StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 10.2019

Kategorie: Kunst
Stichwort: Maskulinitäten

So viel Penis war nie

Mit dem großen Ausstellungsprojekt »Maskulinitäten« stellen drei rheinische Kunstvereine die Geschlechter­frage


Puppies Puppies, »Sex Dolls (Trans)«, 2019, 9 aufblasbare Sexpuppen | Foto: Mareika Tocha; courtesy: Galerie Barbara Weiss

In Brasilien brennt der Regenwald, während der Staatschef achselzuckend zuschaut, in Großbritannien hebelt der Premierminister die Demo­kratie mit einem Fingerschnipp aus, und vor den täglichen verbalen Ausfällen des US-Präsidenten möchte man nur noch Augen und Ohren verschließen. Auf die derzeit regierenden Herren in Russland, der Türkei, Ungarn und Italien muss man nicht weiter eingehen, um festzustellen: Sehr viele Männer haben weltpolitisch gerade sehr viel Macht, um verheerende Entscheidungen zu treffen.

 


Man muss diesen Bogen spannen, um das Klima zu beschreiben, in dem die Ausstellung »Maskulinitäten« entstanden ist. Und man muss ihn, apropos Macht, noch weiter spannen und Bewegungen wie #metoo miteinbeziehen oder, um bei Hashtags zu bleiben, die Kampagne #notsurprised, die auf Initiative von Künstlerinnen wie Barbara Kruger und Jenny Holzer seit 2017 auf strukturellen Machtmissbrauch im Kunstbetrieb aufmerksam macht.

 


Vor einem Jahr setzten sich die drei Direktorinnen der großen Kunst­vereine im Rheinland, Michelle Cotton in Bonn, Nikola Dietrich, damals in Köln gerade angetreten, und Eva Birkenstock in Düsseldorf zusammen, um erstmalig in der Geschichte der drei Häuser eine gemeinsame Ausstellung an allen drei Standorten zu diskutieren. Trotz unterschiedlicher Herangehensweisen und Schwerpunkte war das brennende gemeinsame Thema bald gefunden: Wie kann Männlichkeit aussehen in einer Zeit, in der reaktionäre und patriarchale Männlichkeitsbilder erstarken, welche Konzepte von Maskulinität können mit der zeitgenössischen Kunst verhandelt und wie können heteronormative Konzeptionen von Geschlecht durchbrochen werden? Kurzum: Wie kann eine feministische Ausstellung über Männlichkeit aussehen?

 


In den drei Kunstvereinen sind drei Antworten zu sehen. Jede Ausstellung setzt eigene Schwerpunkte, zeigt diverse Maskulinitäten, es wird keine aufeinander aufbauende Ge­schichte erzählt, doch gibt es Ver­­bindungen und Blickachsen zwischen allen Orten. Drei Frauen, die zusammen mit über sechzig beteiligten Künstlerinnen und Künstlern(!) auf Männer schauen und den Spieß umdrehen, wie Nikola Dietrich es beim Presserundgang beschreibt.

 


Von diesem Spieß fühlt sich der beziehungsweise die eine oder an­­de­re Besucher*in vielleicht be­­droht: So viele Penisse, gemalt, fotografiert, nackt oder bekleidet, angedeutet oder explizit hat vermutlich niemand bislang in einem Ausstellungs­kontext gesehen. Provokant bis aggressiv dominiert das offensichtlichste Zeichen von Männlichkeit ganze Wände, wächst als Kaktus aus einem Urinal wie bei Juliette Blight­man in der Kölner Schau, wird nur durch eine sich monoton auf ihm hoch und runter bewegen­de Hand in der Installation von Sarah Lucas in Bonn angedeutet, oder verschmilzt mit einer Vulva zu einem bunten Fantasiewesen in den wunderbaren Aquarellen von Tetsumi Kudo in Düsseldorf. Es ist dabei höchst interessant zu beobachten, wie die Besucher*innen reagieren, wenn dieser Spieß also umgedreht ist — wenn nicht, wie in Museen und Galerien üblich, nackte weibliche Brüste oder kokett verdeckte Schambereiche die Wände zieren —, wie sie den Blick senken, schnell vorbei gehen, verstohlen hinsehen.

 


Warum finden wir es normal, ja geradezu gewöhnlich, nackte weibliche Körper zu sehen, ob in der Wer­bung, der Kunst oder dem Film, während ein nackter Mann schambehaftet und pornografisch wirkt? Mit dieser Frage beschäftigte sich die New Yorker Künstlerin Anita Steckel, eine Entdeckung in der Bonner Ausstellung, schon in den 70er Jahren, als sie zusammen mit Künstlerinnen wie Hannah Wilke und Louise Bourgeois die »Fight Censorship Group« gründete, als Protest gegen die Ungleichbehandlung von Frauen und Männern in der Kunst und den längst nicht über­wun­denen Gender Pay Gap. Dieses Beispiel zeigt ganz gut, wie vielschichtig das Thema Maskulinität zu betrachten ist, dass es nie nur um Männer, sondern immer auch um Frauen und alles, was dazwischen liegt, geht.

 


In Köln zeigt die Künstlerin Puppies Puppies eine Installation aus Trans-Sex-Dolls, die, wie sie selbst, lange Haare und Brüste, aber auch einen Penis haben. Ein Körper­bild, das in der Gesellschaft übersehen, diskriminiert und marginalisiert wird. Das flirrende, das nicht eindeutige Bild schwingt auch in der Videoarbeit von Jonathas de Andrade mit, einem Highlight im Kino des Kölnischen Kunstvereins. Ruhig und unaufgeregt begleitet der Film Fischer im Amazonasgebiet, muskulöse, starke Männer, mit ihrer Beute — großen, zappelnden Fischen —, die sie im Arm halten wie Babys, die es zu trösten gilt, die sie streicheln und wärmen, sich an sie schmiegen, als wollten sie sie sanft in den Tod begleiten. Zärtlich und liebevoll. »Maskulinitäten« ist auch eine Aufforderung zu mehr Grau statt Schwarz oder Weiß, zum Neufärben der eigenen Sehgewohn­heiten und Sichtweisen — auf die Kunst und die Welt.
 
»Maskulinitäten«, bis 24.11., umfassendes Rahmenprogramm auf den Websites derKunstvereine. Ein Katalog erscheint Ende November. Zu sehen während der MuseumsNACHT Köln  •  Sa 2.11.
Kölnischer Kunstverein, Hahnenstr. 6, Di bis So 11–18 Uhr
Bonner Kunstverein, Hochstadenring 22, Bonn, Di bis So 11–17, Do bis 19 Uhr
Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, Grabbeplatz 4, Düsseldorf, Di bis So 11–18 Uhr

 

 

 


Von: Leonie Pfennig
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