StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 7.2019

Kategorie: Titel
Stichwort: Klimaerwärmung

Alltag  in  der Apokalypse

Schon jetzt ist der Klimawandel in Köln zu spüren. In Zukunft aber gibt es in der Stadt noch mehr Sturz­regen, die Sommer werden noch heißer und ­trockener. Wie sieht der Alltag in Köln dann aus? Und was tut die Stadt, um sich an den Klima­wandel anzu­passen?


Fotos: Thomas Zelger

Betonvorgarten oder...

Grüner Garten

Auto oder...

Fahrrad

Wurst oder...

Gemüse

Am Fort X im Agnesviertel stehen die letzten Buchen und Linden der Stadt. »Rettet unsere heimischen Bäume«, rufen die Menschen, und umarmen ihre glatten Stämme. Doch es ist es zu spät. Die Bäume haben in diesem Jahr keine Blätter mehr bekommen, ihre Rinde längst abgeworfen. Der Hitzesommer im vergangenen Jahr war zu viel für sie. Dieses Jahr wird es noch schlimmer: Schon bis Mitte Juli gab es 60 Tage mit mehr als 30 Grad. Die Besitzer der Strandbars am Rhein freuen sich: Ihre jungen Palmen gehen gut an, Frost hat es schon in den letz­ten vier Wintern nicht mehr gegeben. In den Straßen blühen Bäume aus China und Amerika, die Pollenallergie hat nun das ganze Jahr Saison. Tankstellen gibt es keine mehr, das mit dem Spritnachschub war dann doch zu unzuverlässig geworden, seit die Schiffe im Sommer nicht mehr auf dem Rhein fahren können. Und Sommer heißt: April bis Oktober.

 


Im Hambacher Forst sind die Proteste unterdessen wie­der aufgeflammt. Vor zwei Jahren hatte der Bund ange­kün­digt, im Braunkohlerestloch ein Sondermüll-Endlager für Dämmstoffe einrichten zu wollen. Die Dämmplatten stören beim Einbau der Klimaanlagen, weshalb immer mehr Haus­besitzer den Dämmstoff einfach abreißen und illegal entsorgen.

 


Ist das unser Alltag im Jahr 2050?

 


Fragt man bei der städtischen »Koordinationsstelle Klima­schutz«, wie Köln sich an den Klimawandel anpassen will, schaltet sich direkt die Chef-Ebene des Umweltdezernats ein. Wenn es um den Klimawandel geht, will Harald Rau selbst reden. Seit fast drei Jahren ist er Umweltdezernent Kölns. Seither hat er sich immer wieder unbeliebt macht: Er will eine City-Maut, weniger Parkplätze für Autos, und schließt ein Dieselfahrverbot nicht aus, um die Luft in Köln sauberer zu machen. »Für mich steht die Lebensqualität der Menschen in Köln an erster Stelle«, sagt Rau. Und der Klimawandel könnte diese Lebensqualität stärker einschränken als jedes Fahrverbot.

 


Großstädte nehmen im Klimawandel eine entschei­den­de Rolle ein. Zum einen verbrauchen sie 80 Prozent der welt­weiten Energie und sind für drei Viertel der CO2-Emissionen verantwortlich. Köln will seine CO2-Emissionen bis zum Jahr 2030 reduzieren, doch bislang hinkt die Stadt ihren Zielen hinterher. Zum anderen wirkt der Klima­wandel sich dort besonders stark aus, wo viele Menschen auf engem Raum leben. Köln muss sich also vorbereiten, sich wappnen gegen Hitze, Dürre, Starkregen und extreme Rheinpegelstände. Rau ist mit seinem Dezernat, in dem die Koordinationsstelle für Klima­schutz angesiedelt ist, auch dafür verantwortlich, wie Köln sich an diese Folgen des Klimawandels anpasst.

