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SR Archiv | Artikel in Ausgabe
Kriminelle Vergangenheit
Kriminelles Köln

Die Angst vor dem Meer, vor Zauberei und Hexerei waren im Köln der frühen Neuzeit maßgeblich an der Definition eines Kriminalitätsbegriffs beteiligt. Heute dagegen beherrschen Schlagworte wie »Wirtschaftskriminalität« und »organisiertes Verbrechen« die öffentliche Diskussion. Ein Gespräch mit Historikern und der Kölner Kripo über spektakuläre Fälle und die Entwicklung der Kölner Kriminalitätsgeschichte.

Gefangen in einem Weidenkorb saß Philipp Ecks in der Dunkelheit. Unbekannte hatten ihn zu einem Korn eingeladen, ihn dann an einer dunklen Straßenecke niedergeschlagen und verschleppt.
Die Entführung des wohlhabenden Bäckermeisters Ecks innerhalb der Kölner Stadtmauern versetzte im Oktober 1588 die ganze Stadt in Aufruhr. Auf Flugblättern wurde die Bevölkerung zur Mithilfe aufgerufen. Die Erpresser verlangten in einem Brief an die Bäckersfrau 2000 Kronen Lösegeld. Der Fall war in der damals 40.000 Einwohner zählenden Stadt ein Ausnahmeverbrechen.
»Im Unterschied zu heutigen Großstädten fühlte die Bevölkerung sich innerhalb der Stadtmauern sicherer als auf dem Land«, resümiert Gerd Schwerhoff, Geschichtsprofessor an der TU Dresden und Experte auf dem Gebiet der historischen Kriminalitätsforschung. Außerhalb der Mauern befürchtete man beispielsweise Übergriffe von Räuberbanden. Orte wie St. Bethlehem in der Ville, ein Waldgebiet im Südwesten der Köln Bonner Bucht, in das auch das Lösegeld für den entführten Bäcker gebracht werden sollte, galten als Treffpunkte für GaunerInnen aller Art. Dagegen gab es innerhalb Kölns keine ausgeschriebenen gefährlichen Viertel. Als No-Go-Area galten einzelne Straßen wie die Schmierstraße, heute Komödienstraße, in der vornehmlich die Armen der Stadt lebten. Auf dem Berlich existierte von 1527 bis 1592 das »Frauenhaus«, ein städtisch geführtes Bordell.

Turmbücher und Beutelschneider

Straftaten und deren Sanktionen innerhalb des Stadtgebiets wurden zwischen 1564 und 1764 in den Kölner Turmbüchern – benannt nach, dem Stadtturm – dem damaligen Gefängnis dokumentiert. Von »Beutelschneidern«, »Gotteslästerern« aber auch der »Beleidigung der Obrigkeit« etwa ist dort die Rede.
Die Bücher sind wichtige Quellen für den Historiker Gerd Schwerhoff, der sich intensiv mit Kölns krimineller Vergangenheit beschäftigt. Bei der Auswertung wird deutlich, dass die Bedrohung des Eigentums und Sittlichkeitsverbrechen weitaus härter bestraft wurden als Ausübung von Gewalt, die im Köln der frühen Neuzeit allgegenwärtig zu sein schien. So wurden Totschläger nicht von vorneherein stigmatisiert, sondern hatten die Möglichkeit sich durch eine finanzielle Entschädigung an die Angehörigen des Opfers freizukaufen oder durch die Fürsprache anderer BürgerInnen rehabilitiert zu werden.
Für Gerd Schwerhoff ist die schriftliche Dokumentation der Taten gleichzeitig der Beginn der Definition eines »Kriminalitätsbegriffs«, der in der frühen Neuzeit noch stark durch religiöse – im Falle Kölns selbstverständlich katholische – Einflüsse, sowie der Angst vor allem Unbekannten, insbesondere der Zauberei und Hexerei, geprägt war. Die Definition von Kriminalität beschreibt gleichzeitig die Strukturen der Gesellschaft und bietet den HistorikerInnen die Möglichkeit, sich sowohl ein Bild über die Rolle der Herrschenden als auch über die Stellung von Randgruppen und Geächteten zu machen.

