StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 8.2019

Kategorie: Musik
Stichwort: Burak Özdemir

Der Blitz der Wahrheit

Burak Özdemir ist ein Liebhaber der Barock-Musik — und ihr Dekonstruktivist.

Jetzt ist er in Köln auf dem »FELIX!«-Festival zu erleben


Der Komponist und Fagottist Burak Özdemir und die Musiker*innen des von ihm gegründeten Ensembles Musica Sequenza werden in Köln gemeinsam mit Gastkünstler*innen das interdisziplinäre Improvisationsprojekt »Still Semele« zur Aufführung bringen — es vereint den Klang von Originalinstrumenten des 18. Jahrhunderts u.a. mit Live-Elektronik in einer ganzheitlichen Perfomance, die dem Hier und Jetzt, dem Existenziellen des Augenblicks verpflichtet und gewidmet ist. »Das Künstlerkollektiv, die Ausdrucksformen sind sehr heterogen: Tanz, Schauspiel, Gesang, Video, Licht, Live-Elektronik und natürlich Barockinstrumente«, führt Özdemir aus. Wir haben uns mit ihm unterhalten, was ihn inspiriert, antreibt und was sein künstlerisches Anliegen in »Still Semele« ist.

 


Das Programmheft gehört zu den Standards eines professionellen Klassik-Betriebs. Es soll das Publikum informieren, erklärt musikalische Hintergründe, bereitet die Entstehungsumstände eines Werks auf, geht auf historische und biografische Zusammenhänge ein. Es soll das Kunstwerk in einen Kontext betten und auf diese Weise Zugänge schaffen. Trotz dieses vermittelnden und kommunizierenden Charakters bleibt das Programmheft ein eigenartig statisches Medium. Aber was, wenn es plötzlich zum Ausgangspunkt aller Ereignisse in einem Aufführungskontext wird? Wenn es nicht mehr kommentiert, sondern konstituiert? »Das Programmheft ist zugleich Partitur, Regie- und Choreographiebuch«, erklärt Burak Özdemir. Zu Beginn der Veranstaltung wird allen Anwesenden — und damit sind sowohl Publikum als auch Künstler*innen gemeint — ein Brief überreicht; er enthält ein beidseitig bedrucktes Blatt Papier, das eben nicht nur als Programmheft fungiert, sondern auch eine Materialsammlung als Grundlage der folgenden Improvisationen darstellt. Dieses Material wiederum hat Özdemir ausschließlich aus Georg Friedrich Händels Oratorium »Semele« entnommen: Melodien, ausgewählte Passagen des Librettos, harmonische Progressionen.

 


Allerdings hat das Ganze einen Haken: Keiner der Anwesenden — mit Ausnahme des kuratierenden Burak Özdemir, der zudem auch künstlerischer Leiter des Ensembles Musica Sequenza ist — weiß vorher, welches Material letztlich ausgewählt wurde; allein die Referenz auf Händel ist bekannt.

 


Die Folge: Alles ist dem Moment überlassen, muss aus diesem heraus entstehen. »Es gibt in der Luft, dem Raum Ideen, die frei schweben — entweder sie sind schon da oder sie dienen als Muse und Inspiration für die Geburt neuer Ideen. Von hier aus wird ein Dialog zwischen den Anwesenden — dem Publikum und den Künstler*­innen — geschaffen«, so beschreibt Burak Özdemir das, was in seinen Improvisationsprojekten geschieht. Die Atmosphäre einer Aufführung sei vergleichbar mit der eines Wohnzimmers, in welchem sich Menschen ungezwungen aufhalten, sich miteinander unterhalten und austauschen, aber auch jeweils untereinander in eine individuelle Beziehung zueinander treten. Gerade die Pluralität der Perspektiven auf die Welt, die Unterschiedlichkeit der Menschen fasziniere und inspiriere ihn, erklärt Özdemir. Zudem sei die Haltung einer offenen Herangehensweise ist für seine künstlerische Arbeit fundamental, was sich auch in der formalen Anlage von »Still Semele« äußert: »Weder Beginn noch Ende sind festgelegt. Jede*r reagiert, gibt den Impuls, wenn sie*er bereit ist.«

 


Der rote Faden des neuen Festivalformats »FELIX!«, das diesen Sommer von der Kölner Philharmonie ausgerichtet wird, beschreibt sich selbst lakonisch mit »Original. Klang. Köln.« — worum es dort letztlich geht, ist die Suche nach authentischer Klanglichkeit von Musik. In den inhaltlich sehr heterogen angelegten Veranstaltungen wird versucht,  Musik gemäß ihres historischen bzw. kulturellen Ursprungs und Kontexts aufzuführen.