 


Wenn Rau davon spricht, wie er diese Anpassung be­werk­­stelligen will, spricht er vor allem von Veränderungen im Zusammenleben, von »Transformation«. In den Bereichen Mobilität, Energie und Ernährung werde sich das Leben in Städten drastisch wandeln müssen. »Die anstehenden Transformationen kosten Kraft und werden vielleicht auch Einschnitte erfordern. Wir werden aber in vielfacher Hinsicht einen deutlich besseren Stand erreichen.« Rau hat die Vision der »Stadt des guten Lebens«.

 


Schon heute zeigt sich der Klimawandel in Köln. Im Jahr 2018 maß der Deutsche Wetterdienst (DWD) in Stamm­heim 99 Sommertage, also Tage mit mindestens 25 Grad. So viele wie noch nie seit Beginn der Messungen. Normal waren in der Vergangenheit 40 Sommertage. In ganz NRW wurden 2018 dagegen im Schnitt nur 75 Sommertage gemessen. »Köln ragt deutlich heraus. Hier zeigt sich der großstädtische Einfluss«, sagt Guido Halbig, Leiter der Essener Niederlassung des DWD.

 


Halbig und seine Kollegen haben berechnet, wie heiß es in deutschen Großstädten werden könnte, je nachdem, wie es mit dem CO2-Ausstoß weitergeht. Pusten wir weiter­hin so viel Treibhausgas in die Luft wie im Moment, sind gegen Ende des Jahrhunderts 100 Sommertage in NRW normal, so Halbig. In Köln sogar noch deutlich mehr. »Köln wird in noch extremerem Ausmaß von Hitze betroffen sein.« Im Jahresmittel werde die Temperatur in diesem Szenario bis 2100 um vier Grad Celsius steigen, sagt Halbig. Der Anstieg werde weniger dramatisch ausfallen, wenn die CO2-Emissio­nen rasch gesenkt würden. Doch Halbig gibt zu bedenken, dass die Emissionen weltweit bislang, trotz aller Klimaabkommen, sogar noch gestiegen sind. »Leider ist das Worst-Case-Szenario ganz und gar nicht unmöglich.«

 


Die Meteorologen erwarten aber nicht nur mehr Hitze, sondern auch häufigere Trockenphasen und mehr Dauerregen. Der Jetstream, ein vom Temperaturunterschied zwi­schen Nordpol und Äquator angetriebener Höhenwind, ist durch die Erwärmung der Arktis in den vergangenen Jahren schwächer geworden. Hoch- und Tiefdruckgebiete wechseln sich viel seltener ab, so dass es häufiger wochenlang heiß und trocken wird, oder aber wochenlang regnet. Auch die Gefahr von Starkregen wächst: »Wenn es wärmer wird, steigt die Gefahr von extremem Niederschlag«, so Halbig.

 


Im Vergleich mit anderen Städten habe Köln sich früh darüber Gedanken gemacht, wie man sich an die drohenden Veränderungen anpassen könnte, findet Guido Halbig vom Deutschen Wetterdienst. »In Köln ist die Bedrohung durch Extremwetter aber sehr hoch und Anpassungsmaß­nahmen sind besonders nötig.« In der Studie »Klimawandel­gerechte Metropole Köln«, die der DWD im Jahr 2013 mit dem Landesumweltministerium, der Stadt und den Stadtentwässerungsbetrieben durchgeführt hat, stellte man mit Schrecken fest, dass es in der Kölner Innenstadt in heißen Sommernächten mehr als 10 Grad wärmer ist als im Umland.

 


Während die Stadt mittlerweile auf zukünftige Hochwasser vorbereitet ist, stellt nun Starkregen die größte Herausforderung der Stadtentwässerungsbetriebe dar. Anders als Hochwasser, kann Starkregen überall auftreten und ist kaum vorhersehbar. Frühestens zwei Stunden, bevor der Sturzregen vom Himmel fällt, kann man die Menschen warnen. Das ist nicht viel Zeit. Keller und Tiefgaragen laufen voll, aber auch die städtische Infrastruktur wird geschädigt, U-Bahn-Stationen werden geflutet, der Verkehr kommt zum Erliegen.

