StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 10.2011

Kategorie: Titel
Stichwort: Kalk

Bionaden-Bourgeoisie und Food-Coops

Seit ein paar Jahren gilt Kalk als the next big thing. ­Der einstige Industriestandort wird von vielen als neues Ehrenfeld gehandelt. Die Vorteile liegen auf der Hand: ­vergleichsweise günstige Mieten, viel Leerstand, ­gute Verkehrsanbindung. Gleichzeitig gilt Kalk als Problemviertel: Die Arbeitslosenquote ist hoch, die Zahl der armen Kinder alarmiernd. Wie ist das Leben zwischen Shopping Mall, ­Designerbüros, Autonomem Zentrum und Jugendlichen, die nicht wissen, was sie tun sollen? Anja Albert, Christian Steigels und Bernd Wilberg haben sich in Kalk umgesehen, Manfred Wegener hat unzählige ­Menschen und Orte fotografiert und festgestellt: Es gibt nicht nur ein Kalk, sondern viele.


Die Discokugel dreht sich und wirft glitzernde Bilder auf die weißen Wände. Nebenan probt die Indie-Band Urban Homes. Hinter der Theke hängt ein Wimpel der argentinischen Fußballmannschaft River Plate, davor steht eine Handvoll Jungs, die meisten in den Zwanzigern. Man trinkt Kölsch oder Club Mate. Einer erzählt, dass er morgen einen Termin beim Tätowierer hat, ein an-derer schwärmt von einer Doku über den Fußballer Thomas Broich, die er vor ein paar Tagen im Kino gesehen hat. Mitten in Kalk, versteckt in einem Hinterhof einer ehemaligen Schlosserei an der Vietorstraße, treffen sich die Macher von Genau e.V. jeden Dienstag zum »Club Tropicana«. »Am Wochenende machen wir Konzerte, Videopremieren und Ausstellungen«, erklärt Volker Kraus, einer der Macher. In der öden Kalker Ausgehlandschaft bietet der Verein, der sich über Spenden finanziert, einen Hauch von szeniger Infrastruktur. 

 

Das Büro von Genau e.V. liegt ein paar Straßen weiter an der Trimbornstraße, dem Kalker Kreativzentrum zwischen Kalk Post und S-Bahn. »Auf diesen 300 Metern ist wahnsinnig viel los,« sagt Kraus. Rund um das Büro für Brauchbarkeit, das 2002 eröffnete und den ehemaligen Industrie-Standort mit den Kalk-Post-Shirts erstmals auf die Landkarte der Hipster brachte, hat sich eine kleine Szene entwickelt. Die Jungs von Genau e.V., hauptberuflich Grafikdesigner, teilen sich ein Büro mit einer jungen Modemacherin. Nebenan ist die Künstlerinitiative Kran 51 beheimatet, am Ende der Straße trifft man sich in der Kneipe Vorstadtprinzessin zum Feierabendgetränk.

 

»Dass hier andere Leute hingezogen sind, habe ich erstmals vor sieben oder acht Jahren bemerkt«, sagt der bildende Künstler Joachim Römer. Der 55-Jährige ist vor 15 Jahren nach Kalk gezogen, weg aus dem belgischen Viertel, weil dort die Entwicklung »nicht mehr meins war«, sagt er. »Ich wollte in einem Veedel leben, wo nicht bloß die alternative Schickeria wohnt«. Vielleicht hat ihn die Entwicklung mittlerweile eingeholt. Sogar der »Tatort« griff die »Gentrifizierung« in Kalk schon auf. In fünf Jahren werde das hier »der coolste Bezirk« sein, den sich die derzeitigen Bewohner dann nicht mehr leisten könnten, orakelte kürzlich Kommissar Freddy Schenk alias Dietmar Bär.

 

Um das Kalk von heute zu verstehen, hilft ein Blick in die Vergangenheit. Die 1910 eingemeindete Stadt war lange Zeit ein wichtiger Wirtschaftsstandort, noch in den 80er Jahren rauchten die Schlote. Der Strukturwandel traf den Arbeiterstadtteil dann mit der Wucht eines sozialen und wirtschaftlichen Erdrutschs: Seit Mitte der 70er Jahre sind rund 8500 Arbeitsplätze weggefallen. Hier, wo früher Betriebe wie der Motorenbauer Klöckner Humboldt Deutz (KHD) und die Chemische Fabrik Kalk (CFK) das Stadtbild prägten, grassierte nun die Arbeitslosigkeit und das Gefühl, von der Politikern im Stich gelassen zu werden. Noch heute lebt jeder vierte Einwohner von Transferleistungen, die meisten von ihnen sind langzeitarbeitslos.Fast jedes zweite Kind wächst in Armut auf. 57 Prozent der Bewohner haben Migrationshintergrund, bei den Jugendlichen sind es 80 Prozent. 

