StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 9.2012

Kategorie: Titel
Stichwort: Fotoszene Köln

Aura auf Knopfdruck

Alle Jahre, oder genauer: alle zwei Jahre, pilgern Hunderttausende Foto-Enthusiasten nach Köln zur Photokina. Mehr als 1200 Aussteller präsentieren neue hochauflösende Digital-Kameras, das beste Blitz-Equipment und die schnellsten Foto-Drucker. Die Photokina — ein Fest der Fototechnik. Aber, was ist heutzutage eigentlich Fototechnik? Smartphones und Foto-Apps sucht man in den Messe­hallen vergeblich. Dabei werden heute mehr Fotos mit dem Smartphone geschossen als mit Canon, Nikon, Hasselblad und Leica zusammen. Daniel Kothenschulte hat dies zum Anlass genommen, zu ergründen, warum so viele Fotos zwar mit der neusten Technik entstehen, aber anschließend so aussehen sollen als wären sie ein alter Kodak-Abzug.


Fotos: Miri Lee

Vielleicht werden die Beziehungen heutzutage ja wirklich immer kurzlebiger. Dafür sehen wenigstens die Erinnerungsfotos älter aus: Jeder Smartphone-Fotograf kennt Apps, die Aufnahmen so verblüffend verändern, dass sie aussehen, als seien sie gerade aus einem 70er-Jahre-Fotoalbum gerutscht.

 

Ob Hipstamatic, Instagram, Camerabag oder Retro Camera — stets ist das Prinzip das gleiche: Durch voreingestellte Manipulationen von Sättigung und Kontrast werden die Farben auf alt getrimmt. Verzerrungen simulieren die Optik billiger Plastikkameras, und durch den richtigen Rand sowie eine simulierte Papier-Textur wird die Anmutung von Polaroids oder Automatenfotos vorgetäuscht.

 

Während die meisten Apps ihre fotografische Zeitreise in den 60er Jahren beginnen, hat »Old PhotoPro« sogar die Frühgeschichte der Fotografie im Programm: Wer sich einmal als sein eigener Ur-Ur-Großvater sehen möchte, kann sein Selbstporträt zumindest auf dem Bildschirm so aussehen lassen wie ein blass-gelbes Albumfoto oder eine blaue Cyanotypie — einem der gebräuchlichsten Verfahren am Ende des 19. Jahrhunderts. Selbst Experten können am Computer kaum einen Unterschied ausmachen. 

 

Da musste sich der jüngst verurteilte Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi noch mehr Mühe geben, als er seine Frau Helene in der Rolle der fiktiven Sammlerin Josefine Jägers für ein »Beweisfoto« im Stil der frühen 20er Jahre inszenierte — im Hintergrund die Fälschungen. Auf dem Flohmarkt, so erzählte er dem Gericht, hatte er sich eine alte Rollfilmkamera gekauft. Die Ränder wurden zackig beschnitten, wie zu Großmutters Zeiten. »Wir haben da richtig Spaß gehabt«, entfuhr es ihm zur Belustigung der Zuschauer im Kölner Amtsgericht.

 

Den Spaß kann man auch völlig legal mit den angesagten Apps haben. Doch woher kommt eigentlich der neue Retro-Boom? Was ist der Reiz dieser nostalgischen Ästhetik, und warum steht Handyfotos ein bisschen vorgetäuschte Historie so gut?

 

Retro-Boom-Vorreiter: Lomo-Hype

 

Schon als die Digitalfotografie noch weit davon entfernt war, Silber und Gelatine zu ersetzen, brach 1992 in Wien das Lomo-Fieber aus. Nicht von ungefähr war es kein Fotograf, sondern ein Sozialforscher, Christian Hofinger, der mit zwei Freunden eine »Lomographische Gesellschaft« gründete und einen Hype lostrat: die Popularisierung der Sankt Petersburger Plastik-Kamera Lomo, deren 32-Millimeter-Weitwinkel-Optik ehemals etwas Weite in russische Plattenbauten gezaubert hatte.

 

Besonders beliebt war das Gerät dennoch nicht gewesen — wegen der Störanfälligkeit und schlechten Bildqualität. Genau die fanden die Lomo-Jünger jedoch cool, wenn sie auch von Anfang an etwas ferngesteuert wirkten in ihrem Eifer, ganze Wände mit billigen Drogeriemarkt-Abzügen zu bekleben.

 

Da man die Kameras überteuert verkaufte, war die Anmutung des Billigen zugleich aber auch Luxus. Und über Billigkameras anderer Fabrikate, deren Bilder aufgrund anderer Objektive leicht zu erkennen waren, rümpften die Lomo-Jünger die Nase. Sie verstanden sich als soziales Netzwerk, noch bevor es so etwas im Internet gab. Jedoch nicht, um so Individualismus zu leben, sondern um in einem gemeinsamen Geschmack aufzugehen.

