StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 12.2002

Kategorie: Musik
Stichwort: Suicide

Bakterien und Bomben

Seit geraumer Zeit gibt es in der Popkultur ein Revival der 80er Jahre und der unterkühlten New-Wave-Ästhetik. Die Rückkehr der alten Elektro-Punk-Heroen Suicide fügt sich scheinbar perfekt in das Szenario. Sven von Reden traf die Masterminds Alan Vega und Martin Rev zum Interview.


StadtRevue: »American Supreme« beginnt überraschend. Eine Funkgitarre hätte man bei Suicide nicht erwartet.
Vega: So habe ich auch reagiert, als mir Marty den Track das erste mal vorgespielt hat. »Warte mal, willst du das wirklich auf Platte pressen! Dazu kann ich nicht singen, das klingt ja wie James Brown!« Marty hat mir 25 Songs vorgeschlagen, am Ende hatte ich bis auf drei, vier alle aussortiert, und dachte: Oh Mann, wir haben’s vermasselt! 10 Jahre haben wir keine Platte gemacht und jetzt das. Ich habe einen Monat dagesessen und konnte nicht singen. Ich dachte, ich gebe auf, ich kann nicht mehr, ich bin zu alt für diesen Scheiß, dadadadadada ... Und plötzlich begann alles Sinn zu machen. Ich hab mir die Tracks noch mal angehört, neue Phrasierungen gefunden, und dann ging alles ganz schnell. Meist waren die ersten Takes schon gut, und dann hat Marty noch ein paar Overdubs drumherum gemacht und fertig.
Ihr habt erstmals selber produziert.
Vega: Das ist etwas, was wir schon lange machen wollten. Wir wollten nicht, dass uns irgend jemand reinredet. Das ist wie ein Geschenk, das wir uns nach 30 Jahren gemacht haben. Deshalb hat es auch 10 Jahre gebraucht, bis wir die Platte machen konnten. Wir konnten sie uns vorher nicht leisten.
Das ist jetzt also keine Reunion-Platte?
Vega: Nein, wir sind nie auseinandergegangen. Marty hat schon vor vielen Jahren gesagt: Das Leben ist wie das Rennen zwischen Hase und Schildkröte. Suicide ist die Schildkröte. Wir sind sehr langsam. Der Hase rennt los und fällt vor
Anstrengung tot um. Und dann gewinnt die Schildkröte das Rennen.
Könnte man nicht eher sagen, dass ihr immer weit vor eurer Zeit wart und erst in den letzten Jahren das Publikum zu euch aufgeschlossen hat?
Vega: Ich weiß nicht, ob wir vor unserer Zeit waren, wir waren eher radikal zeitgenössisch. Aber es hat ein bisschen gebraucht, bis die Leute uns verstanden haben. Jetzt sind bei unseren Konzerten Kids, die noch nicht mal geboren waren, als wir angefangen haben. Und dennoch lieben sie uns. Sie kennen alle Songs, singen mit und kreischen. In Texas haben wir letztens in einem berühmten Country-Club gespielt, wo Johnny Cash und Willie Nelson angefangen haben. Da kamen junge Typen in Cowboyhüten und Mexikaner. Es war ausverkauft – in Texas! Es könnte sein, dass wir endlich unsere Generation gefunden haben.
Früher seid ihr oft nach zehn Minuten von der Bühne geprügelt worden, oder man hat euch angespuckt. Ist die Gesellschaft fortschrittlicher geworden, dass ihr jetzt gefeiert werdet und Zugaben geben müsst?
Rev: Wenn wir jetzt akzeptierter sind, heißt das vielleicht, dass die Zeiten extremer geworden sind. Suicide ist wie ein Bakterium, das sich von Extremen ernährt, das ein bestimmtes kulturelles Umfeld braucht, um zu wachsen. In der Zukunft, die bestimmt nicht angenehm sein wird, können wir nur aufblühen.
Vega: Die Zeiten werden wilder. Und daher verängstigen Suicide die Leute nicht mehr so wie früher. Die Kids, die heute 18, 19 sind, sind so viel Zeug ausgesetzt, Fernsehen, Computer und, und, und. Die haben schon so viel gesehen wie ich mit 40. Als wir letztens ein Konzert mit Pan Sonic gespielt haben, kam ein Freund danach hinter die Bühne und meinte zu mir: »Mann, gegenüber denen klingt ihr ja wie eine Popband.« Ein bisschen stimmt das mittlerweile.
Habt ihr eigentlich nach dem 11.9. Probleme bekommen wegen eures Namens, das Wort »suicide bomber« hat ja jetzt eine sehr spezifische Bedeutung
bekommen?

