StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 7.2019

Kategorie: Literatur
Stichwort: »All das zu verlieren« von Leïla Slimani

Anti-Heldin mit tausend Lieben

Leïla Slimani erzählt in »All das zu verlieren«, wie eine Frau mit Affären zu sich selbst findet


Die Pariser Journalistin Adèle führt ein Doppelleben. Zwischen dem bürgerlichen Familienidyll und ihren sexuellen Obsessionen gibt es für sie kein richtiges Leben im falschen. Die innere Leere lässt sich nur mit der Beachtung durch andere füllen, vor allem durch Männer: »Ihr Vergessen ist durchzogen von dem beruhigenden Gefühl, im Verlangen der anderen tausendfach gelebt zu haben.«

 


Von ihrem eigenen Leben ist Adèle gelangweilt. Sie wohnt mit ihrem Ehemann Richard, einem Chirurgen, und dem gemeinsamen Sohn Lucien in einem schicken Viertel von Paris. Für ihre Arbeit bei einer Tageszeitung schreibt sie über Politik und Gesellschaft und geht auf Reisen. Adèle ist unabhängig, aber unzufrieden. Auf der Suche nach Erfüllung streift sie durch die Straßen der Stadt und hat Sex mit fremden Männern: wahllos, gefühllos und oft brutal. »Sie will nur ein Objekt inmitten einer Meute sein« — und ist dafür bereit, alles zu riskieren.

 


»All das zu verlieren« ist Leïla Slimanis erster Roman. International bereits durch ihr zweites Buch »Dann schlaf auch du«, der Geschichte einer Kindsmörderin, bekannt geworden, ist ihr Debüt­roman über das Leben einer Nymphomanin nun auf Deutsch erschienen. Slimani beschäftigt darin vor allem die gesellschaftliche Rolle der Frau. 1981 in Marokko geboren, wo Frauen noch immer weniger Rechte als Männer besitzen, wurde Simone de Beauvoirs »Das andere Geschlecht« noch vor dem Politikstudium in Paris zur Offenbarung. In »All das zu verlieren« kehrt Slimani die Rolle des Sexualobjekts, wie sie Beauvoir beschreibt, allerdings um: Für die Protagonistin Adèle ist sie kein Akt der Unterwerfung, sondern der Selbstbestimmung. »Sie wäre gerne Ehefrau eines reichen Mannes, der nie da ist«, lautet die Idealvorstellung.

 


Slimanis Frauenfiguren sind keine typischen Heldinnen, die das soziale Korsett ablegen. In einem Interview mit der FAZ erklärt die Wahl-Pariserin, dass sie »keine Lust auf diese Idee der Frau als positive Figur« habe. Im Gegenteil: Die Frauen ihrer Geschichten sind Anti-Heldinnen wie Adèle, die die Abgründe moderner Gesellschaften zeigen und Leïla Slimani zu einer der interessantesten Stimmen Frankreichs machen.

 



Leïla Slimani: »All das zu verlieren«, Luchterhand, 218 Seiten, 22 Euro

 

 

 


Von: Verena Scheithauer
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