StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 7.2019

Kategorie: Film
Stichwort: »Messer im Herz« von Yann Gonzalez 

»Messer im Herz«

Yann Gonzalez inszeniert einen feuchten Fieber­traum mit bösem Erwachen


La petite mort, der  kleinen Tod, bezeichnet im Französischen den Höhepunkt des Liebesspiels. Für die jungen Männern in Yann Gonzalez queerem Thriller folgt allerdings auf den kleinen Tod auch der große. Sie geraten beim Cruisen an einen Schlitzer und finden sich bald schon am falschen Ende des Dolchs wieder.

 


Da es sich bei den Opfern allesamt um Darsteller der Gay-Porn-Regisseurin Anne (Vanessa Paradis) handelt, macht diese sich Sorgen, welcher ihrer Stars als nächster den Tod finden wird. Wer hat es auf ihre Schützlinge abgesehen? Treibt sich der Killer gar hinter den eigenen Kulissen herum? Und wer sagt überhaupt, dass nur Männer zur Klinge greifen? Seit sich Anne mit ihrer Cutterin und Geliebten Lois (Kate Moran) überworfe

 

n hat, fließt auch im weiblich geprägten Teil der Produktion böses Blut.
Homo-Horror, Porno-Chic, Slasher-Eskapaden, 70’s-Extravaganz und ein mit säuselnden Keyboards versehener Soundtrack der Synthie-Popper M83 — was hier an Stilwillen und Farbenfreude aufgefahren wird, wäre selbst über­kandidelten Stilisten wie Nicolas Winding Refn (»Neon Demon«) oder Panos Cosmatos (»Mandy«) zu bunt. Wenn sich wenig bekleidete Männerkörper zu treibenden Retro-Beats im Stroboskoplicht finsterer Kellerkneipen aufheizen, maskierte Giallo-Killer in schwarzem Leder die Messer wetzen und Grazien sich durchs Nachtleben treiben lassen, ist klar, dass Gonzalez’ »Messer im Herz« kein klassischer Whodunit ein soll, sondern ein feuchter Fiebertraum mit bösem Erwachen.

 


Dennoch: Zum psychotronischen mindfuck will es nicht reichen. Zu aufdringlich und zu gewollt wird mit Hommagen an Antonioni (»Blow Up«), Friedkin (»Cruising«) und De Palma (»Body Double«) hantiert, ohne dass das Ergebnis mehr als die Summe der Teile ergibt. Neben aller Exzentrik zeichnet sich zudem eine larmoyante Didaktik ab. Originell ist der Schwanengesang nicht, der von der verebbten sexuellen Revolution, der Post-68er-Katerstimmung und dem Niedergang der Erwachsenenunterhaltung erzählt, die nach einer kurzen Phase künstle­rischen Selbstbewusstseins zum Geschäft aggressiv-verächtlicher Triebabfuhr verkam. Das Ende der Utopie von sexueller Freiheit lässt auch ohne Messer die Herzen bluten. Funktionieren will Gonzalez’ Film also nicht, doch nimmt er sein Werk dankenswerterweise nie zu ernst und geizt nicht mit schwarzem Humor der kruden Sorte.

 


(Un couteau dans le cœur) F 2018, R: Yann Gonzalez, D: Vanessa Paradis, Kate Moran, Nicolas Maury. Start: 18.7., Preview (OmU): So 8.7., Filmpalette, 21 Uhr

 

 

 


Von: Robert Cherkowski
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