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SR Archiv | Artikel in Ausgabe 07/04
Eine unendliche Geschichte
Lucas-Belvaux-Trilogie

Jede Nebenfigur eines Filmes könnte die Hauptfigur eines anderen sein. Der belgische Schauspieler und Regisseur Lucas Belvaux hat diesen Gedanken in einer Trilogie umgesetzt. MICHAEL KOHLER über ein brillantes Filmexperiment.

»Six Degrees of Separation«, das ist nicht nur der Titel eines schönen Films, sondern auch die Formel einer kleinen Theorie des Lebens. Nach ihr ist jeder Mensch auf dieser Welt mit jedem anderen über sechs Bekannte verbunden. Man kann das als kurzweiliges Partyspiel betrachten oder als Zeichen dafür, dass die Welt in ein dichtes Beziehungsnetz verwoben ist, in dem alles mit allem zusammenhängt und schon eine kleine Verschiebung der Perspektive ausreicht, um ein gänzlich anderes Blickfeld zu eröffnen: Aus dem treuen Ehemann wird vielleicht ein ausgemachter Schürzenjäger und aus der braven Lehrerin eine Frau mit schillernder Vergangenheit. Kein Autor und kein Regisseur könnte dieses Gespinst aus Figuren und Verweisen auch nur annähernd in erzählerische Bahnen lenken – und gerade deswegen ist es faszinierend, wenn es doch jemand versucht.
Vor zwei Jahren kam mit »Un couple épatant« eine Komödie in die französischen Kinos, die das Publikum mit Irrungen und Wirrungen einer bürgerlichen Ehe amüsierte, aber nicht allzu sehr aus dem Gros eleganter Familienburlesken herausragte. Zum Ereignis wurde der Film, weil er mit zwei weiteren Werken des belgischen Schauspielers und Regisseurs Lucas Belvaux eine Trilogie bildet, die es so noch nie gegeben hatte. »Jede Nebenfigur«, beschreibt Belvaux sein Kompositionsprinzip, »ist die Hauptfigur eines noch ungedrehten Films«. In »Cavale« und »Après la vie« treten deshalb jeweils Figuren in den Vordergrund, die in »Un couple épatant« ein wenig abseits standen. Durch diese Umbesetzung verändert sich der Blick auf die Geschehnisse – und dadurch auch Stimmung und Genre. Aus der Komödie wird ein Thriller und aus dem Thriller ein Melodram.
»Un couple épatant« beginnt mit dem Bild eines Hypochonders, dessen großer Tag gekommen ist. Eine anstehende Routineoperation wächst sich im Geist von Alain Costes zum tödlich wuchernden Geschwür aus und zeitigt als Nebenwirkung einen ausgewachsenen Verfolgungswahn. Von seinem Arzt fühlt er sich hintergangen, seiner Frau Cécile mag er sich nicht anvertrauen. So bleibt ihm als Freund allein das Diktiergerät, in das er seinen beständig wechselnden letzten Willen spricht. Cécile wiederum vermutet als Grund für Alains seltsames Verhalten eine Affäre und bittet einen befreundeten Polizisten, ihn zu beschatten. Jetzt glaubt aber Alain, seine Frau betrüge ihn mit dem attraktiven Flic, während dieser sich tatsächlich in Cécile verliebt zu haben scheint und mit aller Macht versucht, sie und Alain in ihrem jeweiligen Misstrauen zu bestärken.
In »Cavale«, dem zweiten Teil der Trilogie, erzählt Belvaux die Geschichte einer Flucht: Bruno Le Roux (gespielt vom Regisseur), ein linksextremer Terrorist, ist aus dem Gefängnis ausgebrochen. Er versucht im Untergrund, alte Rechnungen zu begleichen und gleichzeitig den bewaffneten Kampf von Neuem zu beginnen. Pascal Manise, der Polizist aus »Un couple épatant«, kehrt als Le Roux’ Verfolger auf den Schauplatz zurück, während seine Frau Agnès, eine Freundin Céciles aus dem ersten Teil der Trilogie, dem Terroristen heimlich eine Unterkunft verschafft. In »Un couple épatant« hatte Cécile Agnès mit einem Liebhaber ertappt, nun erfahren wir, dass dieser vermeintliche Geliebte der entflohene Le Roux ist und Agnès ihn versteckt, weil er die Süchtige als einziger mit Stoff versorgen kann.
Im dritten Film der Trilogie, »Après la vie«, rücken Pascal und Agnès endgültig ins Zentrum des Geschehens. Hinter der Fassade eines bürgerlichen Haushalts haben sich die beiden in einem von der Sucht diktierten Alltag eingerichtet: Jeden Abend setzt sich Agnès einen Schuss, den ihr Pascal zuvor von einem Gangsterboss besorgt hat. Der will Pascal jedoch solange nicht mehr beliefern, wie sein alter Feind Le Roux in Freiheit und am Leben ist. Pascal muss sich entscheiden, ob er den Terroristen ans Messer liefert und seine Frau von den Qualen des Entzugs erlöst, oder ob er sich einen Rest Aufrichtigkeit bewahrt und dafür sein zerbrechliches Glück aufs Spiel setzt.
