StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 11.2018

Kategorie: Trinken & Essen - Neueröffnung
Stichwort: Nachtisch # 75, Schokolade, Stollwerck-Mädchen, Südstadt

Die wesentliche Form der Lust

Nachtisch # 75


Bald schon tauchen die ersten Weihnachtsmänner in den Regalen auf — sprechen wir über Schokolade! Schokolade ist die Minimalversion des Nachtischs. Wenn man keine Zeit für die Zubereitung von Crème brûlée oder Zwetschgen-Mohn-Crumble hat. Oder wenn man sich, aus welchen Gründen auch immer, auf die wesentliche Form der Lust besinnen muss. Der Konsum deckt dabei meist die gesamte Palette ab — die angegraute Tafel aus dem letzten Rosenmontagszug, die Fairtrade-Ausgabe aus dem Drogeriemarkt, die High-end-Version der französischen Manufaktur.

 

Aus Köln kommt Schokolade schon seit längerem nicht mehr, derzeit gibt es keine nennenswerte Produktion. Dabei lohnt es sich, bei der Schokoladengeschichte der Stadt über das Spektakel im Rheinauhafen hinauszublicken. Dort setzte sich der Fabrikant Hans Imhoff mit dem Bau des Schokoladenmuseums vor 25 Jahren für damals 53 Mio. DM selbst ein Denkmal. Das Markenzeichen war von Anfang an der Schokoladenbrunnen, an dem heute autorisierte Fachkräfte Waffeln eintunken und an die Besucherinnen und Besucher weiterreichen.

 

Aber es gibt noch ein anderes Schokoladendenkmal in Köln, das weniger mit dem Genuss als mit der Produktion zu tun hat — oder haben könnte: das sogenannte Stollwerck-Mädchen. Die Figur des im April verstorbenen Kölner Bildhauers Sepp Hürten wurde 1990 auf dem Severinskirchplatz in der Südstadt aufgestellt. 1839 begann der Stollwerck-Clan in Köln mit Hustenbonbons, verlegte den Schwerpunkt aber bald auf die industrielle Herstellung von Schokolade. Die Produktion erfolgte bis Mitte der 70er Jahre im Severinsviertel, zog dann nach Porz-Westhoven um und wurde 2002 mit dem Verkauf der Firma an ein Schweizer Unternehmen geschlossen. Die Bronzestatue ist eine folkloristische Darstellung einer jungen Frau nebst Pralinenschachtel. Die Umstände, unter denen die »Mädchen« arbeiteten, bleiben unerwähnt.

 

Aber nur wenige Meter entfernt treffen Emanzipation und Schokolade gewissermaßen wieder aufeinander — im ehemaligen Volkstheater (dem heutigen Odeon) von Trude Herr, der berühmtesten Kölnerin der Nachkriegsgeschichte. Die ließ sich 1960 nicht mit Pralinen abspeisen und schaffte mit Selbstbewusstsein und dem Schlager »Ich will keine Schokolade« ihren Durchbruch.

 

 

 


Von: Johannes J. Arens