Rev: Früher hatten wir mehr Probleme.
Vega: Wir hatten immer Probleme mit unserem Namen.
Rev: Das Wort ist jetzt relevant für den Mainstream geworden. Früher wollten die Leute unsere Platten gar nicht erst anfassen, weil sie mit so etwas Negativem nicht belastet werden wollten. Jetzt ist es der passende Name zur Zeit. Als wir ihn wählten, dachten wir eher daran, dass Euthanasie das Ding der Zukunft würde, aber dass Menschen ihr eigenes Leben nehmen, um ... Die Japaner haben das natürlich im Zweiten Weltkrieg auch gemacht. Amerika glaubte alles verstanden zu haben, alles zu kontrollieren, und diese Leute hatten nichts, nur jahrelanges Training und ihr Leben. Wie soll man so was in den Griff kriegen? Die Attentäter haben den Schlüssel zu Amerikas Verletzlichkeit gefunden.
Negation war für euch immer ein wichtiges künstlerisches Mittel. Hat sich daran nach dem 11.9. irgendwas geändert?
Vega: Ich habe uns nie als negativ gesehen.
Rev: Es gibt viel Bejahendes an Suicide. Am Anfang haben wir uns über unseren Namen lustig gemacht: Suicide meinte eigentlich Leben. Die Leute verstehen das heute. Wir sind jetzt 30 Jahre dabei, also geht es wohl doch nicht um unseren Selbstmord. Es geht ja eher um das, was ich schon in »Ghost Rider« gesungen habe: »America, America is killing its youth/ Can’t close my eyes, nightmares everywhere/A gettin’ used for nothin’, for the rich man’s dream«. Ich habe das 73/74 gesungen. Aber jetzt passiert es. Ich meine, es war schon immer so, aber jetzt wollen sie es gar nicht mehr verstecken. Es kümmert sie sowieso einen Scheiß, Mann.
Rev: Suicide ist positiv in dem Sinne, dass wir gegen negative Dinge sind. Es ist eine Anerkennung der Ungerechtigkeit in der Welt. Wir haben das ganze Hochglanz-Panorama nie akzeptiert, das uns suggeriert, alles sei toll. Wir haben diese Heuchelei immer attackiert.
Habt ihr gehört, dass Stockhausen den Anschlag am 11.9. als »größtes Kunstwerk, das es je gegeben hat« bezeichnet hat?
Vega: Ich habe das Gleiche gesagt. Ich meine, es war herzzerreißend. All die Leute sind gestorben. Ich habe geheult, aber es sah dennoch so unglaublich schön aus.
Du hast alles selber gesehen?
Vega: Ja, ich wohne 10 Minuten
zu Fuß von der Stelle, wo das World Trade Center stand. Ich war da, bevor sie alles abgesperrt haben. Mann, es war irreal, es war surreal, wie auf einem anderen Planeten. Kein Mensch kann so etwas machen.
Habt ihr euch selber angegriffen gefühlt, als New Yorker.
Vega: Mit Suicide sind wir so oft angegriffen worden, dass ich mich jahrelang gefühlt habe, als sei ich in einem Krieg. Wir hätten manchmal getötet werden können. Es war wie in einem Cartoon oder bei Buster Keaton: Er geht die Straße entlang, und die Gebäude fallen um ihn herum zusammen, aber er geht munter weiter. Der 11.9. war fast wie ein Deja-vu. New York hat sich für immer verändert, das ist traurig. Die Stadt war für mich immer der freieste Ort der Erde. Das ist jetzt vorbei.

Suicides Album »American Supreme« ist bereits erschienen (Mute/Virgin).

30 Jahre kontrovers

Suicides Konzept gibt sich simpel: Alan Vega sprech-singt düstere Geschichten, Martin Rev entwirft dazu ein starres musikalisches Korsett aus harten, minimalistischen Elektrobeats und Orgelmelodiefetzen, die mal an Rockabilly, mal an Psychedelica erinnern. Aber es sind gerade diese reduzierten Parameter, die sie kompromisslos immer und immer wieder anwenden, aus denen ihr abgründiger Sound resultiert. Den Punks war das vor 25 Jahren zu radikal, meistens wurde das Duo bei seinen seltenen Auftritten nach wenigen Minuten von der Bühne geschmissen. Dabei lieferten Suicide das Blueprint für die Synthiepop-Duos der 80er (Softcell etc.). Aber erst ihre Epigonen, Minimaltechno-Produzenten wie Pan Sonic, haben Suicide den Weg in die avancierte Popkultur der 90er Jahre geebnet.
Gegründet hat sich die Gruppe 1971, mitten in der
kleinen Performance-Art-Szene der Lower East Side. Die Einflüsse der Avantgarde der 60er Jahre – Velvet Underground, LaMonte
Young, Cecil Taylor – hallten noch nach, die New York Dolls waren ihre Nachbarn. Nach dem Suicide 1977 und 1980 zwei ebenso poppige wie apokalyptische Platten veröffentlichten, trennten sich die Wege von Rev und Vega immer häufiger. Sie veröffentlichten in der Folgezeit überwiegend Soloalben zwischen Minimaltechno und reinstem Rockabilly. Ihr aktuelles Album »American Supreme« ist erst ihr viertes. Während einige Kritiker es für ein mild-zynisches Alterswerk halten, das cool mit den Standards aktueller elektronischer Musik spielt, behaupten andere, Suicide hätten ihr Spiel nun definitiv ausgereizt und schlichtweg nichts mehr Spannendes zu sagen. (fk)

Von: Sven von Reden
«  Wenn die Ally mit dem...  »Osama, komm doch...» Datensatz 5302 von 5570 insgesamt.