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Ausgabe: 2.2015

Kategorie: Musik
Stichwort: netzmusik # 28

Das Ende vom Lied?

Bei vielen Netlabels herrscht Katerstimmung


Blickt man auf zwölf Jahre Creative-Commons-Lizenzen zurück, gibt es viele Gründe zu jubeln. Das Wissen der Welt wird nach und nach aus der Umklammerung restriktiver Lizenzbestimmungen befreit und öffentlich zugänglich gemacht. Forschungsergebnisse werden als Open-Access-Artikel veröffentlicht, Daten können nach einer Schutzfrist von anderen Forschern genutzt werden, Fotos und Klänge von Weltraummissionen werden frei zugänglich, Lehrmaterialien werden unter dem Oberbegriff Open Educational Ressources (OER) zunehmend miteinander geteilt. Wikipedia ist ohne Creative Commons kaum denkbar. Bei den Netlabels allerdings hat sich eine Katerstimmung ausgebreitet. Woran liegt das?

 

Es scheint, als sei die Zeit der Netlabels vorbei. Thinner, Stadtgruen und 12rec haben ihren Betrieb schon vor Jahren eingestellt, Aaahh Records veranstaltet inzwischen lieber Konzerte als Musik zu veröffentlichen, und wer dem Blogger und Netlabelenthusiast Mario Rathmann auf Twitter folgt (@rantadi), kann nahezu monatlich sein Bedauern über das Ende eines Netlabels lesen. Fragt man ihn nach möglichen Gründen für das Netlabelsterben, so nennt er die Unvereinbarkeit zwischen Creative Commons und GEMA als Hauptursache. Musiker können hier zur Zeit nur zwischen zwei Extremen entscheiden. Entweder der komplette Verzicht auf Lizenzeinnahmen aus ihren Rechten, wenn sie unter Creative Commons veröffentlichen. Oder die komplette Übertragung ihrer Rechte an die GEMA, was dann das »Verschenken« einzelner Tracks unter CC-Lizenzen ausschließt. Dies macht es Netlabels schwer, sich von der anfänglichen Liebhaberei schrittweise zu professionalisieren. Holger Schwetter, Musikwissenschaftler, Ex-Labelbetreiber (Eleganz Rec.) und Mitgründer der neuen Verwertungsgesellschaft Cultural Commons Collecting Society (C3S) formulierte es auf der letzten Cologne Commons Conference so: »Der Sprung über den Graben zwischen dem kleinen Creative Commons Dorf hinüber ins Indieland ist einfach zu groß.«

 

Zwar könnte sich dieses Dilemma mit der C3S als alternativer Verwertungsgesellschaft in naher Zukunft ändern, doch Holger Schwetter sieht auch ein grundsätzliches, gesellschaftliches Problem: »Es gibt in Deutschland eine sehr überschaubare Szene von Musikern, die sich mit dem Urheberecht kritisch auseinandersetzen und deren Herzen für CC brennen. Die revolutionäre Phase des Internets ist vorbei, ohne das CC ein weithin akzeptiertes Werkzeug wurde, die restriktiven Anwendungen des Urheberrechts haben sich durchgesetzt. Die Musikindustrie hat ihren Einfluss behaupten können.«
Spannt man den Bogen noch etwas weiter, so ist es angesichts der zunehmenden Egozentrisierung unserer Gesellschaft nur folgerichtig, dass Bands inzwischen ihr inidividuelles Heil lieber bei Facebook, Soundcloud oder Bandcamp suchen als die Gesellschaft anderer bei einem Netlabel zu teilen. Mario Rathmann stellt die Gretchenfrage: »Ist den Musikern die Musik nicht mehr wert, als eine billige Fan-Page beim blauen Riesen?« Und führt weiter aus: »Dass man bei Bandcamp nur unter schwierigsten Bedingungen Creative-Commons-Releases findet und ewig lange suchen muss, macht diese Plattform für mich unbrauchbar.«

 

Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass CC-Musik offenbar nur funktioniert, wenn die Verwertungskette für die Urheber uninteressant ist. Dies betrifft z.B. Inhalte, die bereits von öffentlichen Geldern bezahlt sind, die aus reiner Liebhaberei oder Hobby entstehen, oder als Nebenprodukte einer anderen Tätigkeit. Bis heute profitieren nur die großen Plattformen nach dem Longtail-Prinzip von den Inhalten, während für die Musiker zunächst nur der Ruhm bleibt und die Hoffnung, irgendwann einmal aus dem Rauschen der zahllosen Veröffentlichungen herauszustechen, um eine kritische Masse an Fans zur Finanzierung ihrer Musik zu mobilisieren. Grund genug, mal wieder öfter was für die Musik zu zahlen, und zwar nicht nur für Konzerte und Merchandising, sondern auch beim Download.

 

Es gibt jedoch weiterhin Netlabels, die durch bemerkenswerte Resilienz auffallen und schlicht weitermachen, als sei nichts passiert. Eines von ihnen ist Bad Panda Records. In »Netzmusik #20« stellten wir das Label, das vom umtriebigen Musiker Claudio Gallo aus Rom betrieben wird, bereits kurz vor. Kurze Zusammenfassung: Hunderte Releases, 175.000 Follower auf SoundCloud, (fast) jeden Montag eine neue digitale Single oder Maxi, Produktion veritabler Indie-Hits wie etwa »Radical Leap« von Dumbo Gets Mad.
Das Erfolgsrezept: eine hochqualitative Musikauswahl von Indiepop über Experimental bis hin zu Post-Rock und Elektronik. Damit verbunden eine gezielte Ansprache von Musikliebhabern und ein Mix aus CC-Lizenzierung, freien Downloads und Bezahlmodell für Vinyl und hochqualitative Dateien. So kann ein Indielabel heute noch funktionieren.

 

Was treibt Claudio auch nach fünf Jahren noch an? »Leidenschaft für Musik und der Wille, etwas Neues in der Musik zu schaffen«, entgegnet er, ergänzt jedoch, dass es für ihn auch heute noch »mehr Experiment als ›richtiges‹ Label« sei. Obschon viele andere in der Vergangenheit aufgaben, sieht er noch Potenzial in CC-Lizenzen, insbesondere in puncto Remix: »Das Clearing von Samples ist immer noch ein ungelöstes Durcheinander, siehe den Fall der ›Avalanches‹.«

 

Der Remix — sicher eines der drängendsten Probleme für Urheber und Nutzer. Wir werden es in einer der nächsten Kolumnen aufgreifen.

 

 


Von: Frank-Christian Stoffel und Marco Trovatello
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