StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 9.2018

Kategorie: Trinken & Essen - Neueröffnung
Stichwort: Nachtisch  # 73

Trockenfutter


Hitze ist die Zeit der Ernährungs-ratgeber. Wie viel Wasser (mehr) und wie viel Kaffee (weniger) sollten Sie jetzt trinken? Sollten Sie in der Sonne essen (nein) und salzhaltige Speisen bevorzugen (ja)? Deutschland kämpft nicht nur mit einem unerbittlichen Sommer, sondern auch mit unsäglichen Tipps zum Essen und Trinken.

 

Tatsächlich aber wird trocke-ne Hitze hierzulande Spuren bei Lebensmitteln und Kulinarik hinterlassen. Gewinner sind deutsche Weine und ihre Erzeuger. So früh wie nie, am 5. August, begann in Lörzweiler bei Mainz die Traubenlese. Der deutsche Federweiße aus typischen Rebsorten wie Bacchus, Ortega oder Solaris war ähnlich zeitig dran wie die Konkurrenz etwa aus Apulien. Auch die Haupt-lese verspricht viel: Die starke Sonneneinstrahlung wird für einen besonderen Jahrgang mit aromatischen, ausgefärbten und säuremilden Weinen sorgen. Vor allem Rotweine, die in Deutschland fast 40 Prozent der Anbauflächen ausmachen, profitieren davon. Unter der Hitze leidet der Weinanbau vergleichsweise wenig. Vor allem alte Reben wurzeln tief. Doch nicht nur Wein, auch andere Erzeugnisse erhalten eine bisher ungekannte kulinarische Charakteristik: Obst aus Deutschland wird viel Stärke und Zucker haben.

 

In anderen Bereichen sind Ernteausfälle hingegen so massiv, dass es Erzeuger und Verbraucher deutlich spüren werden. Bauern rechnen mit den schlechtesten Erträgen seit Jahrzehnten, Landwirtschaftsverbände fordern staatliche Hilfen von bis zu einer Milliarde Euro. Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) wird darüber Ende August entscheiden, wenn die Erntebilanz vorliegt. Wohl sicher ist: Die Erträge bei Getreide und Raps, aber auch Zuckerrüben und Kartoffeln werden massiv einbrechen. Weil Futter für die Tierhaltung teurer wird, werden die Preise für Fleisch und Milch anziehen. Und auf den Endverbraucher warten direkte Folgen: Also legen Sie sich Mehlvorräte an! Horten Sie Kartoffelchips! Lagern Sie Rapsöl ein!

 

Wegen der zunehmenden Erderwärmung könnten Dürren künftig eher Regel denn Ausnahme sein. Wenn erst Walnüsse und Orangen in der deutschen Exportbilanz auftauchen, dann kann man seine Sorgen um den Klimawandel wenigstens mit einem anständigen Tropfen Rotwein wegspülen.
Von: von Jan Lüke