StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 2.2009

Kategorie: Thema
Stichwort: Deutz-Kalker Bad

Es war einmal ein Bad

Das 1913 gebaute Deutz-Kalker Bad gehörte einst zu den schönsten und stimmungsvollsten Bädern Kölns. Aus der Schwimmhalle und der benachbarten Bibliothek soll nun ein modernes Hotel werden. Manfred Wegener hat das denkmalgeschützte Gebäude fotografiert und

Christian Steigels mit Schwimmern von Rhenania Köln gesprochen, für die das Bad in den 1950ern eine zweite Heimat war.


Die Polizeisportgruppe ist schon lange weg, die Zeugen Jehovas auch: Die alte Schwimmhalle im Deutz-Kalker Bad

Foto: Manfred Wegener

Zwei Mal im Jahr platzte das Deutz-Kalker Bad aus allen Nähten. »Beim Schwimmfest waren 250 bis 300 Zuschauer dabei. Die standen dicht gedrängt, oben auf der Galerie und unten am Becken,« erzählt Rudi Becker. Der 70-Jährige ist seit mehr als einem halben Jahrhundert Mitglied beim Schwimmclub Rhenania Köln. Auch Vereinskollege Michael Owin erinnert sich an die Wettkämpfe: »Das war ein irres Gebrüll, wenn’s los ging. Das hallte in dem kleinen Bad, dass die Leute vor Begeisterung fast von der Galerie herunterfielen.«

Heute ist diese Begeisterung nur noch zu erahnen. Die einst so atmosphärischen Räumlichkeiten im Jugendstil-Dekor sind eine Baustelle. Seit Eröffnung der Claudius Therme 1996 ist das Bad gegenüber des alten Deutzer Kommunalfriedhofs geschlossen. Seit September vergangenen Jahres finden hier Umbauarbeiten statt.

Reizvolle Enge

Als die damals zwölfjährigen Becker und Owin 1950 dem Rhenania beitraten, existierten im zerstörten Köln nur noch das Neptunbad in Ehrenfeld und das Deutz-Kalker Bad. Die Bedingungen in der kleinen Halle waren alles andere als optimal. Es gab nur ein altes 20-Meter-Becken mit drei Bahnen. Doch es war gerade diese Enge, die den Reiz ausmachte. »Je voller es war, desto gemütlicher wurde es«, weiß Becker. Anders als in den modernen Spaß- und Funktionsbädern. »Wenn früher jemand von den regelmäßigen Gästen fehlte, fiel das sofort auf«, ergänzt Owin. »Heute im Agrippabad merkt sowas niemand.«

Immer wieder fallen Wörter wie familiär und atmosphärisch, wenn die beiden an die in dunklem Grün und Blau gekachelten Wände und die kunstvoll gearbeiteten Gitter auf der Galerie zurückdenken. Die dazugehörigen Geschichten erzählen sie sich auch heute noch, als wären sie erst gestern passiert. Wie die beiden sonntags nach dem Training heimlich den Zeugen Jehovas zuschauten, die im Lehrbecken ihre Taufen machten. Und wie sie dabei erwischt wurden. Wie Becker nach einer Feier von einer Streife angehalten wurde und um eine Strafe herum kam, da der Polizist zu der Polizeisportgruppe gehörte, die sich wöchentlich mit den Schwimmern im Wasserball duellierte. Oder die Anekdoten vom knorrigen Bademeister, der prima in einen der Pauker-Filme über die damalige Zeit rein gepasst hätte. Der gab den Jungs auch mal eine vor die Nuss, aber mit dem »konnse alles maache«, sagen sie.

Ein Stück Köln

Wenn die Männer erzählen, verfallen sie immer wieder in breites Kölsch. Kein Wunder, denn ihre Geschichte ist auch ein Stück Köln: Die Boxer Peter »de Aap« Müller und Jupp Elze oder der Musiker Hans Süper gehörten zu den Gästen im Deutz-Kalker Bad. Und nach dem Schwimmen traf man sich auf der Vortreppe oder in der Kneipe »Schäll«. »Ob Boxer oder Schwimmer – einen trifft man immer«, sei dort das Schlagwort gewesen, erzählt Becker. Die Rhenania und mit ihr das Deutz-Kalker Bad gehörten zum Veedel, zu »Düx«, wie Becker sagt. 1961 zog Rhenania Köln ins Agrippabad um. Es war vor allem eine sportliche Entscheidung, denn in der neuen Heimat gab es ein wettkampffähiges Becken und überhaupt mehr Platz.

Becker und Owin schwimmen auch heute noch. Becker ist gar amtierender Senioren-Europameister im Delphin. Ihre Lieblingsbäder sind alte, kleine Hallen wie das Genoveva-Bad in Mülheim oder das Kartäuserwallbad am Humboldt-Gymnasium. In Sachen Gemütlichkeit und Atmosphäre könne dem Bad zwischen Deutz und Kalk das Wasser reichen, so Becker und Owin. »So etwas gibt es heute nicht mehr«, sagen sie einstimmig. Und die beiden müssen es wissen: Mit Wasser kennen sie sich aus.

Von: Christian Steigels
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