 


Besonders heftig war es am 19. Juli 2017, als ein Unwetter vier Fünftel des Kölner Stadtgebiets überzog, ein Ereignis, das statistisch bloß alle hundert Jahre auftritt. In zwei bis drei Stunden gab es mehr als 60 Millimeter Niederschlag — das sind innerhalb von drei Stunden rund 8 Prozent der gesamten jährlichen Regenmenge in Köln. Dabei wurde unter anderem die KVB-Haltestelle Geldernstraße in Nippes geflutet.

 


Henning Werker, Leiter der Hochwasserschutzzentrale, ist bei den Stadtentwässerungsbetrieben Köln (StEB) zudem für Planen und Bauen zuständig, und damit auch für den Schutz bei Starkregen. Köln gilt in dieser Hinsicht unter Fachleuten als vorbildlich. So hat Köln seit März 2017 als erste deutsche Großstadt eine Gefahrenkarte für Starkregen online. Sie zeigt bis auf die Ebene einzelner Grundstücke die Auswirkungen von außergewöhnlichem und extremem Niederschlag; ergänzend stehen dort für das jeweilige Grundstück auch Informationen zu Auswirkungen von Hochwasser und dem damit zusammenhängenden Grundhochwasser bereit.

 


Starkregen bilden sich mittlerweile früher im Jahr, oft schon im April — auch das ein Effekt der allgemeinen Erwär­mung. »Viele Menschen sind sich der Gefahr durch Stark­regen gar nicht bewusst«, sagt Werker. Auch beim Bauen würde das noch nicht immer ausreichend beachtet. »Dann dringt das Wasser durch Kellerabgänge und Lichtschächte ein und macht alles zu Sperrmüll.«

 


Vor allem mehr Grünflächen in den dicht bebauten ­Quartieren der Innenstadt könnten vor den Folgen des Starkregens schützen. Das Wasser kann abfließen und wird dort aufgefangen. »Aber wir haben das Problem, dass die öffentliche Grünfläche sämtliche Schäden, die durch Bebauung verursacht werden, auf­fangen muss. Die Grünfläche muss Spielplatz, grüne Lunge, Hundewiese, Aufenthaltsort und jetzt auch noch Reten­tionsraum sein — das sind widerstrebende Interessen.« Multifunk­tionale Flächennutzung ist das Schlagwort: Plätze werden zum Beispiel so angelegt, dass sie in einer Senke liegen und im Notfall große Mengen Wasser aufnehmen können.

 


Neben mehr Grünflächen in der City würden auch neue Gullys auf den Straßen helfen, sagt Henning Werker. »Die Transportsammler des Kölner Kanalnetzes sind bei Starkregen oft gar nicht voll gefüllt, sie könnten bei Starkregen noch große Wassermengen aufnehmen — allerdings sind die Gullys und anderen Einläufe derzeit nicht darauf ausgerichtet.« Wenn bei einem Stark­regen Laub oder Müll auf den Gullyrosten liege, verstopfe der Ablauf, sagt Werker. Dann staue sich der Niederschlag auf den Straßen, der Verkehr breche zusammen, und das Wasser laufe in die Keller, in Tiefgaragen und U-Bahn-­Stationen. Was tun? Werker sagt, dass mit Solingen und Wuppertal an einem neuen Gully-Standard gearbeitet werde, mit dem das Wasser schneller in den Kanal gelange. »Aber dann müssten wir ja die 100.000 Gullys in der Stadt er­neuern«, sagt Werker.

