StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 7.2014

Kategorie: Musik
Stichwort: mod-Label, Jazz

Ist es nicht cool, erscheint es nicht auf mod

Das Kölner mod-Label verhalf in der Nachkriegszeit dem unabhängigen europäischen Jazz zum Durchbruch


Um heutzutage ein Label zu betreiben, braucht man neben Enthusiasmus vor allem eine gut geölte Marketingmaschine. Vor sechzig Jahren reichte ein Eiscafé. 

 

Das befand sich in der Hohe Straße und wurde seit 1949 von der Familie Campi betrieben. Die Campis, italienische Sozialisten, waren in den 20er Jahren vor Mussolini geflohen und etablierten sich nach dem Krieg in Köln als Gastronomen. Ihre Diele wurde zum prominenten Kölner Treffpunkt, zur Künstlerkneipe, zum Salon. Mit illustren Gästen: Trude Herr und Karl-Heinz Stockhausen sah man hier verweilen, US-Jazzer tranken vor ihren Konzerten ihren Kaffee. Das Eis soll dem Vernehmen nach exzellent gewesen sein.

 

Und der Ort war das Zentrum der aufkommenden kölnischen Jazz-Szene, die Mitte der 50er Jahre nur wenige Anlaufstellen hatte. Der Sohn des Hauses, Gigi, war umtriebiger Jazzafficionado und mit jener Dosis Fanatismus gesegnet, die aus der Leidenschaft eine Profession zu schaffen in der Lage ist. Campi trat zunächst als Konzertveranstalter auf, sein erstes »Concert in Modern Jazz« im Jahre 1953 indes war ein finanzieller Reinfall. 

 

Aber er hatte den langen Atem:  Ein Jahr später gründete Campi mod-Records, das erste unabhängige europäische Jazzlabel überhaupt. Dessen Diskographie wurde Anfang Mai dieses Jahres in einer wunderbar aufgemachten Box neuveröffentlicht: sechs EPs, fünf 10inches, vier CDs, ein Buch mit atmosphärisch starken Chargesheimer-Fotografien, zeitgenössischen Zeitungsausschnitten und ausführlichen Portraits der mod-Künstler. Eine Herzensangelegenheit des frischen Be! Jazz-Labels, wie auch mod für Campi, der vor vier Jahren verstorben ist, eine war. Da schließt sich ein Kreis. 

 

Vor sechzig Jahren war die Zeit reif für Jazz-Produktionen jenseits von Swing und Tanzmusik: ein eigenständiger europäischer Jazz in der Tradition des Cool Jazz entstand, meist »akademisch«, durchstrukturiert, subtil komponiert, kaum oder unkonventionell swingend, im Zweifelsfall verkopft. Vielleicht hat die Musik die Jahrzehnte eben deshalb so mühelos überdauert. Die Cover und Plakate des mod-Labels wurden in der Regel von Wolfgang Raquet gestaltet, oft auf Grundlage der Fotografien des legendären Chargesheimer. Die ersten Aufnahmen fanden im Mai 1954 mit den New Jazz Stars des österreichischen Tenorsaxofonisten Hans Koller statt. Zwei Nächte lang dauerten die Sessions im britischen Kulturinstitut »Die Brücke« an der Hahnenstraße, 24 Titel wurden eingespielt. Koller und Campi pflegten seit Jahren sowohl Freundschaft wie auch engen musikalischen Austausch, der Österreicher trat u.a. im Keller des »oberirdisch als Milchbar getarnten« (Spiegel) Duisburger Bohème auf, die Campi im Oktober 1953 eröffnet hatte, 1956 allerdings wieder verkaufen sollte. 

 

Die erste Veröffentlichung des jungen Labels widmete sich natürlich Hans Koller und seinen New Jazz Stars. Zu denen zählte neben dem Posaunisten Albert Mangelsdorff der Pianist Roland Kovac, ein promovierter österreichischer Musikwissenschaftler, der aufgrund seiner formalen Strenge einer der am kontroversesten diskutierten Figuren des neuen deutschen Cool Jazz war. Insbesondere seine Komposition »Badewasser«, eine unruhig flirrendes, fast anti-emotionales Werk, erhitzte die Gemüter. So schrieb der Kritiker Walter Hein im Jazz Podium über die »Badewasser«-Soli von Kovac, diese seien »unruhig und verwirrend«, ihr »rhythmischer Zusammenhalt, sowie er sich swingend herauszukristallisieren schien, (zerfließt) gleich darauf wieder in ein Rubato, ein rhythmisches Nichts«. Auch im »Jazzclub« des NDR wurde der Cool Jazz Kovacscher Prägung hart angegangen. Kovac repräsentierte die Avantgarde, sie sollte sich durchsetzen.

 

Fast visionär mutet es an, dass Labelchef Campi von seiner ersten Veröffentlichung 100 (!) Exemplare herstellen ließ, die über das am Friesenwall ansässige Musikhaus Fürth zum Preis von 17,50 Mark vertrieben wurden, eine für die Zeit unvorstellbar hohe Summe. Zwar presste Campi bald eine zweite Auflage, aber es deutete sich bereits an, was Campi ökonomisch von seinem neuen Label erwartete, der Spiegel zitierte ihn mit den Worten: »Wir arbeiten nicht für alle, sondern für die wenigen.« Schon früh ging es um die Verkultung.

 

Die Koller-Aufnahmen zählen zu den Highlights, aber auch die Single der Pianistin Jutta Hipp klingt nach Jahrzehnten noch frisch und knackig. Die Musikerin aus Leipzig, die einzige Protagonistin des Neuen Jazz, siedelte 1955 in die USA über und sollte als erste Europäerin überhaupt einen Vertrag bei Blue Note erhalten. Man sollte aber auch unbedingt dem heute vergessenen Bergisch-Gladbacher Vibrafonisten Bill Grah Beachtung schenken.

 

1956 stellte Campi seine Label-Aktivitäten ein, einige Aufnahmen sollten nie erscheinen. Der heiße Sommer des Cool Jazz war vorbei, fortan sollte Campis Enthusiasmus der Konzertorganisation und später der neu formierten Clarke-Boland-Big Band gelten, die sogar in die Annalen der Popkultur einging. 1954 war der Pioniergeist ungebrochen, oder wie es in den Linarnotes zur ersten 10inch hieß, den italienischen Jazzkritiker Arrigo Polillo zitierend: »Wir sind ja so wenige.« Dank vorliegender Box sollten es heute mehr werden!

 


Von: Christian Meier-Oehlke
«  Der Traum vom Fliegen  Eine Stadt liest ein...» Datensatz 2074 von 5609 insgesamt.