StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 8.2019

Kategorie: Thema
Stichwort: Serie: Kölner Neuland #3

Blumenbeet auf Soda

 

Kalk war einmal Dorf und Kalk war einmal wohlhabend.

Das eine vor, das andere durch die Industrialisierung. Im

Nordwesten des Veedels stand einst die Chemische Fabrik

Kalk. Heute pflanzen die Anwohner Blumen und kämpfen

für Spielstraßen. Die Beschaulichkeit kehrt zurück


Mit den ersten fertigen Häusern kam auch das Wir-Gefühl. Heute hilft man sich gegenseitig beim ­Blumengießen, Foto: Tom Zelger

Mittwochabend kurz vor acht in den Köln Arcaden. Die Rolltreppe aus dem Keller trägt einen Strom von Menschen ins Erdgeschoss. In puncto Wohlstand, Herkunft, Alter und Weltanschauung ist alles vertreten, der kleinste gemeinsame Nenner scheint die Einkaufstüte in der Hand zu sein. Die Angestellten des Einkaufszentrum mit weißen Hemden, roten Krawatten und schwarzen Westen bringen die fahrbaren Gitter, mit denen die Auf- und Abgänge nach Feierabend verschlossen werden. Die Besucher laufen um die Rolltreppen herum zur Kalker Hauptstraße oder nehmen den Hinterausgang am ehemaligen Wasserturm der Chemischen Fabrik Kalk. Die Betonfläche zwischen den Parkdecks ist noch stark frequentiert. Rund um den Turm sitzen vor allem Teenager, essen Eis, telefonieren oder zeigen sich gegenseitig die Einkäufe.

 


Auch der Bürgerpark direkt nebenan ist gut besucht. Der Rasen ist an manchen Stellen schon ein wenig mit­genommen von der anhaltenden Hitze. In der Ferne das Geräusch einer Krankenwagensirene, unterbrochen vom Dribbeln eines Basketballs. Ein Polizeiauto fährt langsam am Rand des Spielfelds entlang.

 


»Der Park ist noch ein bisschen karg, aber der Volksgarten oder der Stadtgarten sahen vor 100 Jahren ja auch so aus«, sagt Marc Daniel Heintz, »man pflanzt ja keine alten Bäume. Das muss sich ja erst einmal entwickeln.« Heintz ist Mitte Dreißig, arbeitet im Hochwasserschutz und zog vor fünf Jahren mit seinem Partner hierher. Er trägt ein gemustertes Hemd, helle Chinos und Flipflops. »Was ­wollen wir uns denn mal anschauen«, fragt er, »den Park, die Bebauung im Norden oder auch die neuen GAG-Wohnungen an der Barcelona Allee?« So neu ist dieses Neubaugebiet nämlich nicht mehr. Die ersten Bewohner sind vor mehr als acht Jahren eingezogen. Aber im Vergleich zur dichten und kleinteiligen Bebauung der umliegenden Straßen im »alten Kalk« wirken die hellen Häuser an der Corkstraße und Thessaloniki-Allee nach wie vor zumindest optisch neu.

 


Heintz zeigt mit der Hand Richtung der Abfallhalde Kalkberg. »Bis dahin ging mal die Chemische Fabrik. Und in der anderen Richtung bis zur Bahn.« 1983 wurde die Produktion auf dem etwa 40 Hektar großen Gelände eingestellt, nach rund 125 Jahren, die den Stadtteil ökonomisch, gesellschaftlich und städtebaulich deutlich geprägt haben. Die Fabrikgebäude wurden abgerissen, 2001 das neue Polizeipräsidium fertiggestellt, und 2005 dann die Arcaden. Der Durchgang durch das Einkaufszentrum außerhalb der Öffnungszeiten ist ein Thema für die Anwohner. »Für mich ist das eine Fehlplanung«, sagt Marc Daniel Heintz. Ursprünglich war einmal ein öffentlicher Durchgang vorgesehen, dafür gab es einen städtebaulichen Vertrag mit garantiertem Wegerecht. »Jetzt haben wir so eine Kölsche Lösung«, sagt er, »nachts muss man jetzt außenrum gehen.« Viel lieber nimmt er den direkten Weg, durch den Park und eine Stichstraße der Corkstraße. Hier kommt man an den Baumscheiben vorbei, die von den Anwohnern gepflegt werden, wie Heintz erzählt, im Rahmen von Patenschaftsverträgen mit dem Grünflächenamt. »Wie viele Beete haben wir eigentlich?«, fragt er laut. »So etwa 20, glaube ich«, antwortet eine Frauenstimme durch die Hecke, »ich komme mal rum«. Barbara Fuhrmann ist Vorsitzende des Bürgervereins Quartier Colonia und tritt durch den Hinterausgang ihres Gartens.