Spektakuläre Entführungen und nostalgische Erinnerungen

Entführungen gelten im Jahr 2001, über 400 Jahre nach der Verschleppung des Bäckermeisters Ecks, immer noch als spektakulär. Der im August pensionierte Leiter der Kripo Köln, Walter Volmer, arbeitete über 40 Jahre bei der Kölner Polizei. Dabei durchlief er fast alle Stationen vom Schutzpolizisten über die Mordkommission bis zum polizeilichen Staatsschutz. Später wurde er Dozent für Kriminalistik an der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung in NRW. Fragt man ihn nach den Fällen, die ihm aus seiner Dienstzeit im Gedächtnis geblieben sind, erzählt auch er spontan von zwei Kindesentführungen im Jahr 1981. Im Fall Johannes Erlemann waren die Täter zunächst schlauer als die Polizei. In einem Waldstück bei Brück wurde das Lösegeld in eine bereitgestellte Kiste gelegt, die von den ErmittlerInnen fast zwei Tage lang beobachtet wurde, bis sie feststellten, dass die Kiste auf einem Kanaldeckel stand, durch den die Entführer das Geld längst an sich genommen hatten. Auf Grund von Fundstücken, unter anderem eines Metallhakens, den die Täter im Kanal zurückließen, konnten sie schließlich überführt werden. Nur sechs Monate später wurde Nina von Gallwitz entführt. Es dauerte über fünf Monate bis das Mädchen wieder frei war, die Täter entkamen. Im Fall des Bäckermeisters Ecks befreiten die Gewaltrichter und ihre Diener den Entführten bereits nach vier Tagen aus seinem Weidenkorbgefängnis. Einer der Gründe für die verhältnismäßig schnelle Lösung des Falls war, nach Einschätzungen der HistorikerInnen, auch das enge soziale Netz. Die hohe Bereitschaft der BürgerInnen, zur Aufklärung eines Verbrechens beizutragen, wird unter anderem damit erklärt, dass »Gottesfurcht« im Bewusstsein eine zentrale Rolle spielte. »Missetaten« wurden häufig angezeigt, da man befürchtete, Gott würde anderenfalls statt der TäterInnen die gesamte Stadt bestrafen.
Erinnert sich Walter Volmer an die ersten 20 Jahre seiner Dienstzeit in den 60er und 70er Jahren zurück, so erscheint ihm die damalige kriminelle Szene in Köln im Vergleich zur Gegenwart überschaubarer: »Es gab eben mehr kölsche Kriminalität, und jeder blieb in seinem Metier.« Heute dagegen breite sich die Kriminalität geradezu »krakenhaft« auf nahezu jeden Lebensbereich aus. Legendäre Gestalten wie Schäfers Nas und Dummse Tünn lernte Walter Volmer noch persönlich kennen. Doch die »großen Nummern«, als die sie in Erzählungen oft beschrieben werden, waren sie seiner Meinung nach nicht: »Schäfers Nas hat nicht die Kölner Kriminalität beherrscht. Er hatte einzelne Leute im Griff. Aber der große Gangsterkönig war er nicht.« Räumlich beschränkte sich das kriminelle Treiben damals auf einzelne Viertel. Berüchtigt waren das so genannte EWG-Viertel, Eigelstein, Weidengasse und Gereonswall, und das Friesenviertel. Ein weiterer Brennpunkt befand sich um den Rheinauhafen. »Zum Wasser gehen« nannte man einen Besuch in diesem Viertel, wo heute lediglich noch der Name des bayrischen Brauhauses Paulaner im »Roten Ochsen« an die Zeiten erinnert, als die Gegend Rotlichtmilieu war. Hier werden Walter Volmers Erinnerungen geradezu nostalgisch: »Als mein Vorgesetzer mich zum ersten Mal mit zum Wasser nahm, setzte in jedem Lokal, das wir betraten, die Musik aus und man spielte ›Bonsoir Herr Kommissar‹.« Das Verhältnis sei fast schon familiär gewesen.

