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Ausgabe: 8.2019

Kategorie: Film
Stichwort: »Gloria« von Sebastián Lelio

»Gloria«

Sebastián Lelio verfilmt seinen gleichnamigen Erfolgsfilm von 2013 mit Julianne Moore


 »Gloria« erzählt die Emanzipationsgeschichte einer Frau im letzten Lebensdrittel auf der Suche nach einer Identität jenseits von Mutterschaft und Beziehungsleben. Während sich die erwachsenen Kinder zunehmend ihrer Einflussnahme entziehen, findet Gloria in Disco-Flirt Arnold vermeintlich neuen Halt, gerät aber gerade dadurch ins Wanken.

 


Wie schon das Original von 2013 zeichnet sich auch die US-Version von Sebastián Lelios Festival- und Kritikerliebling durch eine betont ruhige Erzählung aus, die auf dramaturgische Berg- und Talfahrten verzichtet und sich stattdessen der Entwicklung der Hauptfigur verschreibt. Auch in dieser Version ist Gloria in jeder Einstellung zu sehen, das Publikum ist komplett an ihre Erfahrungswelt gebunden. Diese Nähe erlaubt es Lelio, seine Geschichte mit leisen Tönen, aber großer Intensität zu erzählen.

 


Hauptdarstellerin Julianne Moore vermag, diesen starken Fokus zunächst mit einer ebenso feinfühligen wie ausdrucksstarken Darstellung der Titelfigur zu tragen und in die Fußstapfen der preisgekrönten Vorgängerin Paulina Garcia zu treten. Dabei beeindruckt vor allem ihr körperliches Spiel, mit dem sie Glorias anfänglicher Unsicherheit Ausdruck verleiht.

 


Im Remake ist nicht alles gleich geblieben. Indem Lelio beispielsweise die indigene Hausangestellte Glorias durch Glorias Mutter ersetzt, entstehen ein neuer Handlungsstrang sowie ein Fokus auf das Thema Mutterschaft. Ein kleiner Dialog über privaten Waffenbesitz wiederum zieht eine direkte Verbindung zu aktuellen US-amerikanischen Diskursen.

 


Stärker noch als in der chilenischen arbeitet Lelio in der US-Version mit der Integration bekannter Popsongs, die seine Heldin ein ums andere Mal leise mitsingt. Dabei bilden die Texte dieser Lieder, fast wie im Musical, einen festen Bestandteil der Erzählung. Das große Finale mit dem Song »Gloria« von Umberto Tozzi erreicht aber nicht die Kraft des Endes des ersten Films.
Die leise Inszenierung, der US-amerikanische Kontext und sein Cast fügen sich nicht zu einem harmonischen Ganzen. Dies wird an Hauptdarstellerin Julianne Moore besonders deutlich: Letztlich gelingt ihr nicht jene subtile, aber spürbare Figurenentwicklung, mit der Paulina Garcia 2013 die Berlinale Jury überzeugte.

 


(Gloria Bell) CHI/USA 2018, R: Sebastián Lelio, D: Julianne Moore, John Turturro, Caren Pistorius, 102 Min. Start: 22.8.

 

 

 


Von: Sophie Charlotte Rieger
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