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SR Archiv | Artikel in Ausgabe 02/08
»Eine zutiefst persönliche Kränkung«

Ein Gespräch mit Gregor Leschig und H.-Georg Lützenkirchen, den Machern der Initiative »Bin ich Arbeit?«


Foto: Manfred Wegener

StadtRevue: Sie haben vor eineinhalb Jahren ein ungewöhnliches Projekt gegründet: Sie bringen Arbeitsbiografien auf die Bühne. Warum haben Sie für eine künstlerische Inszenierung ein solch hartes politisches Thema ausgewählt?

Gregor Leschig: Das Thema Arbeit ist sehr aktuell. Da kam uns die Idee, den Menschen, die von dem sich verändernden Arbeitsmarkt betroffen sind – sei es durch Arbeitslosigkeit oder auch weil sie Arbeitsplätze wechseln müssen – eine Stimme zu geben. Es fing mit einem Forum im Internet an, vor allem aber führen wir Interviews mit Menschen, die ihre Geschichte erzählen wollen. Aus diesen Stimmen machen wir Theaterstücke.

Was erzählen Ihnen die Menschen?

Leschig: Wir sprechen mit Selbstständigen, mit Unternehmern, mit Menschen, die mal arbeiten, mal nicht, mit Menschen, die dauerhaft arbeitslos sind und von Hartz IV leben. Wir haben junge Leute gesprochen, die sehr ambitioniert und voller Idealismus am Anfang ihrer Karriere stehen. Es gibt leider auch junge Leute, die schon eine Karriere als Leiharbeiter in der Asbestsanierung hinter sich haben, die voller Zorn sind und sagen, Leiharbeit sei moderner Sklavenhandel. Aber wir haben auch die Geschichte einer 53-jährigen Frau gehört, die Gesundheitsberaterin war und aus dem System rausgefallen ist, als sie ein Burnout-Syndrom hatte und anschließend in die Arbeitslosigkeit gerutscht ist. Ihr 25-jähriger Freund war lange Zeitarbeiter und obdachlos, jetzt haben sie sich als Paar gefunden und wollen ihr Leben neu gestalten.

Sie bekommen ja einen sehr ungefilterten Einblick in das Leben der Menschen. Wie ist das für Sie?

Leschig: Geschichten zu erfahren ist das Grund­anliegen unseres Projektes. Wir wollen nicht repräsentativ sein, wir kommen vom Theater. Wir wollen Geschichten an die Öffentlichkeit bringen nach dem Prinzip »Seht her, hier fallen einzelne raus, andere finden Perspektiven, gehen damit kreativ um«. Für uns sind das Goldstücke, wenn Menschen den Mut haben, sich zu öffnen, zu erzählen. Das Thema Arbeit wird breit in allen Medien disku­tiert, die einzelne Arbeitsbiografie aber bleibt etwas sehr Privates. Die Menschen müssen, be­vor sie reden, Vertrauen gewinnen – oder in Situ­ationen kommen, die sie nicht mehr aushalten.

Zum Beispiel?

H.-Georg Lützenkirchen: Situationen etwa, die sie bei den Arbeitsgemeinschaften (Argen) erleben. Sie schildern die Zustände in der Behörde, die Entwürdigung. Sie berichten, dass immer wieder Dinge nachgefragt werden, die eigentlich längst klar sind, dass Maßnahmen eingeleitet werden, in denen Menschen mit einer hohen Qualifikation Dinge tun müssen, von denen man eigentlich nur noch sagen kann: Crazy! Das kann es gar nicht geben. Das berührt eine Lebenswelt, die von der normalen Politik gar nicht mehr aufgegriffen wird.

Leschig: Im Moment zeichnet sich ab, dass genau die Menschen, die eigeninitiativ sind und ihr Schicksal in die Hand zu nehmen versuchen, bei der Arge am wenigsten Unterstützung erfahren. Die Arge ist gar nicht für sie ge­macht. Leute erzählen uns oft, sie seien mit einer Idee an die Behörde herangetreten und hätten immer wieder Absagen erhalten: »Das geht nicht, das wissen wir nicht, können wir jetzt nicht.«

Welche Art von Unterstützung brauchen diese Menschen stattdessen?

