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Ausgabe: 8.2019

Kategorie: Film
Stichwort: »La flor« von Mariano Llinás

»La flor«

Mariano Llinás’ 14-stündiges Epos quillt über vor Ideen — ein einmaliges Kinoerlebnis


Eine junge Frau, lange Haare, roter Wollpullover mit Rollkragen. Sie blickt nach vorn, knapp an der Kamera vorbei. Die Frau heißt Flavia, sie hat tiefblaue Augen, und bald hat sie eine weiße Strähne im Haar. Davor wird in der Wüste eine Mumie entdeckt, und vieles erinnert an eine Detektivstory des Film noir, an John Hustons Film »Der Malteser Falke« vielleicht, in dem Flavia dann der Detektiv wäre. Sie trifft dann auch auf einen unan­genehmen Mann, ein Ekelpaket, das Frank heißt, so wie Dennis Hoppers Figur in David Lynchs »Blue Velvet«.  

 


Der sinnliche Eindruck und die Atmosphäre von »La flor«, für dessen Inszenierung der argentinische Regisseur Mariano Llinás mit dem Filmkollektiv Pampero Cine zeichnet, erinnern tatsächlich zunächst an David Lynch, an B-Movie-Thriller, ob von Robert Siodmak oder von Claude Chabrol, und an die Filme von Carlos Saura — denn Musik und Gesang (und zwar Ohrwürmer, gute Schlager) spielen eine wichtige Rolle, wie überhaupt die heiter-resignative Stimmung der 70er Jahre. Ein bisschen wirkt alles auch wie ein Kolportage-Roman des Franzosen Eugène Sue. Das Pathos ist das des 19. Jahrhunderts.

 


Im Zentrum von »La flor« steht zunächst ein obskurer Geheimbund und die Suche nach einem mysteriösen Serum, das ewige Jugend verleihen soll. Paranoia, Pathos, Romantik, das sind die Pole zwischen denen sich dieser einmalige Film entfaltet. Es gibt vier Anfänge, vier Hauptfiguren, drei Teile, acht Akte, 14 Stunden Laufzeit mit einer Handvoll Pausen. So absurd ehrgeizig und dabei zugleich selbstironisch »La flor« auch ist, so leichthändig und selbstverständlich wirkt der Film. Auch die Selbstreflexion ist unaufdringlich: Der Regisseur taucht selbst auf, erklärt die Funktionsprinzipien seines Films — aber es erinnert mehr an Shakespeare als an einen postmodernen Spleen.

 


»La flor« ist eine einmalige Erfahrung und ein Film, dessen Reichtum nicht mit einem Mal auszuschöpfen ist. Trotz der Länge sei dies keine Serie, insistiert Regisseur Mariano Llinás. Recht hat er: Dies ist eher ein cinephiles Stationendrama, eine vor Ideen überquellende Reise durch Orte, Haltungen und Atmosphären der Kinogeschichte, darunter Horror, Western, Musical, Casanova-Filme und ein Spionagestück aus dem Kalten Krieg. Auch Berlin darf nicht fehlen: Dort fährt man auf einer Fritz-Lang-Straße.

 


Ein offenes Kunstwerk. Und wer bei all dem labyrinthischen Rätseln auch an Llinás Landsleute, die Schriftsteller Julio Cortázar und Jorge Lois Borges, denkt, liegt richtig.

 


La flor (dto) ARG 2018, R: Mariano Llinás, D: Pablo Seijo, Germán de Silva, Héctor Díaz, 808 Min. Lichtspiele Kalk: So 28.7.; Filmpalette: Do 1.8.–So 11.8.

 

 

 


Von: Rüdiger Suchsland
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