StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 7.2019

Kategorie: Musik
Stichwort: Scott »Wino« Weinrich 

Reines Muskelfleisch

Doom-Special II: Scott »Wino« Weinrich stapft beharrlich durch die Abgründe des Heavy Rock


Wino lebt in einem Trailer im Death Valley und bricht den Klapperschlangen das Genick. Anschließend brät er sie sich durch, Schlangenfleisch soll reines Muskelfleisch sein, sehr nah- und schmackhaft. Nach Sonnenuntergang schrubbt Wino stoisch ein paar Akkorde auf der Akustischen, zu Songs wollen sie sich nicht fügen, aber wenn man sie auf der E-Gitarre spielt und dazu Bass und Schlagzeug grollen lässt, werden sie zu Magma.

 


Tatsächlich lebt Scott »Wino« Weinrich in der Nähe von Washington D.C., und er hat sich auf einigen Solo-Alben als sensibler Songwriter erwiesen, vor allem in Zusammenarbeit mit dem Gitarristen Conny Ochs (seit 2012). Die Ästhetik der Reduktion behält er bei, aber die Songs, die er mit Ochs spielt, sind überraschend zurückhaltend und introspektiv. Als Gitarrist ist Wino, der als der kanonische Sänger der kanonischen Saint Vitus berühmt wurde, kein Virtuose. Aber wenn der bald 60-jährige eins beherrscht, dann die Ökonomie von Einsatz und Spannung. Er kennt sich in seiner Musik sehr gut aus. Und auch in seinem Garten: Er ist begeisterter Hobby-Gärtner, der sein eigenes Gemüse erntet. Schlangen? Eher nicht.

 


Seine Stammband ist The Obsessed, seit vierzig Jahren arbeitet er sich, sagt Wino ungeniert, am Black-Sabbath-Schock ab — aber aus der Sicht von Punk und Hardcore. The Obsessed spielen absolut schnörkellos, keine balladesken Ausflüge, kaum Variationen. Mit The Obsessed hat Wino, der längst die einzige Konstante in der Bandgeschichte ist, eigentlich nie kontinuierlich gearbeitet, er hat über Jahre andere Projekte verfolgt, Shrinebuilder und Spirit Caraven wären noch zu nennen, die alle echte Genre-Klassiker abgeliefert haben. Vor drei Jahren hat er die elegisch-epischen Spirit Caraven kurzerhand zu einer Inkarnation von The Obsessed umgewidmet.
Es geht wieder härter zu.

 


Winos unprätentiöse Stimme, er singt gepresst und leicht näselnd, erweist sich als ideales Mittel, um die dunkel dräuende Musik zu strukturieren. Seine Kunst gibt einen tiefen Einblick in eine Underground-Kultur frei, in der von den Glücksversprechen des Rock — die Aussicht auf Ruhm, Berge von Gras und Kokain und sagenhaftem Sex — nichts übriggeblieben ist. Was bleibt, ist Zähigkeit. Darin kann viel Hoffnung liegen.

 

 

 


Von: Felix Klopotek
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