StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 2.2009

Kategorie: Kommunal
Stichwort: Fortuna Köln

Eines Tages gegen Inter Mailand

Ab sofort haben beim Fünftligisten Fortuna Köln knapp 12.000 Fans über die Internetplattform deinfussballclub.de das Sagen


Fahnenschwenken war gestern: Ab sofort geht‘s auch um Mausklicks

Foto: Manfred Wegener

Es ist ein basisdemokratisches Experiment, das seit Anfang des Jahres in der Südstadt läuft. Die Anhänger von Fortuna Köln können – organisiert über die Internetplattform deinfussballclub.de (DFC) – bei allen Belangen des Vereins mitbestimmen. Vom Muster der Eckfahne bis zur Aufstellung der Spieler – die Mehrheit der Fans hat das entscheidende Wort.

Dafür hat die zweite Kraft im Kölner Fußball ihre Satzung geändert, die erste Mannschaft in eine Gesellschaft ausgelagert und 49 Prozent davon an den DFC übertragen. Rein rechtlich entscheidet zwar weiterhin der Verein, aber die Mitbestimmung ist ernst gemeint. »Das hat nur eine Zukunft, wenn wir Wort halten und die User ein hundertprozentiges Mitspracherecht haben«, sagt Fortuna-Präsident Klaus Ulonska.

Fanbeitrag sorgt für Geldsegen

Dass die Stimme der Fans so hoch im Kurs steht, hat einen einfachen Grund. Sie beschert dem klammen Verein öffentliche Aufmerksamkeit und einen beachtlichen Geldsegen. 39,95 Euro kostet den Fan eine jährliche Mitgliedschaft, 30 Euro davon gehen an den Verein. Am 12. Januar wurde der Beitrag erstmals eingezogen. Dank knapp 12.000 Usern fließen damit etwa 360.000 Euro – zusätzlich zum regulären Etat von etwa 500.000 Euro.

Viel Geld für einen Verein, der einst unter dem Mäzen Hans »Schäng« Löring 26 Jahre in der 2. Liga und ein Jahr in der Bundesliga spielte und nach Absturz und gerade noch abgewendeter Insolvenz nun auf Platz acht der fünften Liga überwinterte. »Wir mussten den Euro viermal umdrehen, bevor wir ihn ausgegeben haben«, sagt Ulonska. Jetzt ist das anders: Mit dem Geld und der Zustimmung der Fans wurden bereits zur Rückrunde zwei Spieler von Viktoria Köln verpflichtet, weitere sollen folgen.

Auch der erste prominente Transfer gelang der Fortuna, allerdings nicht auf dem Rasen. Der ehemalige Nationalspieler Jens Nowotny arbeitet seit wenigen Wochen als Berater der Internetgemeinde. Zwei- bis dreimal täglich besucht er nach eigenen Aussagen das Forum, verfolgt die Debatten und beteiligt sich daran. »Ich will meine Meinung abgeben, ohne Meinung zu bilden«, beschreibt der langjährige Leverkusener seinen neuen Job, für den er laut DFC eine Aufwandsentschädigung bekommt. Die User stehen hinter ihm: 78 Prozent stimmten für seine Einstellung.

Weg zum Erfolg vorgezeichnet?

Im April 2008 wurde das Projekt von Regisseur Sönke Wortmann mitinitiiert und in Anlehnung an dessen Film mit »Köln – Dein Fußballmärchen« beworben. Nach dem Vorbild des englischen Fünftligisten Ebbsfleet United wollte Fortuna nach einem Jahr mit 30.000 Fans starten. Als bis Winter nicht einmal die Hälfte zusammenkam, wurde der Termin vorgezogen.

Mit der Finanzspritze der Fans scheint der Weg nun vorgezeichnet. Ulonska will spätestens 2015 in der Bundesliga spielen, Nowotny hält dann immerhin die 2. Liga für realistisch und die Fans im Südstadion singen lauthals: »Eines Tages wird es geschehen, da fahren wir nach Mailand, um Fortuna Köln zu sehen.«

Doch es gibt auch skeptische Stimmen. Daniel Cronemeyer vom Fanclub SC Mülltonn warnt vor den Fehlern der Vergangenheit: »Größenwahn und teure Profis haben Fortuna fast in den Untergang geführt.« Auch die Spieler sehen das Internetprojekt durchaus differenziert. Laut Verteidiger Michael Henseler, der Fortuna in der Winterpause verlassen hat, macht man sich keine Illusionen: »Wenn es sportlich nach oben geht, werden viele Leute, ob Spieler, Trainer oder Vorstand, über kurz oder lang ausgewechselt.«

Familiären Kontakt mit Fans weiter pflegen

Der Club braucht sportlichen Erfolg, um neue Internet-Investoren zu locken und die alten über das erste Jahr hinaus zu halten. Aber der Verein lebt von seinem familiären Miteinander. Fans wie Cronemeyer befürchten da einen Widerspruch. Der SC Mülltonn beklagt den auf zehn Euro erhöhten Eintrittspreis und boykottierte zuletzt einige Heimspiele.

Nicht nur dabei ist künftig Ulonska gefragt, der wie kein Zweiter die beiden Seelen in der Brust der Fortuna verkörpert. Offen spricht er über seine Sympathie für Geldgeber wie den Hoffenheimer Diet­mar Hopp, seit Januar ist Ulonska zusätzlich Geschäftsführer des DFC. Doch auch an der Basis ist er nach wie vor sehr aktiv. Mit dem Rücken zum Spiel zieht er bei Heimpartien durch die Reihen und sammelt Spenden für die Jugendabteilung.

Die liegt auch Nowotny am Herzen. Man müsse auch die Jugendarbeit auf gesunde Beine stellen, falls die Internetgemeinde in drei oder vier Jahren nicht mehr da sein sollte, sagt der ehemalige Profi. Bis dahin bleibt es für Fortuna ein hoffnungsvolles Experiment: »Das zusätzliche Geld wird in den nächsten Jahren ein großer Vorteil sein«, so Nowotny.
Von: Manuel Preuten & David C. Lerch
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