 

»Vielleicht reicht es auch, die Menge der üb­lichen Gullys einfach zu verdoppeln. Aber das geht immer nur dann, wenn ohnehin eine Straße saniert wird.« Überhaupt sei es besser, wenn der Regen ­gar nicht in die Kanalisation flösse, sondern vor Ort ver­sickerte, sagt Werker.
Die StEB haben mit der Stadt Köln mehrere Leitfäden zur Wassersensi­bilität herausgegeben, für Architekten, Investoren, private Hausbesitzer, aber auch für die Stadtverwaltung. »Jeder Hausbesitzer sollte prüfen, ob Flächen nicht entsiegelt werden können«, sagt Werker. Köln sei so dicht bebaut, dass es in Zukunft eher um den Umbau im Bestand ergänzend zum Neubau gehen müsse. Solche Maßnahmen werden von den StEB eingefordert und durch das städtische Programm »Grün hoch drei« finan­ziell gefördert. »Wir benötigen so wenig versiegelte Flächen wie möglich.«

 


Derzeit diskutiert man auch bei den StEB aber auch, ob man etwa unter öffentlichen Plätzen das Regenwasser in Reservoirs zwischenspeichern könnte. »Es wäre eine Investition in die Zukunft, um die Grünflächen künftig mit Regenwasser statt mit Trinkwasser zu bewässern.« Außerdem könnte man die Reservoirs vor einem Starkregen leeren und als Auffangeinrichtung nutzen. »Das rechnet sich nur dann, wenn es ohnehin große Baumaßnahmen gibt«, sagt Werker. Längst macht auch in den Verwaltungen das Wort von der Wassersensibilität die Runde, als »blau-grüne Stadtentwicklung«, so Werker. Wassersensibles Handeln sei eine Querschnittsaufgabe.

 


Flächen zu entsiegeln, ist ein guter Schutz gegen die Folgen des Starkregens, klimatisch haben Wiesen und Rasen allerdings eine nur geringe Bedeutung, sagt Joachim Bauer vom Grünflächenamt. Grün entwickeln heißt für ihn vor allem: Bäume pflanzen. »Wiesen trocknen schnell aus. Bäu­me aber können auch bei großer Trockenheit noch viel Transpirationskühle erreichen.« Bauer leitet den Arbeitskreis Stadtbäume der Deutschen Gartenamtsleiterkonferenz. Mit Kollegen aus anderen Großstädten testet er 36 Baumarten darauf, wie sie sich für die heißen und trockenen Sommer der Zukunft eignen. Bäume aus wärmeren Ländern sind schon jetzt ein gewohnter Anblick im Straßen­bild: Platanen oder Ginkgo kommen im Asphalt gut zurecht.

 


Bald könnte ihnen der im Hochsommer blühende Schnurbaum aus Japan häufiger Gesellschaft leisten, von dem bereits ein Exemplar am Rudolfplatz steht, oder der Lederhülsenbaum aus den USA, den man an der Venloer Straße findet. Nicht-heimische, hitzefeste Bäume haben aber auch Nachteile, Vögel etwa akzeptieren sie nicht immer als Nistplatz. »Aber wenn wir nur auf heimische Waldbaumarten wie Linden oder Buchen setzen würden, hätten wir bald keine Straßenbäume mehr in der Stadt«, so Bauer. Fünfzig Bäume sind im heißen, trockenen Sommer 2018 gestorben. Das klinge erst mal nicht nach viel, sagt Bauer. Doch viele andere Bäume seien durch die Trockenheit geschwächt und anfällig für Schädlinge und Krankheiten. So sind Platanen in Köln vom Massaria-Pilz und Ahorne von der Rußrindenkrankheit befallen. »Diese Schwächung durch Hitzeperioden ist ein neues Phänomen.«

 


Wenn wir bald von subtropischen Bäumen umgeben sind, sehen unsere Häuser dann auch bald aus wie am ­Mittelmeer? »In der Tendenz ist das schon sinnvoll«, sagt Thomas Luczak. Der Architekt hat sich viel mit ökologisch nach­haltigem und klimaangepasstem Bauen beschäftigt. Luczak arbeitet in einem Gründerzeithaus in Ehrenfeld, in dessen Mitte er ein Atrium mit Glasdach gesetzt hat. »Klimatisch ist das sehr günstig, weil es die Luft zirkulieren lässt«, sagt er. Die richtige Belüftung sei entscheidend, um der zunehmenden Hitze zu trotzen. »Dicke Wände, etwa aus Ziegelsteinen, haben eine ausgleichende Wirkung und können Temperaturspitzen abfedern.« Leider falle die Wahl bei Neubauten aber häufig auf möglichst dünne Wände, weil Investoren die knappe Fläche maximal ausnutzen wollen.

