StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 11.2015

Kategorie: Musik
Stichwort: LGoony

Im Goonyversum

LGoony pflegt ein paar Feind- und vor allem große Vorbilder


Ein Milchgesicht und seine nicht minder milchgesichtigen Freude stehen vor der Hohenzollern-Brücke und schmeißen Geldscheine in die Luft. Das Milchgesicht um das es hier geht ist LGoony in seinem Video zu »Millionen Euro« von seinem Debütmixtape »Space Tape Vol.1: Goonynverse«.

 

Es ist der perfekte Einstieg ins Goonyversum. Die Texte des Kölner Rappers verheißen: Raus aus dem Jugendzimmer, raus aus Köln, raus aus einer Welt, die einem vorgegaukelt, dass es die Schwerkraft gibt. Also fliegt LGoony einfach los, in einem Ferrari unter einem tiefen, schweren Himmel, an seinem Hals glitzern die Diamanten seiner Kette wie Wasser. Der Fluchtpunkt, auf den LGoonys Fantasien zulaufen, sind die von us-amerikanischen Rappern zur Schau gestellten Lifestyles. 

 

Gerade ist LGoonys neues Mixtape »Grape Tape« erschienen. Das Cover erlaubt Rückschlüsse auf den Inhalt des Tapes. Des Karikaturist Graphizzle Novizzle lehnt seine Zeichnung an das Cover von »Leben« an, einem Album des Frankfurter Rappers AZAD, und übersetzt dieses ins Goonyverse. Der Rapper ist mit Designerhalstuch über dem Kopf und fettem Klunker um den Hals abgebildet; vor ihm steht ein Eistee und der Double Cup. Ein vom Südstaaten-Rap entlehntes Accessoire, in dem die Rapper ihren Codein- und Promethatzin-haltigen Hustensaft durch ihre Rap-Videos tragen (oder nur so tun als ob). Am unteren Bildrand dann Vorbilder — und Feindbilder: Eine übel zugerichtete Voodoo-Puppe der Deutsch-Rap-Combo Genetikk liegt am linken Bildrand, am rechten brennt Deutsch-Raps liebstes Verkaufs-argument, das Supersonder--Premium-Boxset.

 

Der allergrößte Bestandteil des Goonyverse speist sich aber aus seinen Vorbildern. Da wäre ganz links das Antlitz von Gucci Mane. Der Mann mit der tätowierten Eistüte auf der Backe, der bloß ein paar Mixtapes mehr veröffentlicht hat, als er Strafanzeigen am Hals hat. Einer der Paten des semantisch sehr eingeschränkten modernen Südstaaten-Rap. In der Mitte dessen Aushängeschild: Young Thug, der Bösewicht in Frauen-kleidern, die zugedröhnte Autotune-Nöle mit dem unglaublichen Gespür für Melodien. Schließlich Lil B, immer widersprüchlich, weil immer assoziativ. 

 

Hört man LGoonys »Grape Tape«, hört man diese Einflüsse. Bis auf einen. Auf kristallklaren Produktionen hebt LGoony ab. Und interpretiert seine Vorbilder so kunstfertig und vor allem technisch ausgefeilt, wie das hierzulande noch keiner hinbekommen hat. Wo die meisten sich einfach wie ihre Vorbilder verkleiden, als wäre es Karneval in der dritten Klasse, da überzeugt LGoony mit feinem Handwerkszeug. Welcher Einfluss aber nicht zu hören ist?
Lil Bs. Goony assoziiert nicht frei, er bedient sich der Themen seiner Vorbilder. Wenn das Goonyverse in Zukunft mehr sein soll als ein kleiner Teil im gerade so erfolgreichen Pillen-Pussy-Cash-Der-Rest-Ist-Mir-Egal-Rap-System, dann muss er noch seine eigene Sonne finden, um die er sich drehen kann.

 

 


Von: Philipp Kunze
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