 

In die heutigen Apps, die meist auch über eine Lomo-Simulation verfügen, ist die Vernetzung bereits eingeschrieben: Instagram kann nur benutzen, wer sich vorher mit seiner E-Mail-Adresse angemeldet hat. Ob, und wenn ja, wie man aus dem Verbund wieder herauskommt, erfährt man nicht.

 

Lomos analoge Gegenoffensive ließ nicht lange auf sich warten. Feiert nicht die totgesagte Vinylplatte gerade innerhalb der maroden Musikbranche zweistellige Zuwachsraten? Warum nicht auch die fotochemische Knipserei? Im Lomo-Laden an der Ehrenstraße verlangt man kräftige Preise. Gibt es Plastik-Kameras der — ebenfalls zu Kultstatus gelangten — China-Marka »Holga« im Internet schon für sechs Euro, inklusive Versand aus Hongkong, geht es dort ab 35 Euro aufwärts. Wer will, kann aber auch 379 Euro für eine Edel-Lomo hinblättern. Als wäre »gut« und Lomo nicht ein Widerspruch.

 

Rückholung der Aura

 

Worin aber besteht der Mehrwert der kalkuliert unperfekten Fotos? Bereits 1931 diagnostizierte der Philosoph Walter Benjamin in seinem Aufsatz »Eine kleine Geschichte der Fotografie« einen Verlust der Aura in der Fotografie: In den klaren, dokumentarischen Paris-Fotografien von Eugène Atget konnte er jene Ausstrahlung nicht mehr ausmachen, die der frühen Fotografie oft schon aufgrund der technischen Mittel eingeschrieben war: jenes »sonderbare Gespinst aus Raum und Zeit: einmalige Erscheinung einer Ferne, so nah sie sein mag«, wie Benjamin schreibt.

 

Mit den Foto-Apps gibt es gewissermaßen Aura auf Knopfdruck. Mit ihren verfälschten Farben erinnern die manipulierten Fotos an die Hongkong-Filme von Wong Karwai, an die Amateurfilm-Ästhetik selbstgedrehter Musik-Videos von Lana del Rey, aber auch an die Retro-Bewegung der Fotokunst — etwa Stefanie Schneiders Fotografien auf überlagertem Polaroid-Film. Ein Beispiel aus der aktuellen Ausgabe des Festivals »Internationale Photoszene Köln« sind die blassfarbig-melancholischen Porträts und Stillleben der in New York lebenden Fotografin Marianna Rothen.

 

Schon immer gab es Retro-Phänomene in der Kunst. Ein Rückgriff auf vergangene Stile kann durchaus zur Erneuerung beitragen. Doch dass ein Medium die technischen Unzulänglichkeiten und Verfallserscheinungen schlecht konservierter Vorgänger kopiert, das ist neu. Offensichtlich weckte gerade der technische Fortschritt der Digitalfotografie eine solche Sehnsucht.

 

Tatsächlich war das Aufkommen der Digitalfotografie mit der Erwartung verbunden, der Manipulation seien nun Tür und Tor geöffnet. Aber bloß ein winziger Teil der Millionen täglich mit Kameras und Smartphones geschossenen Digitalbilder wird tatsächlich von den Nutzern nachträglich verändert — und Farbkorrekturen machte ja schon früher jedes Labor. Digitalfotos wirken heute auf viele Menschen dagegen in ihrem Rohzustand flach, kalt und kantig. Genau diese Härten werden durch die Retro-Programme wieder verwischt.

 

Sehnsucht nach dem Unbestimmbaren

 

Entscheidender für ihre Wirkung ist aber, dass sie an eine unbestimmte Vorstellung von dem, was früher ein Foto ausmachte, angepasst werden. Denn wann immer man versuchte, mit seiner Kamera etwas aus der sichtbaren Wirklichkeit zu stehlen, bekam man doch etwas ganz anderes. Und wenn dieses fotografische Andere nicht so oft der Realität etwas voraus gehabt hätte, wäre das Medium kaum so beliebt geworden.

 

Wenn die Abzüge aus dem Entwicklungslabor kamen und man sie aus der Papiertasche holte, dann waren da zunächst diese irrealen gesättigten Farben. Doch nach einigen Jahren, nahmen diese Abzüge jene pastellenen weichen Tönungen an. Je mehr sie dem zwangsläufigen chemischen Verfallsprozess ausgesetzt waren, desto mehr näherten sie sich einander an: zu einer harmonischen Kompositon aus zarten Mischfarben, die allein durch das Medium geschaffen wurden. Genau diese Aura kommt nun zurück — auf Knopfdruck. 

 

»Indem etwas fotografiert wird«, schrieb Susan Sontag bereits 1977, »wird etwas zu einem Teil eines Informationssystems, ausgerüstet mit Schemata zur Einordnung und Archivierung.« Die Retro-Apps dringen in dieses System ein: indem sie die Zeichen der Gegenwart aus den Fotos löschen und falsche Fährten legen. Sie lassen uns wie Darsteller auf alten Filmfotos aussehen. Und geben dem Flüchtigen eine Geschichte. 

 


Von: Daniel Kothenschulte
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