 


Der Druck auf die Flächen und damit auch auf Grün­­flä­chen wächst. Die Stadt benötigt mehr Wohnungen. Mit dem Inneren und Äußeren Grüngürtel hat Köln Grünflächen, die eine wichtige Funktion fürs Klima erfüllen. Aber selbst hier gibt es Begehrlichkeiten. Sei es, dass die Stadt Potenziale für den Wohnungsbau sieht, sei es, dass der 1.FC Köln seine Trainingsflächen erweitern will. »Grünflächen erhalten und entwickeln ist die beste Klimaanpassungsstrategie«, so der stellvertretende Leiter des Kölner Grünflächenamts Joachim Bauer.

 


Für Landschaftsarchitekten ist der Spielraum in der Innen­stadt ohnehin begrenzt. Wo kann man hier noch Was­serflächen schaffen, die die Umgebung herunter­kühlen? »Eine Möglichkeit, mehr Wasser in die Stadt zu holen ist es, verrohrte Bäche wieder an die Oberfläche zu holen«, sagt der Kölner Landschaftsarchitekt Thomas ­Knüvener. In einem Wettbewerb zum großen Städtebauprojekt Parkstadt Süd schlug sein Büro vor, einen nördlich des Landgerichts verlaufenden Bach wieder freizulegen. Zwar wurde seine Idee nicht aufgenommen, dennoch will die Stadt es auf dem Großmarktgelände in Raderberg, das auch Teil der Pla­nungen für die »Parkstadt Süd« ist, besser machen. Das Gutachten zur »Klimawandelgerechten ­Metropole Köln« empfiehlt etwa eine »Ausrichtung der Gebäude-Längs­achs­en in Richtung der Durchlüftungs­bahnen, die Verschattung von südlich und westlich aus­gerichteten Fas­saden mit Bäumen beziehungsweise Fas­sadenbegrünung und die klimatisch optimale Anlage von Grünflächen und Parks.«

 


Einen Bewusstseinswandel hat in dieser Hinsicht der Architekt Luczak bei Bauherren festgestellt. So seien zuneh­mend Terrassen im Halbschatten gewünscht, sagt er. »Denn selbst unterm Sonnensegel wird es im Sommer sonst zu heiß«. Für Baugruppen hat Luczak mehrfach Dachgärten entworfen, auf denen sogar Bäume stehen und Gemüse angebaut wird. »Das kühlt und schafft Freibereiche, für die unten der Platz fehlt«, so Luczak. Möglich ist eine solche Dachbegrünung nur auf Flachdächern. So schaffe der Klima­­wandel eine neue Bautypologie, sagt Luczak: mit Dachgärten, Atrien oder anderen Belüftungskorridoren sowie Sonnenschutz, etwa durch Fensterläden.

 


Hitze ist auch ein Problem an Arbeitsplätzen, etwa in schlecht klimatisierten Werkshallen oder LKW-Fahrer­kabi­nen. Deshalb sorgt sich die Wirtschaft nicht nur, dass sie durch den Klimaschutz, etwa eine CO2-Abgabe, ins ­Hintertreffen geraten könne, sondern auch um Aus­wir­kun­gen des Klimawandels auf Infrastruktur und Wertschöpfungsketten: Der Energiewirtschaft könnte das­ Was­ser für die Kühlung von Kraftwerken ausgehen, Stürme könnten Windparks beschädigen, Rohstoffe ­könnten nicht rechtzeitig eintreffen, weil Flüsse Niedrigwasser haben, und die Finanzwirtschaft sorgt sich, dass langfristige Investitionen nicht mehr sicher sein könnten und von Hitze, Sturm oder Überschwemmungen ­zerstört werden.

