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SR Archiv | Artikel in Ausgabe 08/08
Freizeitpark für Architekten
Nach über 15 Jahren Planung wird der Rhein­auhafen offiziell eröffnet


Foto: Manfred Wegener

Kein Wetter für Architektur heute. Das Licht ist fahl, und die Wol­ken hängen tief am zementfarbenen Nachmittagshimmel. Schwer und schmutzig sind sie bis zum Horizont gestaffelt, so als habe sie jemand an unsichtbaren Wäscheleinen zum Trocknen aufgehängt. Der Rhein wälzt sich träge unter der Südbrücke hindurch. Ein Lastschiff tuckert flussaufwärts, und als ein Güterzug über die Südbrücke rattert, wird es laut vor dem Kap am Südkai.

Mir kommt ein älterer Herr auf einem Fahrrad entgegen. Ja, den Rheinauhafen kennt er gut. Seit drei Jahren fährt er jeden Tag von Poll über die Südbrücke bis zur Altstadt und wieder zurück. »Schön und ordentlich« sei es, vor allem die sanierten Hafengebäude, in denen Büros und Wohnungen untergebracht sind. Aber auch die mächtigen, sechzig Meter hohen Kranhäuser des Star-Architekten Hadi Tehe­rani, die am Yachthafen vor der Severinsbrücke hochgezogen werden: »sehr spannend und interessant gemacht«. Man spürt das Bemühen, den Tonfall eines Architektur-Experten anzuschlagen. Dann redet er wieder normal weiter. Ich solle mal am Wochenende kommen – da sei hier was los: »Nur Himmel und Menschen!«, sagt der Mann aus Poll.

Arbeitsplätze für bis zu 2500 Menschen

Auf der Terrasse des Kap am Südkai treffe ich Christian Mammel. Der 31-Jährige arbeitet beim Rodenkirchener Architekturbüro JSWD, das auch im Rheinauhafen baut. Für das Internetportal koelnarchitektur bietet Mammel Stadtführungen an, unter anderem im Rheinauhafen. »Es ist das wichtigste städtebauliche Entwicklungsprojekt für Köln«, sagt Mammel gleich nach der Begrüßung. Auf dem zwei Kilometer langen Gelände vom Kap am Südkai bis zum Schokoladenmuseum sollen einmal bis zu 2500 Menschen arbeiten, dazu entstehen 700 Wohnungen für diejenigen, die sich diese Top­lage leisten können. Der neue Rheinauhafen gliedert sich in durchlaufende Promenade und einen dahinter gelegenen Boulevard, wo jeweils sanierte Altbauten auf moderne Architektur treffen. Rund dreißig neue Gebäude werden hier 2010 schließlich errichtet worden sein.

Das Kap am Südkai war eines der ersten Projekte, im Herbst 2004 wurde der gläserne Komplex mit dem zehnstöckigen Hochhaus an der Spitze fertiggestellt. Neben Wohnun­gen und Büros gibt es ein Restaurant mit zwei Terrassen. Wir sind aber nicht zum Kaffeetrinken hier, Mammel soll mir den Rheinauhafen aus Sicht eines Architekten zeigen. Wir gehen gleich los, doch schon nach ein paar Schritten hält er an, dreht sich um: »Mein Lieblingsblick – entlang der Promenade auf den sanier­ten Lastenkran und die Südbrücke.« Mammel geht etwas in die Knie: »Bei Sonne spiegelt sich das rechte Rheinufer in der modernen Glasfassade des neuen Gebäudes«.

Die Architektur nicht neu erfunden

Ein paar Meter weiter erzählt Mammel von der aufwändigen Umnutzung des alten Silos durch das Architekturbüro Kister, Scheithauer, Gross; von dem ausgeklügelten Konzept, mit dem der Getreidespeicher »Siebengebirge« zu Wohn- und Arbeitsräumen umfunktioniert wurde und von dem Nebeneinander von Alt und Neu im Rheinauhafen. Wir passieren den Elisabeth-Treskow-Platz, das größte freie Areal. Dahinter gleich die offenkundig moder­nen Bauten: hochwertige und teure Eigentums­wohnungen, im Parterre Büros und Gastronomie. Wenn Architekten ihre Projekte benennen, neigen sie zum orthographischen Schnörkel: Die Gebäude heißen Rhein3 oder Home4. Die Wohnwer[f]t, das schein­bar aus Quader-Modulen zusammengesetzte Gebäude ist Mammels Favorit. Alle sechs Meter gibt es eine tragende Betonschotte, und darin sind die Wohnungen quasi hineingewürfelt, wird mir er­klärt: ein Penthouse in S-förmigem Zuschnitt, eine Maisonettewohnung über zwei Geschos­se, eine Wohnung über zwei Achsen mit langem Balkon. »Natürlich wird hier Architektur nicht neu erfunden, aber die Qualität ist schon sehr hoch für solch eine große Maßnahme«. Wir gucken uns die Balkone an. In einer Wohnung ist ein riesiger goldener Stuhl und eine Freiheits­statue zu sehen. Jetzt muss Christian Mammel lachen: »Da gibt jemand so viel Geld für eine Wohnung hier aus und hat doch nichts verstanden von der Architektur.«

Im Haus nebenan sitzen drei Frauen auf dem Balkon. Ob die Schiffe laut seien, will ich wissen, als ich später noch einmal hier entlang komme. Nein, sagt die Frau auf dem Balkon und ihre Freundinnen kichern in Prosecco-Laune. Die Schiffe seien bloß laut, wenn sie an­legten. Das nämlich dürfen die Schiffer nach Rheinschifffahrtsakte von 1868. Damit der Die­selmotor der Anleger die Bewohner aber nicht in den Wahnsinn treibt, hat man extra Stromanschlüsse bereitgestellt. Was die Bewohner mehr stören dürfte, ist der Baulärm tagsüber.

