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Ausgabe: 8.2019

Kategorie: Film
Stichwort: »Leid und Herrlichkeit« von Pedro Almodóvar 

»Leid und Herrlichkeit«

Pedro Almodóvar blickt zum 70. Geburtstag zurück auf sein wildes Leben


So schön melancholisch und zu­gleich liebevoll kann wohl nur Pedro Almodóvar auf ein wildes Leben voller künstlerischer Triumphe, verpasster Chancen und die große Liebe zurückblicken.

 


In seinem persönlichsten Film erzählt er von dem in die Jahre gekommenen Regisseur Salvador Mallo, dessen Geschichte unverkennbar Züge von Almodóvars Höhen und Tiefen trägt. Salvador leidet an Depressionen und körperlichen Gebrechen, seit Jahren hat er keinen Film mehr zustande gebracht. Er beginnt sich an Epi­soden seines Lebens zu erinnern: die Kindheit in den 60er Jahren und das erste schwule Begehren, die wilde Zeit im Madrid der 80er und an seine geliebte Mutter (Pené­lope Cruz). Nach langem Zerwürfnis versöhnt er sich mit seinem Lieblingsdarsteller Alberto und überlässt ihm einen Bühnenmonolog, eine verklausulierte Liebeserklärung an seinen Ex-Lover Leo­nar­­do aus wilderen Zeiten, der ­harten Drogen verfallen und lange verschollen war. Der sitzt nun just bei der Aufführung im Publikum und es kommt zum Wiedersehen, was Salvadors Reflexion weiter anfacht.

 


Almodóvar spielt virtuos mit Erzählsträngen und Zeitebenen, liefert ein schillerndes Vexierbild zwischen Fiktion und Wahrheit. Der Film wirkt dabei nie verkopft oder narzisstisch, gerade durch das Artifizielle wird er authentisch. In die Rolle des Regisseurs schlüpft dabei Antonio Banderas, nach einem Herzinfarkt vor gut zwei Jahren selbst reifer und ruhiger geworden. Er verkörpert Almodóvars Alter Ego einfühlsam und geradezu akribisch bis in die kleins­ten Gesten. Banderas wurde dafür beim Filmfestival von Cannes hochverdient mit dem Darstellerpreis ausgezeichnet.

 


»Leid und Herrlichkeit« mutet damit fast wie ein Geburtstagsgeschenk an, das sich der spanische Autorenfilmer selbst macht. Am 24. September wird er 70 und kann auf 45 Jahre Regiekarriere zurückblicken. Ein paar Wochen davor wird er in Venedig mit dem Goldenen Löwen für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Anders als seine etwa gleichaltrigen Regie-Brüder im Geiste, Rainer Werner Fassbinder und John Waters, steht er im Rentenalter noch immer hinter der Kamera. Er ist längst seine eigene Marke geworden, bekannt weit über Cineasten-Kreise hinaus.

 


1974 drehte er autodidaktisch und mit einer gehörigen Portion queerer Punkattitüde seine ersten beiden Kurzfilme. Schrill und ge­schmacklos, zeigte sich hier schon der subversive Camp-Humor, der vor allem die erste Hälfte von Almodóvars Schaffen ausmacht. Damit wur­de er zur zentralen Figur der »Mo­vi­­da«, der wilden Madrider Sub­kultur nach dem Ende der Franco-Diktatur. Seine ersten Spiel­filme waren noch reine Undergroundphänomene und Drogen lange exis­ten­ziel­ler Teil dieses ­kreativen Biotops.

 


1987 gelang Almodóvar dann mit »Das Gesetz der Begierde« ein erster internationaler Erfolg. Seine Tabubrüche wie hier oder in der Komödie »Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs« im Jahr darauf lösten nicht nur im spießig-katholischen und autoritätshörigen Spanien der 80er Jahre einiges aus: Plötzlich waren Frauen, Drag Queens und Außenseiter die Helden, religiöse Moralvorstellungen wurden lustvoll persifliert und Männer wie der junge Antonio Banderas durften völlig unverbrämt geil gefunden werden.

 


Mit dem Welterfolg »Alles über meine Mutter« avancierte Almodóvar 1999 auch zum Liebling des Feuilletons. Hier verband er erstmals seine queere Ästhetik mit der Tradition der großen Melodramen à la Douglas Sirk. Aus dem Enfant terrible wurde der große Kinokünstler. Es folgte die Goldene Phase seines Schaffens, mit Filmen wie »Sprich mit ihr«, »La Mala Educación« und »Volver«. Mit »Leid und Herrlichkeit« hat er sein Oeuvre nun um ein faszinierendes Altersmeisterwerk ergänzt. Nicht alles löst sich am Ende auf, es bleibt eine bittersüße Sehnsucht nach mehr.

 


(Dolor y gloria) E 2019, R: Pedro Almodóvar, D: Antonio Banderas, Penelope Cruz, Asier Etxeandia, 113 Min. Start: 25.7.

 

 

 


Von: Thomas Abeltshauser
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