Die Nacherzählung kann nur einen vagen Eindruck davon geben, wie vielfältig sich die drei Ebenen der Trilogie ergänzen und wie dramatisch sich Raum und Zeit dadurch zusammenziehen. Nimmt man alle drei Filme zusammen, erscheint die Handlung ähnlich verdichtet wie sonst nur in der Fernsehserie »24«: Szenen werden aus einer anderen Perspektive wiederholt, und immer wieder ergeben sich neue Zusammenhänge, die das Gesehene in ein anderes Licht rücken. Im Grunde müsste man nach »Après la vie« noch einmal von vorne mit der Trilogie beginnen, um zu sehen, wie sich die Wahrnehmung der anderen Episoden mittlerweile verändert hat. Dabei lassen sich, wie Lucas Belvaux stets betont,
die einzelnen Filme auch ohne Kenntnis der anderen verstehen. Jeder ist für sich genommen ein gelungenes, im Falle von »Après la vie« sogar ein großartiges Genrewerk. Während sich der Thriller »Cavale« zwischenzeitlich etwas zieht, ist das Melodram so ergreifend wie erhellend: eine Operation am offenen Herzen einer Liebe, die ein kompromittiertes Gewissen mit derselben mitfühlenden Nüchternheit seziert wie körperlichen Schmerz. Allerdings würde auch »Après la vie« als Solitär betrachtet von seiner Wirkung verlieren: Der einzelne Teil der Trilogie lädt das Ganze mit Bedeutung auf – und umgekehrt.
Ein wenig scheinen die drei Filme von Lucas Belvaux aus dem Nichts zu kommen. In den 90er Jahren hat er als Schauspieler für einige Meister des französischen Kinos gearbeitet: Claude Chabrol, Jacques Rivette und Olivier Assayas. Mit »Parfois trop
d’amour« (1992) und »Pour rire« (1996) inszenierte er auch zwei Filme selbst. Doch nichts davon konnte einen auf die versierte Experimentierlust vorbereiten, die einem jetzt in der Trilogie begegnet. Manche Rezensenten haben Belvaux mit seiner Figur Le Roux verglichen und ihn einen Besessenen genannt, der, wenngleich mit besserem Ausgang, zum Gefangenen einer fixen Idee geworden ist. Als Ausgangspunkt seines Projekts hatte er drei Lehrerinnen genommen, die an derselben Schule arbeiten: Cécile, Agnès und ihre Freundin Cathérine. Um diesen Kern herum sind allmählich die verschiedenen Handlungsstränge entstanden. Wenn er an einem Drehbuch nicht weiterkam, so Belvaux, habe er am nächsten weitergearbeitet. Gedreht wurde dann am Stück mit derselben Filmcrew, lediglich den Schnitt hat jeweils ein anderer Cutter übernommen. Dadurch unterscheiden sich die Filme der Trilogie so sehr, wie es das jeweilige Genre erfordert, und ergeben stilistisch doch ein geschlossenes Ganzes.
Alles in allem hat Belvaux dabei das Kunststück vollbracht, zugleich herrliches Schauspielerkino und ein gelungenes erzählerisches Experiment zu bieten. Souverän umreißt er den Unschärfebereich des Kinos: Auf der Handlungsebene geht es um den Gegensatz von Wesen und Erscheinung – niemand ist nur das, was er auf den ersten Blick zu sein scheint –, und auf der Reflexionsebene demonstriert Belvaux, dass jedes Bild lediglich ein Ausschnitt ist, innerhalb dessen vieles unter der Wahrnehmungsschwelle bleibt. Spinnt man seine Maxime, nach der in jeder Geschichte der Keim zu anderen Geschichten steckt, ein wenig weiter, so finden sich noch viele Nebenfiguren, aus denen Hauptfiguren werden könnten. Was ist etwa mit der Sekretärin des hypochondrischen Alain, die ihrem Chef so verdächtig treu ergeben ist? Welche Strippen zieht der Gangsterboss im Hintergrund? Und wie sieht das Leben von Le Roux’ bürgerlich gewordener Komplizin aus? Je tiefer man sich in einen Ausschnitt der Welt versenkt, desto fremder erscheint er. Zu viele Geschichten, um sie alle zu erzählen.

Info
Un couple épatant. F/BEL 02, R: Lucas Belvaux, D: Ornella Muti, François Morel, Dominique Blanc, 97 Min. Filmpalette, ab 15.7.
Cavale. F/BEL 02, R: Lucas Belvaux, D: Ornella Muti, François Morel, Dominique Blanc, 117 Min. Filmpalette, ab 29.7.
Apres la vie. F/BEL 02, R: Lucas Belvaux, D: Ornella Muti, François Morel, Dominique Blanc, 124 Min. Filmpalette, ab 12.8.

Michael Kohler

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