StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 8.2019

Kategorie: Theater
Stichwort: »A Universal Weakness« von Carla Jordão 

Schwäche lächeln

Mit »A Universal Weakness« zeigt die Kölner Choreografin Carla Jordão ihr erstes großes Duo


Wer lächelt, stimmt zu. Zeigt sich nett und verbindlich. Oder verbirgt Abscheu, Angst, Über- oder Unterlegenheitsgefühle. Lachen und Lächeln sind Bewegungen, deshalb ist es kein Wunder, dass sie in Tanzstücken auskomponiert werden in all ihrer Mehrdeutigkeit. Pina Bausch ist das berühmteste Beispiel. So viel ausgestelltes Lächeln und übertriebenes Kichern geistert durch ihre frühen Tanztheaterwerke. Echos davon wehen durch die Kreationen von VA Wölfl für Neuer Tanz in Düsseldorf, Antonia Baehr aus Berlin tourt seit 2008 weltweit mit ihrem extrem ansteckenden »Rire/Lachen« nach Partituren; die flämische Choreografin Lisbeth Gruwez verkrampft Gelächter in ihrem grandiosen Quintett »AH/HA« von 2014. Und Jetzt Carla Jordão.

 


Als »A Universal Weakness« entblößt oder lobt schon der Titel das Gelächel. Dass die Portugiesin, Jahrgang 1982, seit 2014 in Köln lebend, dafür zwei Männer auf die Bühne schickt statt Frauen, die eher für das universelle Lächeln bekannt sind, ist ein guter Dreh. Die Tänzer Bruno Duarte und Luís Malaquias geben ein großartiges Paar ab. Die Paarhaftigkeit bleibt ihr Rätsel und Motor: gleiche weiße Kleidung, gleich kurz gestutzte Bärte, unterscheidbare Nasen und Unterhosen. Die Gemüter der beiden definieren zu Beginn nur ihre Gänge durch den kahlen Raum. Geradeaus, hierhin, dorthin, dem anderen voran oder hinterher, von ihm weg und zu ihm hin und dann die Stehplätze getauscht. Sie gehen forsch, aber letztlich ziellos, ahnungslos, ständig am Anderen orientiert. Sobald ein Lichtwechsel ihre Gesichter erkennbar macht, knipsen sie das Lächeln an.

 


Es wird zum Schrei, wenn der Kopf in den Nacken knickt, zum Superlacher, aber stumm. Wie die Körper dann, nach Kopfwenden, Blick- und Brauenheben, beim Dauerlächeln Überlebensstrategien entwickeln aus Verdrehungen, Rotieren, Krümmen, Schulterheben und Fäustestrecken, das mischt wunderbar Verlegenheit mit Postertum. Auch streift das Duo rempelndes Konkurrieren, aufhelfen beim berauschten Abdriften, bis zur Mutation zum Reptil.
Das Stück schwächelt nur beim tanzbravem Unisono und Akrobatikversuch. Ob es die allzu offensichtliche Erschöpfung braucht? Ist doch von Anfang an das Zähne­blecken als Anspannung erkennbar. Carla Jordão hat schon etliche kleinere Stücke gemacht, darunter 2018 eines über »Needless Needles« der Künstlerin Mary Bauermeister, hat auch bereits kleine Preise gewonnen. Mit »A Universal Weakness« besiegt sie die Kleinheit.

 


Wiederaufnahme im Herbst 2019 in der Tanzfaktur

 

 

 


Von: Melanie Suchy
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