StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 8.2019

Kategorie: Kommunal
Stichwort: E-Scooter

Hyper Hyper

E-Scooter überrollen Köln. Sind die Elektroroller die Zukunft der urbanen Mobilität?


Unbeschwerte Ordnungswidrigkeit: E-Scooter-Fahrer am Kennedy-Ufer in Deutz, Foto: Tom Zelger

Eine Verkehrskontrolle kann teuer werden, auch wenn man gar nichts falsch gemacht hat. »Das kostet aber pro Minute«, sagt der junge Mann, als er am Heinrich-Böll-Platz mit seinem E-Scooter angehalten wird. Die Polizeibeamten sind unbeeindruckt. Sie prüfen Versicherungsschutz, Licht, Bremsen und die Angabe der Höchstgeschwindigkeit, befragen den Fahrer nach Alter und Fahrtauglichkeit. Alles in Ordnung — der Kontrollierte surrt mit dem Zweirad leise davon ins Getümmel auf der Hohenzollernbrücke.

 


»Die Scooter sind blitzartig im Stadtbild aufgetaucht. Wir müssen uns noch daran gewöhnen«, sagt Uwe Jacob. Wie dem Kölner Polizeipräsidenten geht es derzeit vielen. Seit knapp einem Monat überfluten E-Scooter die Stadt. Am 15. Juni hatte die Bundesregierung die »Elektrokleinstfahrzeuge-Verordnung« erlassen und damit den Startschuss für einen Verteilungskampf gegeben. Internationale Anbieter wollen den deutschen Markt erobern, vor allem Großstädte.

 


In Köln haben drei Verleiher — Circ, Tier und Lime — knapp 2000 Fahrzeuge ausgebracht, die innerhalb von Stunden einen Hype auslösten. Die Anbieter versprechen einen wertvollen Baustein in der urbanen Mobilität — nachhaltig, agil, smart. Wie bei den Leihfahrrädern, die bereits seit einigen Jahren in der Stadt unterwegs sind, handelt es sich um »Free-Floating-Modelle«: Die Roller können in vorgegebenen Gebieten im öffentlichen Raum entliehen und wieder abgestellt werden, man leiht und bezahlt per App, alles innerhalb von Sekunden. Die Verleiher wollen so die »Mobilität für immer verändern«, sie versprechen ein ungeahntes Verkehrsgefühl: »Steig auf, öffne deine Augen, erlebe.«

 


Erlebt hat Köln bereits viele Probleme. Die Roller liegen im Weg herum oder fahren dort, wo sie nicht dürfen, vor allem auf Gehwegen. Eigentlich gehören die Fahrzeuge auf Radwege oder die Straße. »Die Scooter sind ein vollwertiges Verkehrsmittel, werden aber noch nicht so behandelt«, sagt Polizeipräsident Uwe Jacob. Tatsächlich wirkt es bislang, als wäre E-Scooter-Fahren eine neue Form der Freizeitgestaltung und nicht eine neue Form der Mobilität. Nutzer fahren nicht nur kreuz und quer durch die Stadt, sondern nicht selten auch zu zweit auf einem Fahrzeug oder mit dem Handy in der Hand. Die Polizei hat ihre Kontrollen aus Sorge um die Verkehrssicherheit bereits verschärft, die Bußgelder liegen zwischen 15 und 30 Euro, bei manchen Vergehen sind auch Strafanzeigen möglich. »Das Stadtgebiet in Köln war schon eng, und es wird mit jedem neuen Verkehrsmittel enger«, sagt Polizeipräsident Jacob. Zudem könne man als ungeübter Fahrer mit den Rollern, die zügig auf 20 km/h beschleunigen, leicht stürzen.

 


Wie groß aber sind die Chancen, die diesen Risiken entgegenstehen? Mit einer Bewertung hält sich die Stadt zurück. »E-Scooter können ein Baustein sein, um den motorisierten Individualverkehr zu reduzieren«, sagt Verkehrsdezernentin Andrea Blome. Es gibt gute Gründe zur Skepsis. Zum einen ist die Nutzung der E-Scooter nicht günstig: Das Entsperren eines Scooters kostet jedes Mal einen Euro, jede Minute danach 15 Cent. Mit Leihrädern kommt man deutlich preiswerter durch die Stadt, und selbst mit der KVB ist es billiger. Zum anderen gibt es bislang keine Daten, ob das neue Verkehrsmittel tatsächlich den Umstieg vom Auto begünstigt oder bloß Menschen anspricht, die sonst mit der Bahn oder dem Leihrad gefahren wären. Die E-Scooter sind ein Experiment auf Kölns Straßen.

 


Bei der Zusammenarbeit mit den Verleihern kann die Stadt hingegen auf Erfahrungen zurückgreifen, die sie in den vergangenen Jahren mit Anbietern der Leihräder gesammelt hat. Auch mit den E-Scooter-Verleihern hat man sich auf Richtlinien verständigt. Ein »Ausbringungsplan« weist Verbotszonen für das Abstellen der Roller aus, etwa rund um den Dom oder in Kölner Grünflächen. Ein »Qualitätsagreement« regelt etwa die Wartung der Fahrzeuge oder die Erreichbarkeit bei Beschwerden. Die Anbieter haben »großes Interesse an einer guten Zusammenarbeit«, heißt es aus der Verwaltung. Die Unternehmen wollen es sich nicht mit der Stadt verscherzen. Ob die bisherigen Anbieter ihre Flotte erweitern oder sogar weitere Verleiher in Köln hinzukommen, weiß die Verwaltung nicht. Es sei »von kurzfristigen Änderungen und Markteinstiegen auszugehen«.

 


Das Geschäftsmodell der E-Scooter-Verleiher vermarktet zwar nachhaltige Mobilität, hat ökologisch aber Defizite. Die Halbwertszeit der Roller liegt bei deutlich unter einem Jahr, dann sind die Geräte schrottreif. Außerdem werden die Roller selbst zwar elektrisch angetrieben, zum Aufladen aber mit Autos oder Transportern eingesammelt und wieder ausgebracht. Das erledigen Mitarbeiter, die je nach Unternehmen mal »Juicer« und mal »Ranger« genannt werden. Mit denen will man zwar »gemeinsam eine bessere Welt aufbauen«, wie es in der Stellenausschreibung eines Anbieters heißt. Beschäftigt werden sie aber nur als Minijobber oder Freiberufler und müssen eigene Transportfahrzeuge nutzen.

 

 


Von: Jan Lüke
«  Kleinkariert  Klimanot im Wartestand» Datensatz 46 von 6009 insgesamt.