Man flaniert durch die Gänge einer gut sortierten Videothek, wandert mit dem Blick über die VHS-, DVD- und Blu-ray-Rücken und greift nach einem Film, den man gar nicht gesucht und dann trotzdem gefunden hat — das lässt sich beim Scrollen durch das Streaming-Angebot einfach nicht duplizieren.

 


Ein nennenswertes Filmangebot kann ohnehin noch keiner der in Deutschland nutzbaren Streamingdienste bieten. Die fast 4000 Titel im Netflix-Sortiment etwa mögen stolz klingen. Circa 2700 davon kann man als Spielfilme bezeichnen, so manche Comedy- oder Konzert-Specials werden unter falscher Flagge gelistet. Eine überwältigende Mehrheit davon (2470) sind jünger als 20 Jahre.

 


Klassiker? Autorenkino? Weltkino? Herausforderungen für erstarrte Sehgewohnheiten? Weitgehend Fehlanzeige! Ohne über die Qualität zu streiten, darf festgehalten werden, dass ein Gros des Angebots nicht beim Abwasch stört.

 


Gegen das Angebot einer gut sortierten Videothek wie der Kölner Traumathek wirkt die cineastische Welt der Streaming-Portale wie ein trostloses Brachland. Auf stolze 17.000 Titel, überwiegend Spielfilme, ist das Angebot in der Engelbertstraße über das Vierteljahrhundert des Bestehens angewachsen. Wer Hilfe bei der Auswahl benötigt, spricht mit den Angestellten vor Ort. Die Mutigen folgen nur ihrem Bauchgefühl.

 


Wer sich den errechneten Vorschlägen der Streamingdienste anvertraut, ist dazu verdammt, stets mit Ähnlichem abgespeist zu werden, das in Form und Inhalt an das bereits Gesehene erinnert. Wer sich daran nicht stört, darf sich freuen: Er oder sie muss nicht mal das Haus dafür verlassen. Wer sich ohne digitalen Kompass durchs Dickicht der Filmgeschichte schlägt, kann von kanonisierter Filmkunst und Geheimtipps über schillernden Schund und derben Reißern bis zum verschrobensten Experimentalfilm überall landen. Die Welt der Filmkunst ist in alle Himmelsrichtungen offen. Der erste Schritt führt vor die eigene Haustür.


traumathek.de

 

 


Von: Robert Cherkowski
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