StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 7.2013

Kategorie: Film
Stichwort: "The Story Of Wikileaks" von Alex Gibney

Anatomie eines Skandals

Zeitgeschichte ganz aktuell: We Steal Secrets: "The Story Of Wikileaks" von Alex Gibney


Ironie der Geschichte: Ausgerechnet ein CIA-Beamter verleiht diesem Film seinen Titel. »We steal secrets«, sagt kein Whistleblower wie Bradley Manning, der als Militärinformatiker geheime Dokumente von US-Servern kopiert hat, und auch kein Hacker wie Julian Assange, Gründer von Wikileaks und Prophet der neuen globalen Transparenzbewegung. Tatsächlich sagt das ein CIA-Mann, als gelte es, auch den Skandal um das »Prism«-Programm der USA auf den Punkt zu bringen: Wir stehlen Informationen, und am besten weiß das keiner.

 

Alex Gibneys materialreicher Film über den kometenhaften Aufstieg und tiefen Fall von Assange samt Wikileaks speist sich über weite Strecken aus historischen, qualitativ bescheidenen Digital­videos, die seit durchgesetzten HD-Standards auch erst drei Jahre zurückliegende Ereignisse bereits mit nostalgischer Patina überziehen. Aber bei »We Steal Secrets« überkommt einen auch wegen aktueller Geschehnisse das Frösteln. Umso genauer hört man zu, wenn Gibney (»Enron: The Smartest Guys in the Room«) die Anatomie eines internationalen Polit- und Medienskandals offenlegt.

 

»We Steal Secrets« funktioniert wie die audiovisuelle Entsprechung einer typischen Reportage aus US-Magazinen wie The New Yorker oder The Atlantic: detailreich recherchiert, narrativ aufgebaut und materialreich ausgeschmückt. Online- und Privatvideos, TV-Mitschnitte und eigens gedrehte Interviews decken das ganze Spektrum von Pixelmatsch bis hyperrealem HD ab, dazwischen bebildern smarte Animationen die emotionale Wirkung: Wenn sich Bradley Manning dem Hacker Adrian Lamo anvertraut, der ihn an die Behörden ausliefert, vermitteln traurige Emoticons und verloren blinkende Cursor die desolate Situation des zerrütteten Whistleblowers. Gegenüber Assanges demonstrativ dandyeskem Hacker-Chic ist Manning zwar die interessantere Figur, er bleibt jedoch dem Zugriff des Regisseurs entzogen.

 

Gibney arbeitet mit spürbaren Sympathieverlagerungen: Die anfängliche Rebellenromantik weicht erheblichen Zweifeln an der moralischen Integrität Assanges. Hat er das juristische Spektakel zur Selbststilisierung als Märtyrer ausgeschlachtet? Gibney legt dies zumindest nahe.

 

Dass zwischen solchen Persönlichkeitserkundungen die politischen Ausmaße der Wikileaks-Affäre zu kurz kommen, ist ein Manko. Doch der Film besteht als Konkretisierung jüngster Geschichte, die sehr gegenwärtig ist.

 


Von: Thomas Groh
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