 

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Mitte der 90er Jahre wurde Kalk als »Stadtteil mit besonderem Erneuerungsbedarf« in das NRW-Programm »Soziale Stadt« aufgenommen. Ein »integriertes Handlungskonzept« sollte Arbeitsplätze und Wohnraum schaffen, soziale Netzwerke das Viertel stabilisieren. Die wirtschaftspolitische Richtung führte von der Industrie hin zu emissionsfreiem Gewerbe mit modernen Technologien. Vor allem im Kalker Süden rüstete man alte Industriehallen um, um neue Firmen, neue Arbeitgeber anzulocken. 

 

2005 lief das Kalk-Programm aus. Zwar gebe es mittlerweile eine Auswertung, aber die sei nur beim Land NRW, nicht in Kalk vorgelegt worden, sagt Manfred Kreische, der mal für die Grünen in der Bezirksvertretung saß, in zahlreichen Initiativen mitgemischt und das Projekt begleitet hat. »80 Prozent der Landesmittel sind in Betongeld geflossen«, sagt Kreische. Damit habe man etwa im Kalker Süden die Halle Kalk für die Kölner Bühnen und das Rheinische Technologie- und Gründerzentrum (RTZ) errichtet. Aber von den mehr als vierzig Projekten eines sozialen und kulturellen Netzwerkes hätten sich nach Auslauf der Förderung »nur zwei oder drei nachhaltig verstetigen können«.

 

Wie ein mahnender Zeigefinger lugt der alte, denkmalgeschützte Wasserturm hinter den Mauern der neuen Shopping Mall, der Köln Arcaden, hervor. Das Wahrzeichen der Chemischen Fabrik hat man stehen lassen, als man die riesige Industriebrache freiräumte, um hier den Aufbruch des Viertels zu inszenieren. Den Bürgern wurde viel versprochen, meist Dinge, die grell und protzig waren: Multiplex-Kino, Musicaltheater und Motorenmuseum als Reminiszenz an das gute, alte Industriezeitalter. Nichts davon ist rea-lisiert worden.

 

Ende 2003 begann man mit dem Bau des gigantischen Einkaufszentrums, für das eigens ein Autobahnzubringer gebaut wurde. Der Shopping-Klotz, der so gar nicht zum dreckigen Nachkriegscharme des restlichen Kalks passen möchte, ist nach wie vor die größte Attraktion auf dem Gelände. Sieht man einmal vom wissenschaftspädagogischen Odyseeum ab, das einst als »Cologne Science Center« konzipiert wurde, dem man aber noch nicht mal die versprochene S-Bahn-Haltestelle für all die anvisierten Schulklassen von nah und fern gegönnt hat.

 

Nachdem die Köln Arcaden Anfang 2005 eröffneten, mussten viele kleine Fachgeschäfte wie Eisen Britz oder Spielwaren Feldhaus an der Kalker Hauptstraße Ein-Euro-Läden weichen. Mitte 2012 macht auch der Kaufhof dicht. Es gebe zu wenig Platz für deren »Galeria«-Konzept, heißt es offiziell. Tatsächlich aber seien die Köln Arcaden der Grund, sagt Dirk Kranefuss. Er war früher Geschäftsführer der Kaufhof-Filiale und hat schon immer vor der Shopping Mall gewarnt. Die bestehenden Strukturen in den Vierteln würden zerstört, mahnt er. Heute ist Kranefuss Geschäftsführer der Standortgemeinschaft, einem Zusammenschluss von etwa fünfzig Einzelhändlern, die mit klaren Forderungen auftreten: die Hausfassaden sollten ansprechender gestaltet werden, man brauche mehr Gastronomiebetriebe an der Hauptstraße, mehr Bänke, mehr Grün. 

