StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 9.2009

Kategorie: Musik
Stichwort: Loft

20 Jahre Loft in Ehrenfeld


Foto: Manfred Wegener

Der Kölner Konzertbetrieb zeichnet sich durch Beständigkeit aus, egal ob Pop, experimentelle oder Neue Musik oder Jazz in allen Spielarten – überall sind im Hintergrund Macher und Veranstalter aktiv, die man mitunter seit Jahrzehnten kennt. Hört man in die Szenen rein, vernimmt man erstaunlich wenig Gegrummel über Platzhirsche, wer zwanzig Jahre durchgehalten hat, genießt großen Respekt.

Hans-Martin Müller hat zwanzig Jahre durchgehalten. Im September 1989 eröffnete der Flötist (u.a. im Sinfonieorchester des WDR) und Entrepreneur im tiefsten Ehrenfeld sein Loft – standesgemäß unter dem Dach einer ehemaligen Parfümfabrik. Die Etage hatte er zu einem Spottpreis erstanden, die jahrelangen Renovierungs- und Ausbauarbeiten, die Müller zu einem Großteil selbst leistete, gingen an die Nerven. Aber wenn man schon seinen Konzertsaal aufbaut – dann richtig. Die Mischung, auf die Müller von Anfang an setzte, erwies sich als goldrichtig: moderner Jazz in der Nachfolge des klassischen europäischen Free Jazz; Improvisierte Musik; Neue Musik in der Tradition der Kölner Avantgarde. Musiker wie die Pianisten Georg Graewe und Simon Nabatov, die Saxofonisten Frank Gratkowski und Hayden Chisholm, die Posaunisten Paul Hubweber und Nils Wogram oder der Synthesizerspieler Thomas Lehn sind mit dem Loft gewachsen. So wie sie den gediegen gestalteten Raum mit dem ausladenden Steinway-Flügel geprägt haben, hat der Raum sie geprägt.

Der Fall ist paradox. Müllers Stärke als Veranstalter resultiert aus einer strukturellen Schwäche: Jahrelang gab es keine Förderung, Müller hatte keinerlei Budget. Wer im Loft auftrat, spielte »auf Eintritt«. Das konnte im Umkehrschluss nur heißen, den interessierten Musikern freie Hand in der Gestaltung ihrer Programme zu lassen. Mittlerweile hat Müller, abermals in Eigenregie, ein Aufnahmestudio ins Loft integriert und kann als eine Art Entlohnung erstklassige Konzertmitschnitte offerieren. Die Rechnung ist aufgegangen: Ist die ideale Konzertbühne für Jazz immer noch der Stadtgarten, so hat sich das Loft weltweit einen Ruf als Spielwiese und Experimentierfeld erarbeitet.

Dieser Charme ist auch nach zwanzig Jahren nicht abgenutzt, im Gegenteil: Zum Zwanzigjährigen lässt Müller über den Dächern Ehrenfelds den Freien Jazz und die Neue Musik feiern, als wäre diese Musik gerade erst erfunden worden.

Von: Felix Klopotek
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