StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 8.2019

Kategorie: Musik
Stichwort: Festival FELIX

Gestern für Heute

Das Festival FELIX! Original. Klang. Köln. feiert die Barockmusik


Die Vergangenheit im Blick: Musica Sequenza, Foto: Yoann-Pisterman, Foto: Yoann-Pisterman

Köln ist Zentrum der Neuen Musik —und ein Zentrum der Alten Musik. Künstlerisch begegnen sich beide Welten selten, aber trotzdem besteht zwischen den Szenen eine Art Komplizenschaft, ein unausgesprochenes Bündnis: Denn sie stehen für eine andere Musikgeschichte, die die (häufig auch selbstproduzierten) Klischees der sogenannten Klassik hinter sich lassen, sie stehen für ein anderes Hören, einen anderen Umgang mit Aufführungen, Instrumenten, Klang. Jetzt werden diese zeitlich weit auseinanderliegenden Welten zumindest institutionell gerahmt. Denn wie das avantgardistische Acht-Brücken-Festival wird das Barockmusikfestival »FELIX! Original. Klang. Köln.« von der Philharmonie initiiert.

 


Der Name ist eine Hommage an Felix Mendelssohn Bartholdy, der 1829, als er 80 Jahre nach Bachs Tod dessen Matthäus-Passion erstmals wieder aufführte, die »Alte Musik« überhaupt erst erfunden hat. Ging es  Mendelssohn Bartholdy um die Aneignung von Geschichte, die Behauptung einer Kontinuität durch die Rekonstruktion einer Tradition, so hat sich in unserer Zeit der Bezug auf Barockmusik publikumswirksam völlig gewandelt: Das Publikum will Authentizität, es will Originalinstrumente hören und eine Aufführungspraxis erleben, die historisch korrekt ist. Natürlich kann das nicht gelingen, selbst wenn Barockmusik unter exakt identischen Bedingungen aufgeführt würde — unsere Ohren sind nun mal die des 21. Jahrhunderts.

 


Diese Sehnsucht nach Authentizität drückt sich noch im Titel des aktuellen Festivals aus (»Original. Klang. Köln.«), aber tatsächlich geht es in den Konzerten nicht um die letztlich unmögliche Entdeckung einer unverfälschten Vergangenheit, sondern um die Erweiterung unseres Hörens. Die Eröffnung des Festival mit einer Countertenor-Gala und der Aufführung des satirisch-prallen Singspiels »Die Aufteilung der Welt« von Giovanni Legrenzi (1675) versprechen, pardon, klassisches Spektakel. Aber der Höhepunkt findet am 31.8. statt, wenn sich das Festival in die Stadt hinein öffnet und den ganzen Tag über an zahlreichen Spielstätten Konzerte und Performances stattfinden.

 


Der Bogen wird sehr weit gespannt, er umfasst nicht nur Monteverdi, Bach oder Telemann, sondern auch Musik für Kinder (»Die Konferenz der Vögel«), die alte Kunstmusik Persiens und sogar balinesischen Gamelan. Mit Burak Özdemirs Händel-Dekonstruktion findet tief in der Nach dann noch der Handschlag mit der DJ-Kultur statt. So wird das »Gestern« für »Heute« bewahrt:
als Bereicherung.

 

 



29.8.–1.9., Philharmonie und diverse Spielstätten, Programm unter koelner-philharmonie.de/felix

 

 

 


Von: Felix Klopotek
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