 

Bezirksbürgermeister Markus Thiele (SPD) sitzt in seinem Büro im Rathaus an der Kalker Hauptstraße gegenüber der Sünner-Brauerei. An einem der Fenstergriffe aus Plastik hinter seinem Schreibtisch hängen goldene Boxhandschuhe. Ein Geschenk von Fred Sauer, im vergangenen Jahr verstorbene Box-Legende der Faustkämpfer Kalk. Auf die Umstrukturie-rungen im Stadtteil angesprochen, ist der 35-Jährige sofort bei der Sache. Er schimpft über den viel zu klein ausgefallenen Bürgerpark, den er als »vermurkst« bezeichnet, »viel zu klein, mit Hundewiese direkt neben dem Spielplatz«. Der dringend benötigte Bau von bezahlbaren Wohnungen auf dem CFK--Gelän-de sei zudem äußerst schleppend vorangegangen. Die Investoren träumten von hochwertigen Ei-gentumswohnungen, doch es gab kaum Nachfragen. »Man muss einsehen, dass die Oliver Pochers dieser Welt nicht nach Kalk ziehen«, betont er. »Wir brauchen hier eine Durchmischung, keine hochwertigen Stadtvillen.«

 

Eine drohende Gentrifizierung des Stadtteils möchte Thiele unbedingt verhindern. »Mir ist es wichtig, dass Fehler, die man zum Beispiel am Prenzlauer Berg in Berlin und stellenweise in Ehrenfeld gemacht hat, in Kalk nicht wiederholt werden. Ich möchte den Automatismus durchbrechen: Erst Problemviertel, dann kommen Künstler und Studenten, dann die Bionaden-Bourgeoisie.« Der SPD-Mann sorgt sich um die Bewohner Kalks: »Ich empfinde das als Gefahr. Wo sollen die Menschen hin? Steckt man sie noch weiter in die äußersten Randbezirke, werden die Ghettos dort immer größer.«

 

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Thiele ist nicht der einzige, der gegen diese Entwicklung kämpft. Bereits Anfang des Jahrtausends gab es Proteste aus der linken Szene. Im Mittelpunkt dabei stand und steht das Naturfreundehaus. »Wir versuchen, über Grenzen hinweg solidarisch tätig zu sein«, sagt der langjährige Geschäftsführer Michael Barg. Schon Mitte des vergangenen Jahrzehnts ging man gegen die von der Stadt als »Wintercheck« und »Frühjahrsputz« verklausulierten Säuberungsaktionen auf die Straße, engagierte sich gegen die Shopping Mall. Auch heute noch ist das Naturfreundehaus ein wichtiger Standort für politische und soziale Arbeit: Selbsthilfegruppen, eine Essensausgabe, regelmäßige Treffen der palästinensischen Gemeinde finden hier statt.

 

Auch die junge Szene zieht es nach Kalk. Seit April 2010 gibt es das Autonome Zentrum in der ehemaligen KHD-Kantine an der Wiersbergstraße. Nach einer verhinderten Räumung Ende März haben die ehemaligen Besetzer nun einen Nutzungsvertrag mit der Sparkasse, der solange gültig ist, bis das Gelände in den Besitz der Stadt übergeht. Das wird voraussichtlich Anfang 2012 passieren. Für Jan war Kalk die logische Wahl: »Es war ja kein Zufall, dass wir hierhin gegangen sind. Hier bewegt sich was. Es bauen sich Strukturen auf, neue WGs und kollektive Wohnprojekte entstehen.« Gerade erst haben sich mehrere Kalker WGs zusammengeschlossen und eine Food-Coop gegründet, die regionale Bio-Lebensmittel vom Großhändler bezieht.

 

Ein anderer Neuankömmling aus dem Dunstkreis des Autonomen Zentrums hat im Juli seine mobilen Zelte auf einem Brachgelände hinter der Halle Kalk aufgeschlagen. Der Verein »Grenzenlos Gärten« möchte mit der »Pflanzstelle« ein Stück Gartenkultur in der Stadt etablieren. Denn das ist eine offensichtliche Leerstelle in Kalk. Neben dem Bürgerpark auf dem ehemaligen CFK-Gelände gibt es lediglich den überschaubar großen »Kalker-Stadtgarten«, der abends abgeschlossen wird. Hochbeete aus Kästen und Pflanz-säcke sind die Hauptanbaumethoden der Freizeit-Gärtner. Angebaut wird die ganze Palette: Auberginen, Kartoffeln, Tomaten, Schwarzwurzel, Zucchini, Kürbis, Mangold. Drei mal die Woche ist die Pflanzstelle nachmittags -geöffnet. Wer will, kann vorbeikommen, zuschauen, mithelfen, mitessen. Bislang laufe das Projekt gut, findet Gründer Sebastian -Edlich: »Wir hatten schon viel Besuch aus der Nachbarschaft.« Langfristig wolle man mit der Pflanzstelle mehr erreichen als bloßes gemeinsames Gärtnern: »Wir hoffen, dass sich das auch zu einem sozialen Treffpunkt entwickelt.« Nach derzeitigem Stand dürfen sie bis Ende November bleiben. Wo es danach hingeht, steht noch in den Sternen. »Am liebsten in Kalk, dann fangen wir nicht wieder bei Null an«, meint Edlich.

