StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 8.2019

Kategorie: Musik
Stichwort: Berthold Seliger

Spaß im Überwachungskapitalismus

Berthold Seliger rechnet mit der Eventisierung von Musik und Festivals ab


Immer wieder bemerkenswert, wenn die eigenen Vorstellungen vom Wahnsinn des Kapitalismus übertroffen werden. Da denkt man, es könne einen nichts mehr überraschen und stößt dann auf Bücher wie »Vom Imperiengeschäft« von Berthold Seliger. Es ist sein viertes Buch über die Musikbusiness-Branche, die der Autor als Konzertagent sehr gut kennt und deren Strukturen und Perfidie er gnadenlos offenlegt.

 


Seine Analysen beschränken sich nicht auf Veranstaltungsmanagement und Ticketing, denn die Konzerne, mit denen er abrechnet, agieren längst über diese Bereiche hinaus. Von der linken Überholspur kommend (Marx, Bourdieu, Marcuse und vor allem Adornos Kritk der Kulturindustrie lassen grüßen) beschreibt Seliger, wie seit den 60er Jahren Profite mit dem Konzert-, und Festivalgeschäft gemacht werden und wie sich ein paar Konzertgiganten in nur kurzer Zeit ein Imperium erschaffen haben, das längst die Politik, das Immobiliengeschäft und natürlich Verbraucher innen und Verbraucher im Griff hat.

 


Wenn von Konzertgiganten die Rede ist, meint Seliger zunächst Live Nation, AEG und CTS Eventim. Deutlich wird, dass sich diese Unternehmen von Konzertveranstaltung im ursprünglichen Sinne längst verabschiedet haben — der eigentliche Profit wird mit sogenanntem Ticketing, mit Sponsoring und insbesondere mit Datenmissbrauch gemacht. Die Tricks, mit denen die Unternehmer ihren Kunden das Geld aus der Tasche ziehen, werden von Seliger detailliert analysiert, ebenso wie die Mechanismen hinter der Ausschaltung örtlicher Konzertveranstalter und die Absurditäten im Geschäft mit sogenannten Superstars: Die oberen fünf Prozent aller Performer generieren 85 Prozent der weltweiten Konzerteinnahmen.

 


Seliger analysiert die Bildung von Kartellen und die Konsequenzen der zunehmenden Verflechtungen in den Unternehmen der Branche (zum Beispiel der Zusammenschluss von Konzertveranstaltern und Ticketfirmen). Solche Expansionen beschränken sich nicht nur auf den Kauf kleinerer Konzert-, Festival-, Tourneeveranstalter und Spielstätten. Giganten wie CTS Eventim ziehen ihren Gewinn auch aus Partnerschaften anderer Art und machen beispielsweise Geld mit PKW-Mauten auf deutschen Straßen. Oder, noch beliebter, mit Private-Equity-Investoren, also privatem Beteiligungskapital, dessen Investoren aus allen Ecken und Enden große Summen ins Musik­geschäft pumpen (Hallo, Friedrich Merz!).

 


Seliger schafft es, seine Beobachtungen bei allen Aversionen gegenüber der Branche  mit genügend Scharfsinn und Humor zu garnieren, sodass sein Text nicht zum Klagelied verkommt. Traurig sind die Entwicklungen ohnehin, etwa wenn es um Big Data geht. Liebe Festivalgänger, überlegt euch gut, wie ihr mit euren Festivalbändchen umgeht, unter Umständen ist darin ein »Near Field Communication«-Chip verborgen, der genau festhält, was ihr wann kauft und wo ihr euch wie befindet. Seliger bezieht sich hier auf den Begriff »Überwachungskapitalismus« von Shoshana Zuboff, in dem menschliches Verhalten antizipiert wird, um Produkte maximal effizient entwickeln und verkaufen zu können. Er beschreibt, wie Daten nicht nur illegal abgegriffen, sondern auch von einem Konzern zum nächsten geschoben werden.

 


Worum es ihm wirklich geht wird besonders in dem Kapitel deutlich, in dem er über die Entwicklung von Musikfestivals seit den 60er Jahren schreibt. Die politische Dimension, die Gleichheit aller Beteiligten, vor allem der Austausch zwischen den Musikern und ihrem Publikum und der ursprünglich explizit antikapitalistisch weil links-utopisch angehauchte Gestus dieser Veranstaltungen wichen allesamt neoliberalen Modellen, die die »Vergnügungsindustrie unablässig verordnet« (Adorno). Steuerhinterziehung, Privatisierung der Veranstalter sowie eine zunehmende Frechheit gegenüber den eigenen Zielgruppen — wenn man dreimal so viele Tickets verkauft hat, wie tatsächlich Fans in die Arena passen — sind zur Norm geworden.
Als ein Gegenbeispiel, das sei an dieser Stelle aus aktuellem Anlass erwähnt, nennt Seliger das Fusion-Festival, dem er viel Respekt dafür zollt, dass es ohne Sponsoren, üble Vorverkaufsaktionen oder Superstar-Merch auskommt (dass sich die Fusion in diesem Jahr in einer Krise befand, weil zum ersten Mal die Polizei auf dem Gelände ihre Zelte aufschlagen wollte, um den Hippies dort in ihre Tofu-Eintöpfe zu spucken, ist ein anderes Thema).

 


Für Seliger geht es nicht nur darum, kriminelle Machenschaften aufzudecken und auf politische Ungerechtigkeiten wie den Gender-Paygap oder die Tatsache zu verweisen, dass die Einnahmen, die mit Konzerten und Festivals erzielt werden, auch gerne mal im Trump-Wahlkampf oder bei Kampagnen gegen Minderheiten landen. Er zeigt, dass Kultur und Pop inzwischen vom Kapitalismus definiert werden und ruft dazu auf, dies nicht länger zu akzeptieren. Vor dem Hintergrund der Einmischung in den Immoblienmarkt, der damit einhergehenden Entdemokratisierung des öffentlichen Raumes, dem Clubsterben und der Gentrifizierung, die für ihn immer Klassenkampf bedeutet, meint er damit urbanes Leben im Allgemeinen. Lösungsansätze und Alternativvorschläge werden von ihm in jedem Kapitel formuliert, und auch wenn man nicht so der Rauch-Haus-Typ ist und Kulturorte besetzt, bleibt nach der Lektüre das beunruhigend beruhigende Gefühl zurück, dass alles einfacher wäre als gedacht, solange man nur am eigenen Verhalten schraubt.

 



Buch: Berthold Seliger, »Vom Imperiengeschäft. Wie Großkonzerne die kulturelle Vielfalt zerstören«, Edition Tiamat, Berlin 2019, 343 Seiten, 20 Euro

 

 


Von: Meret Meier
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