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SR Archiv | Artikel in Ausgabe 06
Mit dem Auto-Tune ins Chaos
Kölsche Tön

Entdeckungsreisen mit Kai Althoff und Stephan Abry

Maximale Verstörung: Workshop
Maximale Verstörung: Workshop

Workshop machen es einem nicht leicht. Als Popkonsument mit Sehnsucht nach klar verständlichen Codes und Verbindlichkeiten kann man sich an denen schon die Zähne ausbeißen. Die alles entscheidende Frage stellt sich gleich zu Beginn der Konfrontation mit dem musikalischen Œuvre der Kölner Künstler Kai Althoff und Stephan Abry (vor allem Althoff hat in zahlreichen Ausstellungen und Performances für Furore gesorgt). Muss man das ernst nehmen im Sinne eines ironiefreien (pop)kulturellen Beitrags? Oder ist das Konzept hier von vornherein auf Verstörung ausgerichtet? Lachen sie sich insgeheim ins Fäustchen, wenn verunsicherte Journalisten sich an musikalischen Analysen ihres Outputs versuchen, und dabei doch eigentlich nur scheitern können?
Workshop geben keine Interviews. Stattdessen stellen sie eine Kassette zur Verfügung, auf der die Band eindrucksvoll klarstellt, dass es kein wirklich erstrebenswertes Ziel sein kann, Interviews mit ihnen zu führen. Auf der einen Seite ist eine (gefakte?) Radiosendung zu hören, Workshop sind zu Gast bei Radio Bremen. Der Moderator kennt offensichtlich die Allüren der Band, trotzdem bereitet ihm die Verweigerungshaltung der beiden Musiker Probleme. Dennoch: Einige Statements der Band zur neuen Platte »Yog Sothoth« sind diesem Text kursiv beigemischt.
Die Intention dieser Platte ist bestimmt nicht Ruhe zu finden. Es geht eher darum zu sagen, dass alles möglich ist, dass alles offen ist und es eigentlich keine Regel in irgend einer Form gibt.
Auf der anderen Seite des Tapes haben Workshop das Interview remixed. Die Stimmen wurden verfremdet und das Interview selbst wurde mit zusätzlichen Kommentaren der Musiker versehen, in denen gehässig auf die Unzulänglichkeiten des Moderators eingezahlt wird. »Ich glaub’, ich leg zur Beschwichtigung jetzt erst mal ein bisschen Musik auf, mal gucken ob wir uns dann lockern«, versucht der Moderator an einer Stelle die Situation zu retten. Darauf eine angsteinflößend nach oben gepitchte Stimme: »Junge, hör auf so beschissen zu reden, wo hast du das gelernt? Du bist doch so ein kleines blödes Arschloch. Komm, leg deine Scheißmusik auf.«
Regeln oder Disziplin sind für mich eigentlich Schimpfworte. Wenn ich jemanden hör, der mir von Disziplin anfängt, dann schalt ich direkt ab, das ist für mich überhaupt nichts, weil ich glaube, Disziplin ergibt sich automatisch aus einem Interesse an etwas.
Workshop beginnen 1990 als – einfach gesagt – Krautrocker mit personell offenem Bandkonzept. Auf dem kleinen, aber damals einflussreichen Kölner Label Finlayson werden zwei Alben veröffentlicht. Mit dem Wechsel zu Ladomat und der Veröffentlichung des hochgeschätzten Albums »Talent« 1994 wenden sie sich der ambitionierten Elektronik und dem Sampling zu. Die zweite Ladomat-Veröffentlichung »Meiguiweisheng Xiang« (1997) ist ein Konzeptalbum mit drei ausschweifenden Stücken, in denen Rock, Elektronik und Gesang traumwandlerisch ineinander fließen. 2001 dann der erste Release auf Sonig: »Es liebt Dich und deine Körperlichkeit ein Ausgeflippter« markiert den Wandel zu einem entspannteren Folkpop, dessen schlichte Schönheit allerdings immer wieder durch die verzögert gedoppelte, und dadurch irgendwie schizophren wirkende Stimme Althoffs gebrochen wird, der in geschwollenen Worten von Ginsterbüschen, Glühwürmern und getrocknetem Blut singt.
Nun also: »Yog Sothoth«. 20 Stücke, 78 Minuten Kraut-und-Rüben-Rock. Eine musikalische Packung, die gleichermaßen fasziniert und anekelt, überfordert und betört. Die einem stellenweise richtig Angst einjagen kann.
Für mich ist diese Platte ein bisschen wie eine Reise, die durchaus auch
an Orte geht, wo man nicht unbedingt gerne hinreist, aber dann froh war, dort gewesen zu sein, der Erfahrung wegen.
Workshop haben den Auto-Tune entdeckt, diesen verrufenen Stimmengeradebiegeeffekt, der aus keiner amtlichen Chartsproduktion mehr wegzudenken ist. Der aber in der Vergangenheit in seiner pervertierten Form von Bands wie Daft Punk (»One more Time«) oder den Pet Shop Boys (»Home and Dry«) auch als künstlerisches Ausdrucksmittel ins Spiel gebracht wurde. Der Auto-Tune nimmt der Stimme das Menschliche und jeglichen Anflug von Wärme.
Wir haben uns da als Individuen immer weiter herausgezogen. Uns war auch immer die Produktionsweise wichtiger und nicht die Person am Instrument.
Althoff jedoch singt durch den Auto-Tune Texte, in denen die Utopie der Menschlichkeit im Jargon christlicher Jugendlager-Songs auf die Spitze getrieben wird: »Ich möchte gerne Hände reichen, wo jemand anderes Fäuste ballt. Herr gib mir Mut zum Brücken bauen, gib mir den Mut zum ersten Schritt.« Zynismus? Oder irgendwie doch die aufrichtige Sehnsucht nach Nähe in einer kalten Welt?
Workshop haben sich von musikalischen Kategorisierungen jeglicher Art befreit, wechseln die Styles von Song zu Song. Auf einen primitiven House-Track folgt eine schroffe Proberaumrock-Attacke, danach kommt der oben erwähnte Christen-Song, angereichert mit Störgeräuschen und vermüllten Schlagzeugloops, Track vier klingt dann wie eine durch den Schredder gezogene Werbemelodie, inklusive Supertramp Orgel.
Die Schmerzgrenze ist auch für uns teilweise überschritten. Aber durch die Länge der Platte ist es überhaupt möglich Stücke zu integrieren, die vielleicht eher in der Reihenfolge eine Rechtfertigung haben.
Workshop sind definitiv keine Popband. Viel zu »hochschwellig« ist ihre Musik und ihre Attitüde. Workshop benutzen Pop, verknüpfen seine Bezüge wie Synapsen bei einem LSD-Trip. Dieses Chaos muss man erst mal aushalten. Es stecken Welten dahinter.

Die aktuellen Alben von Workshop, »Es liebt Dich und Deine Körperlichkeit ein Ausgeflippter« und »Yog Sothoth« sind auf Sonig/Rough Trade erschienen.

Oliver Minck

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