StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 7.2019

Kategorie: Thema
Stichwort: LGBTIQ*

Can-Can gegen Polizeistöcke

Der Colognepride feiert LGBTIQ*-Geschichte. Vor 50 Jahren tanzten Dragqueens in New York gegen die Polizei, vor 25 Jahren wurde der »Schwulenparagraph 175« abgeschafft. Aber die Geschichte ist noch nicht zu Ende


Foto: Diana Davies New York Public Library

Das Gegenteil von gut ist manchmal gut gemeint. »So schwul ist Köln wirklich« titelte der Express Anfang Juni.  Da hatte die Stadt Köln gerade eine neue Studie über die Auswirkungen der lokalen Toleranzbemühungen auf den Wirtschaftsstandort Köln veröffentlicht. Aber um Schwule ging es in der Studie gar nicht, sondern um LGBTIQ*, also um alle Menschen, die nicht der Heteronormativität entsprechen. Kein Wunder, dass die Botschaft der Boulevardzeitung in der LGBTIQ*-Szene anders ankam. »Wer 2019 immer noch explizit benannte LBTIQ* unsichtbar macht, sollte seine Hausaufgaben noch mal machen«, schrieb etwa Marcel Dams von der Kölner Aids-Hilfe auf Twitter.

 


Diese Episode mögen manche als weiteres Beispiel für die Verirrungen der »Identitätspolitik« lesen. Dabei ist ihre Vielfalt die prägendste Eigenschaft der LGBTIQ*-Bewegung, die in diesem Jahr beim Colognepride 50 Jahre Stonewall-Aufstand feiert.

 


Am 28. Juni 1969 führte die New Yorker Polizei eine ihrer Razzien in den Schwulenvierteln durch. Wer dabei festgenommen wurde, musste ernste Konsequenzen fürchten. Neben einer Strafe drohten der Jobverlust oder das Zwangsouting vor der Familie. Aber in dieser Nacht war vieles anders. Während die Polizei in der Bar Stonewall Inn in der Christopher Street die Personalien aufnahm, versammelte sich davor eine Menschenmenge, darunter auch die beiden Dragqueens Marsha P. Johnson und Sylvia Rivera, die Anfang der 70er Jahre die Gay Liberation Front mitbegründen sollten. Erst wurde gesungen, dann flogen Gegenstände, schließlich musste die Polizei sich in der Bar verschanzen. Nach einer Dreiviertelstunde konnte sie mithilfe von Spezialeinheiten die Bar verlassen und wurde von Can-Can tanzenden Dragqueens verspottet. Die Reaktion: der Schlagstock. 50 Jahre später hat sich der Polizeipräsident entschuldigt: »Was die New Yorker Polizei damals getan hat, war falsch, schlicht und einfach.«

 


Der Stonewall-Aufstand war ein wichtiges Signal für die LGBTIQ*-Bewegung. Ein Jahr später fanden in drei US-Großstädten Demonstrationen im Gedenken an den Aufstand statt. Daraus wurde der Christopher Street Day, der heutige »Pride«. Bis die Bewegung nach Köln kam, dauerte es noch ein wenig. Im Juni 1979 fand auf dem Stollwerck-Gelände der erste Gay Freedom Day statt.

 


Stonewall ist ein wirkmächtiger Mythos. Bis heute haben Historiker nicht klären können, wer den ersten Gegenstand in Richtung Polizei geworfen hat, und ob es ein Ziegel-, ein Pflasterstein oder nicht doch ein Cocktailglas war. Die beiden Dragqueens Marsha P. Johnson und Sylvia Rivera haben die ihnen zugeschriebene Heldentat nie für sich reklamiert. Und ein Zentralarchiv zur LGBTIQ*-Geschichte, das diese Frage klären könnte, gibt es nicht.

 


Auch das Stonewall Inn selbst ist von dieser Mythologisierung nicht ausgenommen. 2016 erklärte Barack Obama es zu einem nationalen Gedenkort. Da hatten die meisten LGBTIQ*-Bars das Greenwich Village durch den Gentrifizierungsdruck längst verlassen. »Das Village ist heute eine reiche Gegend und sehr straight«, erinnert sich Martin Boyce im Interview mit dem Podcast »Making Gay History«. »In den 60er Jahren konnte jedermann einen Platz im Village finden«. Boyce ist ein »Stonewall Veteran«. Anfang Juli wird er auf Einladung des Colognepride in Köln von seinen Erlebnissen berichten. 1969 war er ein 20-jähriger Hipster, der im Greenwich Village cruiste, wo die LGBTIQ*-Community mit den Beatniks abhing.