Die größte Baustelle sind die Kranhäuser am alten Yachthafen. Ein Ensemble aus drei Türmen, die an Krane erinnern. Dreimal ein riesiges L, das auf dem Kopf steht. Die Roh­bauten der beiden Bürotürme stehen schon, das dritte Haus mit Luxus-Eigentumswohnungen wird in diesen Tagen gebaut. Mammel gefallen die Kranhäuser: »Sie wir­ken von unten viel luftiger als im Modell. Sicher, sie hätten etwas schlanker sein können, aber eine derartige Konstruktion rech­net sich mit we­niger Mietfläche leider nicht.«

Investor des nördlichen Wohn-Kranhauses ist die Pandion AG. Vorstandsvorsitzen­der Reinhold Knodel, ein braun gebrannter, schlipsloser Selfmademan, wird in der Branche für seinen Erfolg und seinen Mut bewundert: Auch das Siebengebirge, das lange als schwieriges Objekt galt, hat Knodel vermarktet. Dem­jenigen der eine der 135 Wohnung im »Pandion Vista« kauft – der Quadratmeter ab 3500 Euro – verspricht Knodel »Komfort, Luxus, Sicherheit« sowie ein »Dienstleistungskonzept, ähnlich dem Concierge-Service im Fünf-Sterne-Hotel«. Noch im August soll Baubeginn sein.

Als Mammel und ich schließlich über den Boulevard, die Hauserschlucht parallel zur Promenade, zurück zum Kap gehen, sage ich, dass es hier ein bisschen aussieht, wie in einem Freizeitpark für Architekten. Mammel grinst: Ja, irgendwie schon. Jedenfalls: auch.

Das Prosecco-Veedel

Drei Tage später ist Sonntag, die Sonne scheint und ich muss an den Rentner aus Poll denken. Himmel und Menschen. Die Menschen tun das, was die Figuren in den Architek­turmodellen tun: flanieren, verweilen, im Busi­ness-Anzug mit einem Coffee-to-go-Papp­becher auf einer Treppe sitzen. Also für das sorgen, was allenthalben als Urbanität beschworen wird. Auf den Terrassen der Gastronomien trinken Frauen »Prosecco auf Eis« und haben sich die Sonnenbrille in die Haare gesteckt. Senioren im Partnerlook hocken kerzengerade am Nebentisch, studieren skeptisch die Speisekarte. Vor ihnen ergießt sich ein Strom aus Menschen entlang der Promenade.

Am folgenden Montagmorgen sitze ich einem bestens aufgelegten Franz-Xaver Corneth im Hafenamt am Yachthafen gegenüber. Das muss er schon von Berufs wegen sein: Corneth ist Projektleiter für den Rheinauhafen bei der Kölner Häfen- und Güter­verkehrsgesellschaft, der Eigentümerin des Rheinauhafens. Außerdem ist Corneth Geschäftsführer der neuen Rheinauhafen-Verwaltungsgesellschaft.

Nein, der Medienhafen in Düsseldorf sei kein Vorbild für Köln gewesen. Die Landes­hauptstadt nennt er »das Dorf an der ­Düssel«, und er freut sich, wenn man mitlacht. Da sei ja abends nichts mehr los, und die HafenCity in Hamburg, das habe er gehört, sei von der Bebauung viel langweiliger. Nur einmal verschränkt Corneth die Arme. Als ich frage, warum alles so lange gedauert hat – immerhin hat die Politik 2002 grünes Licht für das Kranhäuser-Ensemble gegeben. Corneth erzählt von umständlichen Verwaltungsabläufen und einer Krise auf dem Immobilienmarkt 2002, die vier Jahre angehalten habe. Dann höre ich wieder, wie Corneth schwärmt: »Wir haben hier zwanzig Prozent Kunst und Kultur, dreißig Prozent Wohnen, fünfzig Prozent Gewerbe und Gastronomie. Eine lebendige Mischung, Urbanität in vollster Vollendung.«

Ob es ein richtiges Veedel wird, das kann Corneth nicht sagen. Ihm ist wichtig, dass man wieder an den Rhein gelangen kann. »Von Rodenkirchen bis zum Zoo komplett am Fluss lang laufen!« Aber da ist ja noch die Baustelle mit den Kranhäusern. »Die sind 2010 fertig«, sagt Corneth. Wirklich? »Na ja, Frühjahr 2011«, sagt Corneth und lacht wieder wie bei seinem Witz über Düsseldorf.

Die Eröffnung des neuen Rheinauhafens wird am
Sa, 16. August ab 16 Uhr mit dem Kulturfest new talents 2008 – junge biennale köln gefeiert (siehe Tages­tipp). Führungen durch den Rheinauhafen organisiert unter an­derem koelnarchitektur. Nächster Termin: Sa, 9. August, 15 Uhr. Anmeldungen bei schlei@koelnarchitektur.de. Weitere Infos dazu auf www.architaxi.de.

Bernd Wilberg

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