 


»Wir müssen vor allem seriöse Fakten ermitteln, wie sich der Klimawandel in der Region auswirkt, um dann konkrete Maßnahmen zu ergreifen«, sagt Elisabeth Slapio, Geschäfts­führerin Innovation und Umwelt der IHK zu Köln. Die technologische Entwicklung zu nutzen, stelle zudem auch einen Wettbewerbsvorteil dar. Durch Wärme-Rückgewinnung ließe sich Energie sparen, und moderne Klimaanlagen kämen mit weniger Energie aus, um Räume zu kühlen. »Da können wir von Ländern lernen, wo es ohnehin heißer ist.« Überhaupt will Slapio mehr Vernetzung und Wissensaustausch unterstützen — zwischen den Unternehmen, aber auch von Unternehmen mit Universitäten und Forschungseinrichtungen wie etwa der RWTH in Aachen oder der DLR in Köln, wo unter anderem zum Verkehr der Zukunft geforscht wird. Es gehe darum, gemeinsam praktische Lösungen für eine Anpassung an den Klimawandel zu entwickeln.

 


Doch ganz ohne Umstellungen wird es nicht gehen. Die Unternehmen diskutierten bereits vielfältige Möglichkeiten, sagt Slapio. Neue Arbeits­zeitmodelle, die Verlagerung von Produktionszeiten auf kühlere Tageszeiten oder in die Nacht seien denkbar. »Und wenn durch den Klimawandel etwa Transportwege durch Niedrigwasser der Flüsse oder Starkregen und Stürme gestört werden, müssen wir womöglich das Just-in-­Time-Prinzip überdenken und neu über Bevorratung nachdenken«, sagt Slapio. Auch Alternativen zum LKW-Verkehr müssten untersucht werden. »Da gibt es mehr Ideen als eine Autobahnspur mit E-Lastwagen.«

 


Der Klimawandel ist auch ein gesundheitliches Problem. »Die unmittelbaren Zusammenhänge zwischen Klima und Gesundheit werden hierzulande auch in der Klimapolitik und Klimabewegung noch nicht ausreichend verstanden, berücksichtigt und umgesetzt«, heißt es Ende April im Bundesgesundheitsblatt, das unter anderem vom Robert-Koch-Institut in Berlin herausgegeben wird. An der Berliner Charité wurde gerade die erste Professur für Klimawandel und Gesundheit in Deutschland eingerichtet.

 


Die Hitzewelle von 2003 ließ schätzungsweise 7000 Menschen an Herzinfarkten und anderen Herz-Kreislauf- sowie Atemwegserkrankungen sterben, hinzu kamen ­Stoffwechselstörungen und Nierenversagen. In dicht bebauten Stadtgebieten und durch erhöhte Feinstaub- und Ozonwerte steigt das Risiko an, wie unter an­derem eine aktuelle Analyse des Robert-Koch-Instituts festgestellt hat. »Starke und/oder längere Hitzewellen führen dabei regel­mäßig zu einer erhöhten Mortalität, besonders in den älteren Altersgruppen«, heißt es Anfang Juni im Epide­miologischen Bulletin des Robert-Koch-Instituts, das mit neuen sta­tis­tischen Verfahren die bisherigen Schätzungen bestätigt. Aber nicht nur alte und kranke Menschen werden darunter leiden, sondern auch Kinder. Was bedeutet das etwa für die Gestaltung von Pflegeeinrichtungen, von Kitas und Schulen? Krebsforscher plädieren für mehr Schattenplätze in Kitas, Kindergärten und Schulen, durch den Klimawandel und erhöhte UV-Werte steigt auch das Hautkrebsrisiko.

