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SR Archiv | Artikel in Ausgabe 05/08
Akrobatik am Abgrund
Parkour

Sie nennen sich Traceure oder Freerunner und hechten von Dach zu Dach, laufen Wände hinauf, überspringen Autos. Auch in Köln boomt die junge Sportart Parkour. Anja Albert hat die Traceure einen Tag lang begleitet. Mehr Bilder unter: www.stadtrevue.de/fotostrecke


Foto: Manfred Wegener

Seine Augen ziehen sich zu Schlitzen zusammen, unruhig tritt er von einem Fuß auf den anderen. Matthias Esser steht an einem Dienstagmorgen mitten auf dem Heumarkt und schnaubt wie ein Walross. Noch einmal holt er tief Luft – und stürmt los, Richtung Rhein. Dabei springt er über eine Mauer. Läuft eine Hauswand hoch. Hechtet über ein parkendes Auto, ohne es zu berühren. Am Rheinufer, vor der Wendeltreppe, die zur Deutzer Brücke hinaufführt, blickt er sich kurz nach seinen Kumpels Jan und Kirill um, die hinter ihm her hetzen.

Dann nimmt er Anlauf. Hüpft über das Geländer der Treppe, sprintet fünf Stufen auf einmal nehmend nach oben – und springt. Vor ihm die romantische Altstadtkulisse, unter ihm fünf Meter erbarmungslose Tiefe. ­Einen Fehler kann er sich nicht erlauben. Zwei Meter segelt er durch die Luft und landet in der Hocke auf den blauen Wasserrohren, die seit dem Bau der Nord-Süd-Bahn die Stadt durchziehen.

»Los, weiter, Tempo«, treibt Jan, der direkt an seinen Fersen klebt, an. Die drei Sportler balancieren über die Wasserrohre, auf der Promenade unter ihnen herrscht großer Tumult. Touristen, die gerade gemütlich vor sich hin tuckernde Rheinschiffe gefilmt haben, drehen jetzt eine Sequenz wie aus einem Jackie-Chan-Film. Nach zehn Metern kreuzt die nächste Wendeltreppe. Die Jungs hasten die Stufen hinunter, stürzen sich die letzten Meter in die Tiefe, und laufen am Rheinufer langsam aus. Der ganze Sprint dauert nur wenige Sekunden. »Super Lauf, ein richtiger Adrenalin-Kick«, sagt der 28-jährige Matthias Esser und klatscht seine Freunde ab. »Zumal das Rohr richtig vibriert, da rauscht ja Wasser durch«, antwortet Jan Witfeld, der ebenfalls 28 Jahre alt ist. »Ja, war echt knapp«, betont der 20-jährige Kirill Selezner.

Urbane Pfadfinder

Die drei Sportstudenten betreiben seit zwei Jahren Parkour. Ein Trendsport, der von den Pariser Banlieues aus die Großstädte der Welt erobert. Ziel ist es, schnellstmöglich von A nach B zu kommen – ohne Rücksicht auf Hindernisse. Sackgassen kennen die Traceure nicht, wie sich die Sportler selbst nennen. Das heißt so viel wie »die den Weg ebnen«. Sie verlassen die von Stadt­planern dafür vorgesehenen Straßen und suchen sich ihren eigenen Weg über Dachkanten, Mülleimer oder Litfaßsäulen. Die Stadt wird zum Sportgerät. Und sie zu urbanen Pfadfindern. Ständig auf der Suche nach neuen Zielen.

Der 35-jährige Franzose David Belle gilt als Begründer der Bewegung. Von seinem Vater, einem ehemaligen Vietnam-Soldaten, lernte er als Kind in den Wäldern Nordfrankreichs die so genannte »méthode naturelle«, eine Art Überlebenstraining, um dem Gegner zu entkommen. Nach dem Umzug nach Paris trainierte David Belle weiter. Seine neuen Hindernisse waren nun nicht mehr Bäume, sondern Hochhäuser, Mauern, Garagen. Belle ist der Star der Szene, Google verzeichnet derzeit 747.000 Einträge zu ihm. International bekannt wurde der Sport, als Luc Besson 2004 den Film »Ghettogangz – Die Hölle vor Paris« (»Banlieue 13«) produzierte – mit Belle in einer der Hauptrollen.

Auch die Popkultur wirbt mit dem Spiderman-Image

Jan Witfeld, der eine schwarze Trainingshose und Kapuzenpulli trägt, hat Belle schon einmal in Berlin gesehen. »Es war übermenschlich, was er gezeigt hat. Ich würde sterben vor Angst«, erzählt er, während er die Uferpromenade entlang joggt und Sekunden später völlig geräuschlos einen Salto über einen Mülleimer schlägt. Vermutlich denken die staunenden Passanten das gleiche von den Studenten, die in Sportarten wie Kunstturnen, Leichtathletik oder Klettern trainiert sind. Indessen erhöht Kirill das Tempo und grätscht mit einem Riesensatz über den Brunnen am Fischmarkt. Außen herum laufen ist langweilig, stoppen sowieso, dann wird der Flow, wie die Traceure sagen, gebremst. Matthias gleitet über einen Handlauf neben der Kirche Groß St. Martin. 90 Kilo schwer, aber leichtfüßig wie eine Katze.