 

Zwar stehen AZ-Betreiber wie Gärtner den Veränderungen im Stadtteil kritisch gegenüber, sind aber durch das junge, großstädtische und künstlerisch geprägte Publikum selbst Teil des Problems. »Das AZ ist ein Katalysator für die Gentrifizierung«, betont Joachim Römer. Jan vom AZ ist sich darüber auch im Klaren, weist aber gleichzeitig darauf hin, dass man dessen Bedeutung im Viertel nicht überschätzen sollte: »Was  ich von Kalk miterlebe, ist nur ein kleiner Bruchteil. Es gibt noch viele verschiedene Leben in Kalk, von denen ich gar keine Ahnung habe.«

 

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In Kalk-Nord, jenseits der Johann-Claasen-Straße, denkt niemand mehr an Gentrifizierung. Hier sind die hübsch restaurierten Altbauten der Trimbornstraße, die schicken Eigentumswohnungen am Ottmar-Pohl-Platz oder die kleinstädtische Beschaulichkeit rund um den Marktplatz weit entfernt. Schmucklos reihen sich die Häuser der ehemaligen Eisenbahnersiedlung aneinander, sie sind grau, fast schwarz, Fensterscheiben sind eingeworfen, in den Feuerwehrzufahrten stapeln sich verschimmelte Matratzen oder kaputte Fernseher. Dazwischen blitzen ein paar solide renovierte Häuserzüge hervor. »Das ist auch ein Fehler der Politik. Die haben alles in den Süden reingepowert, Kalk-Nord wurde vergessen«, beschwert sich Kalliopi Özenc, Sozialarbeiterin in der evangelischen Jugendeinrichtung an der Lilienthalstraße. 

 

Die Eigentumsverhältnisse im Kalker Norden sind zersplittert, Fachleute sprechen von »Streubesitz«. Größter Wohnungsanbieter ist die GAG mit 1200 Einheiten, die Deutsche Annington Immobilien Gruppe hält seit gut zehn Jahren 700 Einheiten, der Rest verteilt sich auf Wohnungsbaugesellschaften, Genossenschaften oder Privateigentümer. Vor allem die Straßenzüge der Deutschen Annington, Tochterunternehmen eines angelsächsischen Finanzinvestors und in der Branche bekannt für ihre auf schnellen Profit ausgerichtete Strategie, sind nach Aussagen der Bewohner besonders verwahrlost. Klingel, Warmwasser, Heizung fielen monatelang aus, die Bäder seien verschimmelt, klagen die Mieter. »Vier Monate habe ich mich beschwert, aber es passierte nichts. Wir sind denen scheißegal, es geht nur ums Geld oder wie die sagen: die Rendite«, erzählt Manuela Kilali. Die 38-Jährige arbeitet ehrenamtlich beim Kalker Kindermittagstisch, einer privaten Essensausgabe an der Buchforststraße, die täglich rund 170 Kindern warmes Mittag-essen anbietet. Immer wieder habe sie bei einem kostenpflichtigen Call Center angerufen, der einzige Ansprechpartner, der ihr genannt wurde. »Da gibt’s keinen Hausmeister oder Verwalter, der sich kümmert.«

 

Die Kalkschmiede, ein temporäres Stadtteilbüro, das von der gemeinnützigen »Montag Stiftung für Urbane Räume« aus Bonn finanziert wird, hat seinen Sitz direkt neben dem Kindermittagstisch. Seit zwei Jahren setzen sich die Raumplaner für bessere Lebensverhältnisse und Bildungschancen in Kalk-Nord ein – gemeinsam mit Akteuren aus dem Viertel, um die angestoßenen Projekte auch langfristig im Quartier zu verankern. Anfang des Jahres haben sie den »Wohndialog Kalk-Nord« initiiert, an dem sie alle Wohn-anbieter an einen Tisch bringen, um konkrete Projekte, etwa die Einführung eines Veedelshausmeisters, anzustoßen. Außerdem hat die Kalkschmiede 7000 Haushalte im Kalker Norden befragt, ob sie zufrieden mit ihren Lebensverhältnissen sind, und den Bildungsstandort analysiert, um den Bedarf an Schulen, Jugendeinrichtungen und Kindertagesstätten zu ermitteln. Die Ergebnisse sollen im Herbst veröffentlicht werden. »Das wird Handlungsdruck schaffen«, kündigt Raumplanerin Frauke Burgdorff an, die seit 2006 Vorstand der »Montag Stiftung Urbane Räume« ist. 

