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Ausgabe: 8.2019

Kategorie: Film
Stichwort: »Ich war zuhause, aber …« von Angela Schanelec

»Ich war zuhause, aber …«

Angela Schanelec (»Der traumhafte Weg«) spaltet auch mit ihrem neuen Film


Hat ihr Nonkonformismus etwas Belehrendes?

 

 

PRO

 

Angela Schanelec macht Filme, die auch nach dem Abspann kein Ende finden. Das liegt daran, dass sie Gefühle greifbar macht, die einerseits kaum zu fassen und anderseits allgegenwärtig sind. In ihrem neuen Film »Ich war zuhause, aber …« lässt Schanelec festgefahrene Gemütszustände auf eine Welt treffen, die unablässig vorwärtstreibt. Schanelec interessiert sich für diese Situationen, wenn man in Ängsten versunken plötzlich an der Hand genommen wird oder wenn man in tiefer Trauer über einen geliebten Menschen aus dem Fenster blickt und bemerkt, dass sich die Welt einfach weiterdreht.

 


Bereits der Titel — eine Referenz an Ozu Yasujirōs »Ich wurde geboren, aber …« (1932) — trägt einen Widerspruch in sich. »Ich war zuhause, aber …« legt die Fragen nahe: Was ist ein Zuhause und worin besteht der Gegensatz? Ein Zuhause hat mit Kindern zu tun, das zeigt der elliptisch zwischen Vergangenheit und Gegenwart wankende Film deutlich. Schanelec, die sich formal wie schon in ihrem letzten Film »Der traumhafte Weg« an den zärtlich-klinischen Fragmenten eines Robert Bresson orientiert, findet in Kindern — ebenso wie in Tieren — eine lebensbejahende, unschuldige Kraft. Der Herz­schlag des Films geht folgerichtig auch von einer Mutterfigur aus.

 

Diese Frau (wie oft bei Schanelec präzise und berührend: Maren Eggert) hat ihren Mann verloren und leidet an der schwierigen Aufgabe, für ihre Kinder zu sorgen. In einer der größten Szenen dieses Filmjahres tanzt die Familie in einer Rückblende vor dem im Krankenhaus­bett liegenden Vater. Schanelec zeigt nie dessen Gesicht, seine Abwesenheit ist immerzu spürbar. In der Nacht wird die Frau ins weiche Friedhofsmoos getrieben, begleitet von einer Wachtel und der traurigsten Coverversion von David Bowies »Let’s Dance«. Jedes Bild erzählt zugleich von einer äußeren Realität und von inneren Tumulten. Bildausschnitt, Schnitt und Kamerabewegung zeugen weniger von der Perspektive der Filmemacherin, als davon wie die Figuren die Welt betrachten.

 


Im Kino ist oft kein Platz für Machtlosigkeit oder Passivität. Sie widersprechen dem Diktum des Bewegtbilds, das Aktion verlangt. Nur bei Schanelec wird Starres zur Bewegung. Das liegt auch daran, dass den Figuren erlaubt wird, ihre Geheimnisse zu wahren. So lernt man, auf jede Regung zu achten, beginnt zu verstehen, dass manches zu tief liegt und verspürt gerade deshalb eine Nähe zu den Figuren. Susan Sontag sagte einmal, dass sie nicht wegen der Leser schreibe, sondern wegen der Literatur. Angela Schanelec dreht Filme wegen des Kinos. Dort findet dieser Film sein Zuhause. Das ist selten geworden.

 


Text: Patrick Holzapfel

 

 

 

 

KONTRA

 

Menschen reden häufig aneinander vorbei, auch in Angela Schanelecs neuem Film »Ich war zuhause, aber …«. Zum Beispiel der Lehrer (Franz Rogowski), der mit seiner Freundin (Lilith Stangenberg) ein Kind will, aber sie nicht mit ihm. Oder die Hauptfigur Astrid (Maren Eggert), offenbar ein Alter Ego der Regisseurin. Auf nahezu allen Ebenen ihres Lebens hat Astrid gerade extreme Schwierigkeiten, zu kommunizieren. Ihre Kinder flüchten sich vor ihren Neurosen in die Proben einer lakonischen »Hamlet«-Inszenierung am Schultheater, einem Hochschul-Kommilitonen hält sie mitten auf der Straße einen Monolog über Natu­ralismus, falsche Emotionen und die Beherrschung zu verlieren — das ist eine witzige Szene, die zudem zeigt, dass Schanelec hier ihr eigenes Programm vorführt.

 


Noch witziger ist jene Szene, in der Astrid ein kaputtgegangenes Fahrrad zum Verkäufer zurückbringt. Er will es reparieren, sie will aber kein repariertes Fahrrad, sondern ihr Geld zurück. Wie da beide aneinander vorbeireden, ist von absurder Komik — käme da nicht der Verdacht auf, das könnte gar nicht witzig gemeint sein, sondern todernst. »Ich war zuhause, aber …« ist schließlich alles andere, als eine Komödie.

 


Die Regisseurin liebt Maren Eggert spürbar. Darum gelingt es, dass bei ihr der Funke überspringt. Mit anderen Schauspielern kann sie offenbar gar nichts anfangen, am auffälligsten mit Lilith Stangenberg. Noch nie blieb Stangenbergs unglaubliches Potential derart ungenutzt.
»Ich war zuhause, aber …« formuliert eine entschiedene Position gegen jedes Erzählen, gegen jede Konvention. Zugleich ist der Film von einem Manierismus durchzogen, den man nicht anders als wichtigtuerisch nennen kann. Erzählt wird in Vignetten, einzelnen Szenen, die aneinandergereiht sind, und sich lose verbinden lassen, ohne ein Gesamtbild zu formen. Wie ein Puzzle, dessen Teile aber nicht zusammenpassen. Aber wer spielt schon gern solch ein Puzzle, wenn er das vorher weiß?
In der Härte, in der Konventionen und Normen verweigert werden, und diese Verweigerung ausgestellt wird, liegt selbst etwas sehr Normatives, auch Belehrendes. Wer gegen normierte Ästhetik ist, kann ihr aber nicht einfach nur eine andere Norm entgegensetzen. Natürlich gab es bei der Premiere auf der Berlinale bornierte Reaktionen auf diesen Film. Die Antwort hierauf kann aber nicht blinde Gefolgschaft sein, in einem Glaubenseifer, der die Apostaten verdammt. Muss man diesen Film beschützen? Vor Kritik, den Zuschauern, die angeblich nichts verstehen? Das hätte er schon selbst tun müssen.

 


Text: Rüdiger Suchsland

 

 

 

 


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