Popkultur und Werbeindustrie haben das Potenzial der Szene längst erkannt und sich an die Coolness der Traceure drangehängt. Auf Tempo geschnittene, mit HipHop-Musik unterlegte Videoclips werben mit dem Spiderman-Image, am modernen Heldentum wollen alle teilhaben. In der Eröffnungsszene im jüngsten James-Bond-Film »Casino Royale« rennt der Bösewicht Bau­kräne hinauf und Aufzugsschächte hinunter – in Parkour-Manier. Auch Madonna schmückt sich in ihrem Video »Hung up« mit Traceuren.

Gute Traceure wägen das Risiko ab

»Es droht der Kommerz«, meint Kirill, während er sich vor dem Römisch-Germanischen Museum eine Treppe hinunterstürzt. Vor allem im Internet boomt die Szene. Täglich werden Dutzende von Touristen-Amateur-Videos bei Youtube eingestellt, aber auch die Sportler selbst nehmen ihre Stunts gegenseitig auf. »Im Internet liegt eine große Gefahr. Die ganzen Videos sehen mega­spektakulär aus, die Jugendlichen wollen ihren Superhelden nachhecheln und stürzen sich irgendwo hinunter. Die verstehen nicht, dass das alles inszenierte Zusammenschnitte sind, die nicht zeigen, was dazwischen passiert«, beklagt Mat­thias. In der Regel springe man nur eher selten von Dach zu Dach, hartes Training sei eine Selbstverständlichkeit: »Beim Par­kour ist die Selbsteinschätzung entscheidend. Wir sind keine Kamikaze-Sportler, auch wenn es vielleicht für manche so aussieht.« Bevor sie einen neuen Move ausprobieren, inspizieren sie das Hindernis und geben sich Hilfestellung.

So wie jetzt an der Stele auf der Domplatte. Jan läuft ein paar Schritte den Betonpfeiler hinauf, stößt sich ab und landet mit einem Rückwärtssalto. Kirill steht daneben und stützt ihn. Nach einigen Versuchen machen sie das Kunststück alleine – das sieht elegant aus, ist aber nicht effizient. Laut David Belle geht es nur um Schnelligkeit, Schnörkel sind nicht erlaubt. Sobald Salti, Handstände und sonstige Akrobatik-Elemente zelebriert werden, wird in Szenekreisen häufig von Freerunning gesprochen. Erst einige Jahre alt, und schon ist der Streit um die reine Lehre entfacht. »So ist das mit den Trends«, stöhnt Matthias, »dieser Definitionenstreit ist doch völlig albern. Jeder soll machen, was ihm Spaß macht. Und mir macht Akrobatik Spaß, sonst könnte ich ja auch einen Marathon laufen.« Für die einen sei es eine Jugendkultur, für andere eine Körperkunst oder gar eine Philosophie, sagt Mat­thias, der von solchen Begrifflichkeiten wenig hält. »Für mich ist es Sport.« Eine Subkultur mit eigener Mode und Musik erkennt er in Deutsch­land bisher noch nicht. »Dafür ist der Trend noch zu jung, die Szene zu klein.«

Der Parkour-Verband, der sich 2005 gegründet hat, zählt 2000 Traceure. Alex Pach, In­haber der Eventagentur »Move Productions« und selbst Parkourläufer, schätzt die Kölner Szene auf 250 Aktive. Eine Vereinsstruktur gibt es nicht, strenge Regeln auch nicht. Wer als Traceur hoch hinaus will, braucht nur solide Turnschuhe, Muskelkraft und wache Augen. Pach, der Trainingsstunden an der Sport­hochschule anbietet, erkennt darin vor allem die Möglichkeit, Jugendliche, die sportliche Anstrengung nur aus Computerspielen kennen, für den Trend zu begeistern.

»Wir sind keine Vandalen«

Einen anderen Weg als die Masse zu nehmen, ist das nicht immer auch ein bisschen Rebellion? »Vielleicht«, sagt Jan und grinst verschmitzt. »Aber der öffentliche Raum gehört ja auch uns.« Umso betonierter die postmoderne Stadtlandschaft, desto besser der Parkourlauf. »Parkhäuser wie an der Sport­hochschule oder der Mediapark sind ideal für uns zum Üben.« Allerdings ginge es nicht darum, durch fremde Gärten zu rennen. »Wir sind keine Vandalen und wollen nichts beschädigen«, betont Jan.

Für heute ist ihr Lauf beendet. Jetzt schlendern sie gemeinsam durch die Stadt. Vor dem Stadtmuseum fängt Matthias plötzlich wieder an, wie ein Walross zu schnaufen. Völlig unvermittelt springt er noch mal mit einem Riesensatz über ein parkendes Auto. Die anderen machen es ihm nach. »Das stand so gut da.«


Mehr Bilder unter: www.stadtrevue.de/fotostrecke



Training
Sporthochschule, Carl-Diem-Weg 6, Müngersdorf
Di 16-18 Uhr:
Freerunning, Outdoor, Treffen vor dem Haupteingang
Di 18-19.30 Uhr:
Freerunning, Indoor, Halle 1 (nur für Studenten)
Montessori Grundschule, Am Pistorhof 11, Ossendorf
Fr 17-18.30 Uhr: Freerunning, Anfänger
Fr 17-18.30 Uhr: Freerunning & Parkour, freies Training


Videoclips
Matthias Essers Top-Five-Suchbegriffe für die spektakulärsten Parkour-Videos bei Youtube:
Russian Jumper
Yamakasi
David Belle
Sébastien Foucan
Parkour

Anja Albert

Links zum Thema
www.move-artistic.com


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