StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 11.2015

Kategorie: Musik
Stichwort: netzmusik 

netzmusik


Jan Strach, »Trawiaste Miasto« (Underpolen Netlabel)

 

Ariel Pink auf (noch mehr) Speed — geht das? Definitiv ja! Er hört auf den Namen Jan Strach, kommt aus Pozna? in Polen und ist ein passionierter DIY-Künstler, der bereits mehr als fünfzig Veröffentlichungen mit verschiedenen Projekten auf dem Buckel hat. Er pfeift auf Gefälligkeit jedweder Art und doch ist die Melodie seine große Liebe. Sein neues Album, selbst herausgebracht auf seinem »Underpolen Netlabel«, ist eine wilde Melange aus scheppernden Casio-Sounds (die Orgel!), zappaesken Arrangements, billigst verzerrten Gitarren und Bässen und seinem bisweilen lustig-prätentiösen, gelegentlich auch ernsthafteren, immer aber überkandidelten Gesang in polnischer Sprache. Darf in keiner guten MP3-Sammlung fehlen.

 

 

Jan Grünfeld, »Music for plants« (Headphonica)

 

Unglaublich, welch dichte Atmosphäre man mit Gitarrenimprovisation, einem Looper und ein paar Overdubs erzeugen kann. Auch die für Grünfeld so typischen Außenaufnahmen fehlen nicht, bloß kommen sie dieses Mal nicht von ihm selbst, sondern von seinen Soundcloud-Followern Bartek und Ian. Von den Reverenzen an Talk Talk und Krautrock im Info zum Album mag man eigentlich gar nicht lesen: Relevant — ja, klar, ausgelutscht aber auch, und der Eigenständigkeit und Filmhaftigkeit von Grünfelds Musik werden sie irgendwie nicht gerecht. Seltsam übrigens, dass Filmschaffende seine Musik noch nicht entdecket haben — unter CC BY-SA lizenziert ist diese Musik ein Geschenk an alle jungen Kreativen, die mit bewegten Bildern arbeiten.

 

 

The Freak Fandango Orchestra, »Wild Goats and Useless Heroes« 

 

Und wieder einmal werden alle Erwartungen, die ein Bandname weckt, aufs vortrefflichste bedient. Das sechsköpfige Orchester aus Barcelona spielt Gypsy Musik mit Polka-Einschlag. Das bedeutet rastlose Humpta-Rhythmen, flinke Bläsersätze und natürlich die obligatorische Teufelsgeige. Bei der Stimme des Sängers scheint über die Jahre zu viel Alkohol im Spiel gewesen zu sein, sie könnte aber auch einfach nur sehr gut auf das entsprechende Genre-Timbre hin trainiert sein. Dazu dann noch eine Akkordeon spielende Sängerin mit weich säuselnder Stimme, die für den nötigen Kontrast an den richtigen Stellen sorgt. Natürlich ist das alles genau abgezirkelt, aber dann doch so gut in Szene gesetzt, dass es großen Spaß macht. Und die T-Shirts sind auch sehr schön.

 

 

The Black Penguins, »Everything in Ones and Zeroes«

 

Experimentelle Ambient Musik, die beim nächsten David-Lynch-Gedächtnis-Abend im Hintergrund für verstörende Atmosphäre sorgen könnte. Sie verdient es jedoch, zumindest einmal aufmerksam gehört zu werden. Dann entwickelt sie einen ganz eigenen Reiz durch die vielen kleinen Soundschnipsel, die geschickt in die breit angelegten Klangteppichen eingeklöppelt sind. Zu entdecken gibt es von Gitarrenverstärkern zufällig eingefangene Radiosender, verfremdete Vorträge über Tor-Netzwerke, Zitate von George W. Bush und Verweise auf die Electronic Frontier Foundation (eff.org). Ein hörenswerter, feinsinnig politischer Beitrag zu den aktuellen Diskursen des digitalen Zeitalters.

 

 


Von: Frank-Christian Stoffel und Marco Trovatello
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