StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 8.2019

Kategorie: Theater
Stichwort: Stefanie Carp

Kritische Energie

In ihrer zweiten Ruhrtriennale setzt sich Intendantin Stefanie Carp mit dem

Zustand der Demokratie in Europa auseinander


Es ist für Stefanie Carp die zweite Ruhrtriennale, die sie als Intendantin verantwortet. Nach dem politischen Skandal im vergangenen Jahr um die schottische Band Young Fathers — die Gruppe unterstützt das umstrittene israelkritische Netzwerk BDS, Carp musste sich gegen den Vorwurf des Antisemitismus verteidigen — war lange nicht sicher, ob sie auch dieses Jahr das Festival leiten wird. Sie entschied sich dann doch zum Weitermachen. Am 21. August beginnt ihre zweite Spielzeit als Intendantin der Ruhrtriennale, das aktuelle Motto lautet »Zwischenzeit«.
Die verschiedenen Spielorte sind auch dieses Mal wieder Industriedenkmäler des Metropolenraums Ruhr, und es gibt neben den Großproduktionen auch wieder eine »Junge Triennale« und einen »Third Place« auf dem Vorplatz der Jahrhunderthalle in Bochum, mit einem vielfältigen Programm aus Performances, Konzerten, Lesungen.

 


Bei ihrer zweiten Ruhrtriennale beschäftigt sich Stefanie Carp mit Europa, dessen »Demokratie immer auch schon eine rassistische Konstruktion war, die auf Macht und Privilegien beruht«. Daraus leitet sich für sie auch die Frage ab, wer wen in welchen Kontexten repräsentieren darf. Denn in Zeiten von #metoo und #metwo, einem immer stärker werdenden Nationalismus und Rassismus in Europa, plädiert Carp dafür, die Demokratie zu verteidigen und »sich mehr denn je für eine diverse, offene Gesellschaft und transnationale Öffentlichkeit einzusetzen«, so die Intendantin im Programmheft. Ihr Horizont ist eine Demokratie, die es im Sinne von Gleichheit zu keiner Zeit gegeben habe. Im Interview spricht sie über ihre eigene Position, die künstlerische Aneignung von Repräsentanz und die emanzipatorische Kraft der zwölf Frauen in einer ihrer ausgewählten Produktion.

 

 


Wo verorten Sie sich als Intendantin zwischen Kunst, Macht und einer privilegierten europäischen Existenz?

 

Als privilegierte europäische Existenz mit der Möglichkeit und Verpflichtung emanzipatorische, kritische Energie zu befördern.

 

 


Die Idee der Demokratie ist ihrer Meinung nach in Gefahr und müsse verteidigt werden. Der Raum dafür werde immer enger, sagen Sie im Programmheft. Welchen Spielraum haben Sie als Intendantin und welche Möglichkeiten haben Künstler*innen in einer medialen Öffentlichkeit durch ihre künstlerischen Arbeiten Einfluss zu nehmen?

 

Kunst kann nicht faktisch etwas verändern, aber Sehnsucht auslösen nach einer anderen Verfasstheit der Welt. Sie kann irritieren, sie kann und muss Konflikt kreieren.

 

 



Sie stellen im Programm auch die Frage: »Wer darf wen in welchen Kontexten repräsentieren?« Was waren Ihre Kriterien für die Auswahl?

 

Was befähigt die von Ihnen ausgewählten Künstler*innen und Akteur*innen zur Repräsentanz? Meine Kriterien sind künstlerische Qualität, Außergewöhnlichkeit, die Sympathie mit dem Subversiven und die Verweigerung und Problematisierung der Repräsentanz.

 

 



Ist diese Frage nach Repräsentanz überhaupt zu beantworten in einer globalisierten und digital vernetzten Gesellschaft, in der ein Youtuber mit einem Video Regierungsparteien bei Wahlen einbrechen lässt, Tweets und Posts auf Social-Media-Plattformen mehr Menschen erreichen als offizielle Repräsentanten? Welche Rolle können und sollten Künstler*innen dabei spielen und einnehmen?

 

Ihre Eigenheiten behaupten, mehr und anders, intelligenter, anarchischer und schöner, attraktiver zu sein als Information oder Propaganda. Es kann nicht um die Menge der Menschen gehen, die man erreicht, sondern um die Qualität der Begegnung.

 

 



Die diesjährige Ruhrtriennale untersuche auch Aspekte der europäischen Selbstkritik, schreiben Sie im Programm. Wie beschreiben sie die Ergebnisse dieser Selbstkritik der Künstler*innen?

 

Kunstwerke sind keine Ergebnisse, sie stellen Fragen, schürfen in den Konfliktfeldern. Im besten Fall lassen sie uns durch Ambiguität und Verunsicherung die Unmöglichkeit unserer Lebensweise fühlen.

 

 


In der Produktion »Congo« adaptiert der kongolesische Choreograph und Regisseur Faustin Linyekula den Roman »Kongo« des Franzosen Éric Vuillard. Ist das die notwendige Umkehr der Deutungshoheit Europas über die Geschichtsschreibung?

 

Den Text hat der kongolesische Künstler Faustin Linyekula sich für seine Kreation ausgewählt, weil er eine Analyse der geistigen Verfasstheit der Grausamkeit der Kolonialmacht beschreibt. Die Analyse der Subjekte, die das getan haben, interessierte ihn. Das konterkariert er mit seiner Ästhetik, mit Musik, Bewegung, Liedern, die in Sprachen aus dem Gebiet des Kongo von Verlorenheit und Nicht-Zugehörigkeit singen.

 

 



Die Uraufführung »All the good« von Jan Lauwers handelt von Krieg, Alltagssorgen einer Künstlerfamilie in Zeiten von Terroranschlägen, der Biografie eines ehemaligen Elitesoldaten und seinem Leben danach als professioneller Tänzer in der subventionierten Welt der darstellenden Künste in Deutschland. Das Ganze spielt sich in Europa der heutigen Zeit ab, das seine Werte opfere und in der eine große Gruppe von Menschen Hass und Ignoranz erliege, so die Beschreibung zum Stück. Das Setting und die Charaktere wirken speziell. Was erwartet die Zuschauer*innen bei diesem Stück?

 

Eine sehr lebendige, komplexe, vielsprachige Reflektion darüber, was heute Kunst sein kann in Form einer Familiengeschichte — mit herrlichen Darsteller*innen.

 

 


In der Tanztheater-Produktion »Ensaio para uma Cartografia« (Versuch einer Kartografie) inszeniert die Regisseurin und Choreografin Mónica Calle zwölf Frauen, keine von ihnen ist ausgebildete Tänzerin oder Musikerin. Calle gehe es um die emanzipatorische Kraft dieser zwölf Frauen und ein konterkarieren eines fortwährenden Feilens an Perfektion und der Verschiebung der Grenzen zwischen Musik und Bewegung. Was macht dieses Stück in ihren Augen aus?

 

In dieser ungewöhnlichen Arbeit geht es um den Widerspruch zwischen Selbstzurichtung, Perfektionsanspruch und Grazie. Gleichzeitig sind die unverstellten Körper der Frauen eine Aussage, die für sich selber spricht.

 




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Von: Karnik Gregorian
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