 

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Im Vereinsheim von Borussia Kalk läuft »Radio Gaga« von Queen. Auf der Fensterbank stehen Pokale, dienstags gibt’s frische Reibekuchen für zwei Euro. Patrick Diederich sitzt am Fenster und trinkt eine Cola. Diederich ist Lagerarbeiter in Rösrath, aber eigentlich arbeitet er für Borussia Kalk. Ehrenamtlich, versteht sich. Seit er sechs Jahre alt ist, ist der 35-Jährige Mitglied im Klub. »Mein Vater hat hier gespielt, mein Onkel, mein Großvater.« Selbst spielen kann Diederich nicht mehr, »Hüfte«, sagt er. Er ist nun Jugendleiter. Ein zeitintensiver Job. An Samstagen ist er manchmal von halb neun morgens bis sechs oder sieben Uhr abends auf dem Sportplatz. 

 

Zehn Jugendmannschaften gibt’s, eine davon eine Mädchen-Team. Fast alle aus dem Veedel. »Die Jungs und Mädels hier sind zu 90 Prozent Kalker. Und wir haben hier alle -Nationalitäten: Türken, Italiener, Afrikaner, Deutsche, Albaner.« Seit anderthalb Jahren arbeiten sie mit der Stadt zusammen. Beim Projekt »Kids in the club« können KölnPass-Inhaber für ein Jahr umsonst mitspielen. Trotzdem stößt man an Grenzen. »Es sind zu viele Kids, die wir gar nicht alle aufnehmen können«, sagt Diederich. Wenigstens steht eine Verbesserung der Infrastruktur an: Die Stadt will die Sportanlage an der Lilienthalstraße für 1,6 Millionen Euro renovieren lassen. Das ist auch bitter nötig: Auf dem Ascheplatz kann man im Sommer kaum das andere Ende des Platzes sehen vor lauter Staub, die Fangzäune sind löchrig.

 

Gerade im Norden ballt sich die in Kalk ohnehin schon hohe Jugendarbeitslosigkeit, die Zahl der armen Kinder und der Jugendlichen ohne Schulabschluss ist hier am alarmierendsten. »Wir haben lange Wartelisten bei unerem Zirkus und der Hausauf-gabenbetreuung«, erzählt Frank Kemper vom evangeli-schen Jugendzentrum, das neben dem offenen Jugendcafé auch einen Treff für Eltern anbieten. »Wir nehmen wahr, dass um die Arkaden ein neues Kalk entsteht mit Studenten und ei-nem Szeneviertel. Hier hinten bekommen wir davon nichts mit. Im Gegenteil: Wir wissen nicht wohin mit Kindern, die kostenlose Angebote suchen«, macht Kemper auf die Platz- und Personalnot aufmerksam. Neben der evan-gelischen Jugend Kalk-Humboldt gibt es noch den Pavillon, ein Jugendprojekt an der Manteuffelstraße, das im Zuge des Programms »Soziale Stadt« ins Leben gerufen wurde und sich seitdem mit Projektgeldern über Wasser hält.

 

Es fehlt am Nötigsten, an Spielplätzen, Bolzplätzen, einem Platz, an dem man sich Jugendliche gerne treffen möchten. Das Spielplatz-Schild an der Albermannstraße etwa wirkt wie purer Hohn. Es gibt einen kaum erkennbaren Sandkasten, der von Unkraut über-wuchert und vermüllt ist. Und eine vermooste Tischtennisplatte. Eine Pergola soll die Spielstraße aufhübschen, Findlinge, die die Betonwüste nicht schöner machen, liegen verstreut auf der Straße, es scheint, als ob nicht nur den Autos die Zufahrt verwehrt werden soll, sondern auch den Jugendlichen, die dort kicken möchten. »Wenn der soziale Kahlschlag weitergeht, und es nicht gelingt, den Jugendlichen aufzuzeigen, dass sie gebraucht und gewünscht werden, sehe ich schon eine Abwärtsspirale im Viertel. Wie man schnelles Geld verdient, wissen die auch«, sagt Sozialarbeiter Kemper, der seit 1994 in Kalk arbeitet. 