Leschig: Die große Herausforderung ist, in ­ei­nem partnerschaftlichen Gespräch gleich­be­rech­tigt Lösungen zu finden. Diese Einstellung – die es vielleicht nie wirklich gab – ist im Zuge der Hartz-Reformen völlig verloren gegangen. Natürlich sind nicht alle, die zur Arge gehen oder dort arbeiten, auf dieses partnerschaftliche Ideal eingestellt, das ist sicherlich ein großes Problem. Aber man sollte das Ideal nicht aufgeben.

Realisieren Sie denn dieses partnerschaftliche Ideal in Ihrer Arbeit?

Leschig: Das wollen wir hoffen! Wenn ich das mal als Rückmeldung geben darf: Die meisten Menschen bedanken sich, dass sie erzählen können, dass ihnen jemand zuhört.

Damit übernehmen Sie ja fast sozialarbeiterische Aufgaben...

Lützenkirchen: Na ja...Wichtiger ist, dass wir darüber nachdenken wollen, auf welcher ideel­len Grundlage unser Sozialsystem aufgebaut ist. Die Vorstellung davon, was das Leben sein soll und welche Rolle Arbeit spielt, ist möglicherweise bei vielen Menschen schon eine ganz andere als das, was die Politik tatsächlich noch umzusetzen versucht. Diese Debatte führt na­tür­lich nicht unmittelbar zu einer Neu­kon­stitution des Sozialsystems, das wäre auch an­maßend. Aber ein wenig Utopie schadet nicht. Wir meinen, es ist notwendig, diese Din­ge zu diskutieren, und das wollen wir anregen.

Wer ist Ihre Zielgruppe? Wen möchten Sie ins Theater holen?

Leschig: Menschen jeder Couleur: Menschen in Arbeit, Menschen ohne Arbeit, auch Menschen bewusst ohne Arbeit.

Lützenkirchen: Die Geschichten, die wir erzählen, sind für viele Menschen exotisch. Mit der Welt der Arbeitslosigkeit und auch Armut kommen sie sonst nicht in Berührung. Ob aber auch all diejenigen ins Theater kommen, die uns mit ihren Interviews das Material geliefert haben, ist fraglich – da muss man realistisch sein.

Warum denken Sie, dass das Theater das geeignete Forum ist?

Leschig: Wir wollen im besten Brechtschen Sinne Handlungsoptionen für den Umgang mit der Realität aufzeigen und zwar nicht aus einem genialischen Ansatz heraus, sondern aus dem, was die Leute eingebracht haben, also von der Basis her.

Lützenkirchen: Bei den Handlungsoptionen geht es nicht um eine Eins-zu-eins-Kau­sa­­lität, also nicht: Da passiert jetzt etwas, und da gibt es den einen Ausweg. Es werden Poten­ziale auf­gezeigt. Wie sie dann in der Wirk­lichkeit um­gesetzt werden, oder ob sie überhaupt umgesetzt werden, ist eine ganz andere Geschichte.

Sie haben durch Ihre Gespräche zahlreiche Ein­blicke in die Arbeitsrealität gewonnen. Welche Bedeutung hat Arbeit für das Leben der Menschen?

Leschig: Viele Interviews zeigen, dass beispiels­weise der Verlust des Arbeitsplatzes nicht nur ein arbeitsbiographischer Knick, sondern auch eine zutiefst persönliche Kränkung ist. Das wirft natürlich die Frage auf, ob und warum sich der Mensch durch seine Erwerbs­arbeit definiert. Interessant ist auch, dass wir keine Rückmeldung von Leuten haben, die sagen: Ich will nicht arbeiten. Wir haben nie gehört, dass jemand dreißig Sabbatjahre ein­legen will ...

Haben Sie sich die Frage auch selbst gestellt: Sind Sie Arbeit?

Lützenkirchen: Mein Leben ist ein Ganzes! Ich bin manchmal Arbeit und manchmal nicht Arbeit.

Leschig: Ich habe einen protestantischen Hin­tergrund – und ich definiere mich sehr über mei­ne Arbeit. Allerdings meine ich damit nicht nur Erwerbsarbeit im klassischen Sinne.


Interview: Anja Albert, Yvonne Greiner

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