 


Viele Zeitzeugen bezeichnen die Bar im Rückblick als Absteige, in der die Drinks mit Wasser verdünnt wurden, und die von der Mafia betrieben wurde. Diese hatte das Geschäft mit der homosexuellen Kundschaft für sich entdeckt, nachdem ein New Yorker Gericht 1966 entschieden hatte, dass Bars nicht mehr ihre Lizenz verlieren, wenn sie Getränke an Homosexuelle verkaufen. In Downtown Manhattan schossen daraufhin eine Reihe privater Schwulen- und Lesbenbars aus dem Boden. Zur schwulen Ausgehuniform der späten 60er Jahre gehörte der scare drag: Kajal und glossy Lippenstift. Auch Martin Boyce hat sie getragen. Der scare drag markierte einen Einschnitt, Schwule gingen nun in der Öffentlichkeit anders mit der allgegenwärtigen Repression um. Schon vor den Stonewall Riots hatte die Homosexuellen-Organisation Mattachine Society den New Yorker Behörden einige Erfolge abgerungen. Dabei war ihre Taktik, sich stets »respektabel« zu verhalten, etwa mit Anzug und Krawatte aufzutreten, was wiederum von vielen jüngeren Schwulen als zu defensiv empfunden wurde — auch davon ist der scare drag Ausdruck.

 


Bis heute sind die großen Erfolge der LGBTIQ*-Bewegung von dieser Spannung zwischen einem selbstbewussten Auftreten in der Öffentlichkeit und den Kompromissen mit heteronormativen Organisationen gekennzeichnet. Das gilt auch für das zweite große Jubiläum, das dieses Jahr beim Colognepride gefeiert wird: das Tilgen des Paragraphen 175 aus dem deutschen Strafgesetzbuch im Jahr 1994. Mehr als 123 Jahre hatte der sogenannte »Schwulenparagraph« zu dem Zeitpunkt existiert. In der Kaiserzeit wurde Sex zwischen Männern unter Strafe gestellt, in der NS-Zeit wurden damit Zuchthausstrafen für Homosexuelle begründet. Nach dem Zweiten Weltkrieg existierte er zunächst unverändert, bis die DDR 1957 beschloss, Vergehen gegen §175 nicht mehr zu bestrafen, und den Paragraphen 1987 endgültig für nichtig erklärte. In der BRD wurde der Paragraph zwar 1969 abgeschwächt, aber erst 1994 abgeschafft, was sowohl öffentlichen Protesten als auch der Lobbyarbeit von Juristen zu verdanken ist. 2017 beschloss der Bundestag, dass die 50.000 bis 70.000 Menschen, die in der BRD nach §175 verurteilt worden sind, entschädigt werden müssen. Ihre Erfahrungen und ihre Kämpfe sind Gegenstand einer Ausstellung des Kölner Centrums Schwule Geschichte, die bis Mitte Juli läuft. Auch die Ausstellung brachte eine Entschuldigung mit sich. Anfang Juni erklärte NRW-Innenminister Joachim Stamp (FDP): »Männer sind an der Schmach zugrunde gegangen. Viele mussten ihr ganzes Leben in dem Bewusstsein leben, dass ihre Liebe, ihr Begehren nicht geduldet wird, strafbar ist.«

 


50 Jahre nach Stonewall und 25 Jahre nach dem Ende von §175 sind Entschuldigungen für vergangenes Unrecht endlich Normalität. Der LGBTIQ*-Community wird sogar von der Stadt Köln bescheinigt, ein wichtiger Wirtschaftsfaktor zu sein. Doch damit ist nicht alles gut, denn die Diskrimierungen haben sich zu Trans*personen verschoben. Das ist ein eindeutiges Ergebnis der LGBTIQ*-Studie der Stadt Köln. Trans*personen haben ein unterdurchschnittliches Haushaltseinkommen, während die gesamte Gruppe an LGBTIQ*-Menschen überdurchschnittlich gut verdient. Und auch, wenn im vergangenen Jahr die dritte Option bei Geschlechtseinträgen möglich wurde, hat sich an der rechtlichen Diskriminierung von Trans*menschen kaum etwas geändert. Im Mai veröffentlichte die Bundesregierung einen Entwurf für ein neues Transsexuellengesetz. Es sieht vor, dass sich Trans*menschen weiterhin einem medizinischen Gutachten unterwerfen müssen, um lediglich ihren Namen zu ändern. Viele Betroffene protestierten, und auch hier wiederholt sich die Geschichte: Juristen und Mediziner schreiben Stellungnahmen und Gutachten gegen den Entwurf. Und die LGBTIQ*-Bewegung geht ab Ende Juni wieder auf die Straße — wie vor 50 Jahren in der Christopher Street.


 

 

Ausstellung:
IM NAMEN DES VOLKES !? § 175 StGB im Wandel der Zeit. 5. Juli bis 26. Juli, Historisches Rathaus

Gespräch:
»Stonewall was a riot« Die Stonewall-Veteranen. Martin Boyce und Tree Sequoia im Gespräch, 4.7., Ex-Corner, 17 Uhr

Der Colognepride hat rund um die CSD-Parade am 7.7. ein vielfältiges Programm über das Leben von LGBTIQ* zusammengestellt. Neben historischen Themen liegt ein Schwerpunkt auf der internationalen Situation von LGBTIQ*-Menschen.

Mehr Infos: colognepride.de

 

 

 


Von: Text: Christian Werthschulte
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