StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 1.2018

Kategorie: Trinken & Essen - Neueröffnung
Stichwort: Nachtisch # 65

Korn to be wild


Wer der Völlerei erlegen ist, braucht schnelle Hilfe. Nach dem Sündenfall wird ein Pinnchen mit Schnaps zum Heilsversprechen. Zwei Zentiliter flüssige Erlösung! Dem Digestif schreibt man landläufig eine beachtliche Wirkung zu — medizinisch nachgewiesen ist diese allerdings nicht. Bitterstoffe helfen zwar, in Alkohol müssen sie jedoch nicht schwimmen. Wer seine Verdauung in Wallung bringen will, kann den Absacker im Schrank lassen. Wer aber nach dem Essen gerne den einen oder anderen Schnaps trinkt, der sollte das bar jeder Funktionszuschreibung einfach tun.

 

Die Zeiten dafür sind ohnehin günstig. Denn ein Schnaps-Klassiker erfährt dieser Tage eine Renaissance: der Korn. Über Jahrzehnte hatte der Klare einen Ruf als billiger Fusel. Korn war Schützenfest oder Scheunenparty. Korn war Herrengedeck oder Mischgetränk, aufgeschüttet mit abgestandenem Zuckerwasser aus der PET-Flasche. Korn war Nordhausen, Haselünne oder Bad Oldesloe — genau dort kam er her. Kaum eine Spirituose wirkte derart aus der Zeit gefallen. Korn war so unsexy, dass er schon zwangsläufig sexy werden musste.

 

Dass es so lange gedauert hat, ehe Geschäftsleute den Korn wiederentdeckten, ist deshalb beinahe verwunderlich. Mittlerweile aber ist Korn zum Lifestyle-Produkt geworden. Er steckt in schick designten Flaschen, auf denen Marketingmenschen mit bescheidener Fantasie die Geschichte von einem Korn erzählen, der ganz anders ist als alles neben ihm
im Spirituosenregal.

 

Geschmacklich war Korn, im Deutschland des 16. Jahrhunderts erfunden, schon immer besser als sein Ruf. Er muss qua Reinheitsgebot aus dem vollen Korn von Roggen, Weizen, Hafer, Gerste und Buchweizen gebrannt werden. Dadurch kann er gustatorisch ein breites Spektrum an Aromen bespielen und schmeckt längst nicht so neutral wie sein farbloser russischer Verwandter, der Wodka. Beliebt ist Korn vor allem aus Weizen, der einen milden Geschmack gibt. Ein Korn muss zu mindestens 32 Prozent aus Alkohol bestehen, ab 37,5 Prozent Alkohol spricht man von einem Doppelkorn oder einem Kornbrand.

 

Zwar wird Korn immer öfter als Zutat von Cocktails verwendet, in denen er mit der Säure von Zitrusfrüchten, aber auch mit der Süße von Limonaden harmoniert. Am besten trinkt sich Korn aber, wie er sich schon immer getrunken hat: pur, leicht unter Zimmertemperatur — und im Duett mit einem Bier.

 

 


Von: Jan Lüke