 


Künstlerische, aber auch menschliche Authentizität erfahrbar zu machen ist das zentrale Anliegen in »Still Semele«. Özdemir und die Musiker*innen seines Ensembles sind in historischer Aufführungspraxis ausgebildet worden und spielen auf originalen Instrumenten aus dem 18. Jahrhundert. Seitdem das Ensemble 2008 an der renommierten Julliard School in New York City gegründet wurde, stand immer originäre Klanglichkeit und die künstlerische Erforschung dieses komplexen Phänomens im Mittelpunkt.

 


Ein Aspekt dieser Experimente war die Einbeziehung von elektronischer Musik und ihrer Ästhetik, die sich im Laufe des stetigen künstlerischen Prozesses zu einem integralen Bestandteil der Musik von Musica Sequenza entwickelt hat. »Electro Baroque«, so beschreibt der in Berlin lebende Komponist die Musik seines Ensembles, sei ein Genre, das sich entwickelt, stets auf Austausch und insbesondere interkulturellen Dialog ausgelegt sei.

 


Bei »Still Semele« wird Burak Özdemir als Protagonist neben dem Fagott auch Live-Elektronik in der kollektiven Improvisation nutzen: Einfließen lassen wird er »unterschiedliche Feldaufnahmen, abstrakte Klänge, Atmosphären und Elemente, die weder beat-orientiert noch Loops sind«. Dennoch handele es sich nicht um »fertig produzierte, elektronische Kompositionen«, die an diesem Abend erklingen werden, »sondern eher um Klangbilder«, die sich mit den Instrumentalklängen und Aktionen der Teilnehmenden verschränken. Dabei versteht er die Beziehung zwischen diesen beiden Klangwelten der Elektronik und des Barock gerade deshalb als so symbiotisch, da sie in ihrer Reduktion und Klarheit gleichsam nackt, fragil und intim seien.

 


Weshalb bezieht sich Burak Özdemir nun aber in diesem Projekt gerade auf Georg Friedrich Händels »Semele«? Im ursprünglichen Mythos ist sie die Mutter des Dionysos, dem Gott des Weines, der Ekstase, des Rausches. Hera, Gattin des Zeus, erfährt von dessen Affäre mit Semele. Aus Eifersucht gibt sich Hera als die Schwester ihrer Kontrahentin aus und lässt in ihr Zweifel an der Glaubwürdigkeit Zeus’ aufkommen — Semele fordert Zeus sich in seiner wahrhaftigen Erscheinung zu zeigen und zu offenbaren. Trotz seines Widerstands und der Versuche sie von diesem Wunsch abzubringen, tut er es schließlich. In gleißendem Licht seiner wahren Erscheinung, dem Blitz, verbrennt die von Dionysos schwangere Semele auf der Stelle.

 


Burak Özdemir ist fasziniert und inspiriert von Semeles Drang und Suche nach Wahrhaftigkeit, insbesondere deshalb, weil sie zugleich auch Mutter ist. Hier schließt sich der Kreis, weshalb Özdemir sich »Semele« als Ausgangspunkt seines Projekts ausgewählt hat. Nicht nur, weil es sich um barockes Schwergewicht handelt, sondern auch, weil der griechische Mythos der Semele eben jene Frage nach Ursprünglichkeit, Natürlichkeit und auch jene nach Authentizität thematisiert. »Semele ist eine Mutter«, so bringt es Burak Özdemir auf den Punkt.

 

 

 


Von: Robert Eisinger
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