 


Noch sind die gesundheitlichen Folgen des Klimawandels nicht zu überblicken. Einiges aber ist wahrscheinlich: Die Pollensaison wird Allergiker früher im Jahr und länger betreffen, zudem ist zu erwarten, dass sich invasive Pflanzen allmählich ausbreiten, die Allergien auslösen können. Dazu zählt etwa Ambrosia, das Beifußblättrige Traubenkraut, es blüht dann von Juli bis zum ersten Frost. Zudem könnten Infektionskrankheiten zunehmen. Heimische Krankheitserreger wie Borrelien und Frühsommer-Meningo­enze­pha­litis (FSME) könnten sich stärker ausbreiten — aber auch Dengue- und Chikunguny-Fieber, die über die Asiatische Tigermücke übertragen werden. »Man geht von einem Übertragungspotenzial aus, das mehr als zwanzig Viren umfasst«, heißt es unter anderem beim Umweltbundesamt. In Süddeutschland soll die höchst aggressive Tigermücke bereits überwintert haben. Auch neue Zecken wurden registriert, die tropische Hyalomma-Zecke hat erstmals in Deutschland überwintert.

 


Solche Schreckensszenarien vor Augen, hat auch der Verein Region KölnBonn eine »Regionale Klimawandelvorsorgestrategie« erarbeitet und seine Analysen im Juni 2019 vorgestellt. Auch hier wird noch einmal die Ausgangslage präsentiert: Während der Rhein-Erft-Kreis westlich von Köln vor allem mit Trockenheit und das Bergische Land im Osten mit Sturzfluten zu kämpfen hat, ächzen die Städte Leverkusen, Köln und Bonn in der Rheinschiene besonders unter der Hitze. Auch hier lautet wieder der Lösungsvorschlag: Hitze lässt sich am besten mit mehr Grünflächen kompensieren. Nur, woher soll Köln die Flächen nehmen?

 


»Die Innenstadt ist bereits gebaut«, sagt der Landschaftsarchitekt Thomas Knüvener. »Hier kann man nur noch umverteilen.« Den größten Spielraum sieht Knüvener beim Verkehr: Man müsse den Autos Platz nehmen, vor allem dem parkenden Verkehr, um die Fläche zu entsiegeln, Bäume zu pflanzen und Bereiche zu schaffen, wo das Regen­wasser versickern kann. »Das bedeutet dann eine Umstellung der Lebensweise.« Auch Kölns Umweltdezernent Harald Rau hat sich auf den Verkehr eingeschossen. Bisher werde Autofah­renden in der Stadt überproportional viel Raum zur Ver­fügung gestellt, »den sie eigentlich gar nicht bezahlen«.

 


Er möchte eine »Platzgerechtigkeit« zwischen Menschen und Verkehrsmitteln erreichen. Mehr Platz für Menschen, das hieße auch mehr Platz für Bäume und Grün — und für den Klimaschutz. Die CO2-Emissionen gingen seit 1990 in vielen Bereichen zurück, erklärt Rau. »Im Verkehr aber steigen sie weiterhin an. Wenn es darum geht, CO2 ein­zu­sparen, ist das Potenzial im Bereich Verkehr mit Abstand am größten.« Wenn Köln seine Klimaschutzziele für 2030 erreichen will, hat das Wuppertal-Institut errechnet, dürfte der Anteil von Autos im Kölner Verkehr nur noch bei zehn Prozent liegen. Derzeit sind es knapp 35, die Pendler nicht eingerechnet. »Wir müssen für die Menschen erfahrbar machen, dass eine neue Stadt auch eine gute Stadt ist«, sagt Rau. Ganz ohne unbequeme Maßnahmen wie eine City-Maut, eine CO2-Steuer oder das Wegnehmen von Parkplätzen gehe es aber nicht.

 


Um in Köln so etwas wie Klimagerechtigkeit zu erreichen, müsse man eben Prioritäten setzen, sagt Rau. »Diese Priorisierungskultur fehlt uns aber.« Wenn Köln nicht der Hitzschlag treffen soll, wird es die Umwelt künftig weit oben einordnen müssen.

 

 

 

 


Von: Jan Lüke, Anne Meyer, Bernd Wilberg
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