Kölner Polizei und die NS-Zeit

Weniger nostalgisch fielen seine Recherchen zur Rolle der Kölner Polizei im Nationalsozialismus aus. In einem gemeinsamen Projekt des ELDE-Hauses und der Kölner Polizei wertete er Mordakten und Karteikarten des polizeilichen Erkennungsdienstes aus. Das Ergebnis war eindeutig: Die Kölner Polizei arbeitete in der NS-Zeit eng mit der Gestapo zusammen, und das nicht, weil von politischer Seite Druck ausgeübt wurde, sondern aus Überzeugung. Zu den so genannten »Berufsverbrechern« zählten im Dritten Reich Obdachlose, Homosexuelle und psychisch Kranke genauso wie Sinti und Roma. Als Anfang der 30er Jahre eine Anordnung erlassen wurde, dass aus jeder Dienststelle fünf »Berufsverbrecher« in Konzentrationslager deportiert werden sollten, protestierten die Kripoleiter gegen die Anordnung. Jedoch nicht deshalb, weil sie dagegen gewesen wären, sondern, weil ihnen die Anzahl der Deportationen zu gering war.
»Die Arbeit zur NS-Zeit hat mein Bild der Polizei nachhaltig verändert.« sagt Walter Volmer, »Wir mussten auch feststellen, dass wir während unserer Ausbildung von Lehrern und Kollegen belogen wurden. Es hieß immer, die Verbrechen hat die Gestapo begangen. Die Polizei hätte damit nichts zu tun gehabt.« Eine Auseinandersetzung mit den alten Kollegen über die Verbrechen der Polizei im Dritten Reich ist problematisch. Gerade in der Kriminalpolizei blieben viele Altnazis auf ihren Posten, mit den meisten von ihnen arbeitete Walter Volmer noch zusammen und beschreibt sie im Arbeitsalltag als »liebenswerte und freundliche Kollegen«. Walter Volmer geht es nicht darum Menschen zu verurteilen, sondern die Mechanismen zu erkennen, die dazu führten, dass die Kölner Polizei aktiv am Terror des NS-Regimes beteiligt war. Über die Kollegen sagt er: »Die haben ihre Rechtfertigung gefunden und sagen dann, wir wollten ja nur Verbrechen bekämpfen.« Verbrechen bekämpfen wollte auch er selbst, als er in den 60er Jahren als Schupo mit dem Motorrad Homosexuelle verfolgte und festnahm. Der Paragraph 175, der von den Nazis nochmals verschärft worden und in der Bundesrepublik bis 1969 in genau dieser Fassung in Kraft war, verbot die sexuelle Beziehung zwischen Männern. Im Rückblick sagt Walter Volmer: »Damals gab es für mich keinen Zweifel, dass das richtig war. Das war natürlich Blödsinn. Wir waren aber der Meinung, dass das bestraft werden muss. Das haben wir so gelernt.«

Korruption und »Gülich-Aufstand«

Nach Walter Volmers Einschätzung sind neue Schwerpunkte der Polizeiarbeit heutzutage organisiertes Verbrechen, Wirtschaftskriminalität und Korruptionsfälle, von denen auch die Kölner Polizei in den letzten Jahren betroffen war.
Im Köln der frühen Neuzeit war Korruption ein Verbrechen, dass die Bevölkerung noch in Aufruhr versetzte. Gerd Schwerhoff spricht im Vergleich zu anderen Städten von einer »recht lebhaften politischen Partizipation der KölnerInnen«. Einer der bekanntesten Fälle ist der »Gülich-Aufstand« im Jahr 1680. Der Kölner Kaufmann Nikolaus Gülich organisierte damals die Proteste gegen Amtsmissbrauch und Korruption in der Stadtverwaltung. Nikolaus Gülich erklärte damals, dass »Köln wie Jerusalem scheitern und Kindeskinder leiden würden, wenn der Meineid, das Stehlen und Säckeln nicht abgestellt würden.« Die Proteste und der Sturm des Rathauses führten zur Verurteilung von drei Bürgermeistern und hatten 1683 Neuwahlen des gesamten Kölner Rats zur Folge.

Conny Crumbach

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