StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 10.2013

Kategorie: Literatur
Stichwort: Josef Gens

Archäologie im Partykeller


Josef Gens‘ Geschichte beginnt am Karfreitag 1965 mit einem Schock. Bei Arbeiten am Fundament seines Elternhauses am Chlodwigplatz 24 holt der damals 21-Jährige mit der Spitzhacke aus, reißt dabei versehentlich die Beleuchtung von der Decke und zerschlägt den Ziegelboden. Erschrocken bleibt er in der Dunkelheit stehen. Gemeinsam mit seinem Bruder entdeckt er kurz darauf, was er unbeabsichtigt freigelegt hat: einen Brunnenschacht.

 

Die Geschichte, die nun folgt, kann man sich nicht ausdenken. Der Brunnen ist erst der Anfang. Sechs junge Männer und eine Frau — allesamt ohne archäologische Ausbildung — machen in den kommenden Jahren einen der spannendsten archäologischen Funde des vergangenen Jahrhunderts: das Grabmal des Poblicius, erbaut im Jahr 40 n. Chr. Über 70 zum Teil tonnenschwere Quader finden Gens und seine Freunde bei ihren Freizeitgrabungen. Die New York Times und das Time Magazine berichten. Nachdem Gens und Co. ihre Fundstücke drei Jahre lang im elterlichen Partykeller ausgestellt haben, werden sie im Jahr 1970 für eine halbe Million Mark an das Römisch-Germanische Museum verkauft.

 

»Als ich vor ein paar Jahren zum ersten Mal von dieser unfassbaren Geschichte hörte, war mir klar: Mit diesem Mann müssen wir sprechen«, erklärt Kiepenheuer & Witsch-Chef Helge Malchow. Das Ergebnis dieser Gespräche liegt nun vor. »Grabungsfieber« erzählt auf rund 350 Seiten (davon gut 90 Sei-ten Anmerkungen) die Ge-schichte der Kölner Hobby-Archäologen. Mitunter wirkt sein Stil zwar ein wenig onkelig, aber Gens‘ Begeisterung ist immer authentisch. Zudem sind die Um-stände der Grabung nicht unspannend: Gens und Co. setzten sich über ein Grabungsverbot der Stadt Köln hinweg, gruben jahrelang in einem geheimen, selbst angelegten Stollen sechs bis neun Meter unter der Erde. Der Zugang war durch eine Kommode ohne Rückwand verborgen — ein Hauch Tresorknacker-Romantik in der Südstadt.

 

Eines ist sicher: Nach der Lektüre des Buchs bekommt man Lust, mal wieder ins Römisch-Germanische Museum zu gehen. Und im offe-nen Treppenhaus, vor dem Grabmal von Poblicius, einen Moment länger zu stehen als gewöhnlich. 

 

Josef Gens, »Grabungsfieber. Die -abenteuerliche Entdeckung des -Poblicius-Grabmals«, 352 Seiten, 2013, Kiepenheuer & Witsch, 19,99 €

 


Von: Christian Steigels
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