 


Da wo früher Soda produziert wurden, gibt es jetzt Rasen und Ziergehölze. Der Boden wurden acht oder neun Meter tief ausgekoffert, in den Gärten gibt es aber immer noch diverse Schächte, aus denen regelmäßig Proben entnommen werden. Barbara Fuhrmann trägt ein langes blaues Kleid, Sandalen und eine randlose Brille. Sie erzählt vom dörflichen Charakter der Siedlung. »Wir haben vorhin noch ein anderes Beet gegossen. Wir haben das Wasser in Kanistern hingeschleppt, weil der Schlauch nicht bis da vorne reicht. Wie viele Leute wir alleine bis dahin gegrüßt haben.« Man kenne sich vom Sehen oder aus dem Verein. Sie und ihr Mann sind 2011 vom Stadtrand hierher ge­zogen. »Ich wurde nach Frankfurt versetzt. Da war die Nähe zum ICE-Bahnhof in Deutz entscheidend.« Kalk kannte sie bis dahin gar nicht. Jetzt ist sie Vorsitzende des Bürgervereins. »Wir haben zwar nur etwa 40 eingetragene Mitglieder«, sagt sie, »aber wenn ich meinen Nachbarschaftsverteiler anschreibe, erreiche ich das Vierfache an Haushalten«.

 


Der Verein vermittelt aber nicht nur die Straßenbeete, zu den Aktivitäten gehören Führungen, Radtouren und Sommerfeste, aber auch politische Einflussnahme und Hilfe für Geflüchtete. Beispielsweise für die Bewohner der Unterkünfte in der Thessaloniki-Allee. Die entsprechen nicht den Klischees, die man von solchen Häusern im Kopf hat. Fuhrmann zeigt auf eine Reihe von modernen Stadtwohnungen, in die einmal Studierende einziehen sollten. Jetzt leben dort geflüchtete Menschen, die aufgrund von Behinderungen oder Kriegsverletzungen einen barrierefreien Wohnraum benötigen. »Ich will nicht verhehlen, dass es auch Nachbarn gab, die sich ­Sorgen gemacht haben«, sagt Fuhrmann. Aber die Integration habe dort funktioniert, wo sie immer funktioniert — im direkten Kontakt. Etwa bei den Sommerfesten, bei denen jeder etwas zu essen mitbringt oder beim bunten Blumenbeet vor dem Hauseingang, das man gemeinsam pflegt.

 


Zurück in der Corkstraße erzählen Marc Daniel Heintz und Barbara Fuhrmann noch von der Idee, hier eine Spielstraße einzurichten. Immerhin wohnen hier nicht nur zahlreiche Kinder, es gibt auch einen Weltkindergarten, in dem Deutsch, Englisch und Türkisch gesprochen wird. Aber für eine Spielstraße brauche man eine einheitliche Fläche und der Gehweg hier sei anders gepflastert als die Straße. »So viel Unterscheidungsvermögen kann man doch eigentlich auch den Autofahrern zumuten, oder?«, fragt Fuhrmann. Aber die Stadt drohte, die Kosten auf die Anwohner umzulegen. Das zog. Auf dem kleinen Kreisverkehr parken zwei Autos, eins davon ein massiver Mercedes. »Da hätten die Anwohner gerne Blumenkübel platziert«, sagt Heintz, »aber das ist der Wendekreis der Feuerwehr. Deshalb geht das nicht.«

 


Fuhrmann spricht erst vom Wir-Gefühl, das wie von selbst kam, als in der Corkstraße erst ein paar Gebäude standen und die ersten Häuser bezogen wurden — und dann von der Zukunft. »Irgendwann wird ja auch noch eine S-Bahn-Haltestelle kommen«, sagt sie, »dann werde ich vermutlich froh sein, dass die barrierefrei ist und einfach meinen Rollator dahinschieben«. Bis dahin gibt es noch genug zu tun, im Nordwesten von Kalk.

 

 

 


Von: Johannes J. Arens
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