 

Auch die Stadtspitze scheint erkannt zu haben, dass Sozialstruktur und das Angebot für Jugendliche weit auseinander klaffen, -Bildungsdezernentin Agnes Klein (SPD) sieht »dringenden Handlungsbedarf«: »Kalk steht bei uns von allen 86 Kölner Stadtteilen auf Platz eins. Kalk braucht eine zusätzliche Jugendeinrichtung.« 

 

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Freitagnachmittag. Thumbstraße, Ecke Steprathstraße. Die Pizzeria ist kurz nach der Eröffnung ausgebrannt und geschlossen, der Norma wirkt wie eine traurige Vorgänger-Variante der bunten Glitzerwelt der Köln Arcaden, die hier alle nur Kalk Arcaden nennen. Ferat, der seinen Nachnamen nicht in der Zeitung lesen möchte, ist ein »echt deutsche-türkische-kölsche Jung«, sagt er. 1980 geboren, hier aufgewachsen. »Kalk gilt als asozial. Du bist in der Stadt am Feiern, lernst ein Mädel kennen, sie sagt: Woher bist du? Du sagst: Kalk. Da macht die erstmal einen Schritt zurück.«

 

Bal Vedati sieht das anders. Der Türke steht vor dem Lebensmittelladen seines Kumpels und buchstabiert seinen Namen. B wie Berta, A wie Anton, L wie Ludwig. Seit fast zwanzig Jahren wohnt der 49-Jährige in Kalk. Der Stadtteil sei schon völlig in Ordnung: »Die Innenstadt ist nah, der Rhein auch. Das ist schön zum Wohnen. Und Kalk ist kein Ghetto wie Meschenich oder Chorweiler.« 

 

Auch Michael Barg mag Kalk. Und seine Menschen. Spaziert er durch sein Veedel, kommt er kaum aus dem Grüßen heraus, die Buchhändlerin von der Hauptstraße, den Gemüsehändler auf der Steprathstraße und den älteren Mann, der an der Kalker Kapelle um Geld bettelt. »Hallo, alles klar? Schichtbeginn?«, ruft er ihm zu. Er fühlt sich wohl auf diesen Straßen. »Hier sagen alle Micha«. Der 55-Jährige mag an seinem Veedel besonders das Sozialdemokratische, wie er sagt, ein Über-bleibsel alter Arbeiterzeiten. Eine Sozialdemokratie, wie man sie aus den Sechzigern kennt. »Es gibt eine Offenheit, die ich in der Innenstadt nicht erwarten würde. Ohne das heroisieren zu wollen, gibt es so eine Grundhaltung, dass Menschen füreinander da sind.« 

 

Wie geht es weiter mit Kalk? »Grundsätzlich ist Stadt auch immer Veränderung. Nicht investieren heißt Downgrading, das richtige Maß an Investition zu finden, ist eine Gratwanderung. Wenn man sich vor lauter Gentrifizierungsangst nicht mehr bewegt, dann steckt man in der anderen Falle, dann wird sich die Abwärtsspirale weiterdrehen«, fasst Raumplanerin Frauke Burgdorff zusammen. Michael Barg hofft vor allem auf die Kalker selbst: »Ich erwarte, dass der Prozess sich fortsetzt, aber hofffentlich langsamer. Und dass die Leute sich organisieren und zusammenschließen. Nicht zu einer großen Bewegung, aber im Kleinen: Wie die Frauen vom Mittagstisch. Wie der Marx-Lesekreis. Wie die AZler. Ich glaube, mehr ist im Moment nicht drin.«

 

Lena Schröder, die junge Modedesignerin von der Trimbornstraße, arbeitet seit rund drei Monaten im Viertel. »Ich war vorher vielleicht fünf Mal in Kalk, wenn’s hochkommt«, sagt sie. Mittlerweile könnte sie sich sogar vorstellen, hier zu wohnen. »Ich bin positiv überrascht!« Ihre aktuelle Kollektion heißt »I wanna be a yuppie«. Ein Menetekel für Kalk? Vielleicht. Allerdings hat der Name vorerst einen ganz simplen Grund: Sämtliche Stücke sind aus alten Businesshemden genäht. Noch ist die ganz große Veränderung in Kalk nur ein Wortspiel.

 

 

 


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Von: Anja Albert, Christian Steigels und Bernd Wilberg
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