Letzte Nachrichten

Ticker: Ratssitzung am 16. Dezember 2014
16.12.2014 11:00

Blogs, die wir mögen

Kopieren Sie diesen Link in Ihren RSS-Reader

RSS 0.91Nachrichten
RSS 2.0Nachrichten

StadtRevue Blog

16.01.2014
14:00

Durchaus klassisch: Das tonAtom-Netlabel verweigert sich dem Kommerz

Klare Vorstellungen, düsterer Sound: Matthias Reinwarth. Bild: Anna Lea Reinwarth, CC-BY.

"Das Ziel damals wie heute war und ist es, eine legale, nichtkommerzielle Veröffentlichung von ’professional grade’-Musik aus einer und in einer Nische neben dem konventionellen Musikbusiness zu ermöglichen" – was klingt wie die klassische Leitlinie eines Unternehmens ist in Wahrheit eine Aussage, die tonAtom-Labelbetreiber Matthias Reinwarth in einem Interview mit dem Online-Magazin Phlow im Sommer 2011 machte.

Keine Frage, der Mann hat klare Vorstellungen. 2002 gründete er sein Netlabel, das sich auf experimentelle elektronische Musik spezialisiert hat und bis heute 129 durchweg hochqualitative Releases vorweisen kann. "Ich hatte schon vor der Gründung Kontakt zu einer Vielzahl von Musikern, denen als Nischenkünstler der Zugang zu klassischen Labels damals wie heute verwehrt war", sagt Matthias und fährt fort: "Es war eine aktive Entscheidung gegen die Gründung eines konventionellen Indielabels, sowohl aus kommerziellen als auch aus ideologischen Gründen."

Dennoch ist aus tonAtom in gewisser Hinsicht ein klassisches Label geworden, das Künstler, Releases und damit sich selbst als Qualitäts- und Stilstatement positioniert. In diesem Zusammenhang erinnert manches bei tonAtom an das große Warp-Label. Matthias’ Referenz ist allerdings eher das Frankfurter Thinner Netlabel, das Künstler wie krill.minima und Vladislav Delay protegiert hat.

"Wir sind sehr konsequent nicht-kommerziell und rein auf das Internet und seine Möglichkeiten ausgerichtet. Das heißt, es gibt keinen Shop, kein Merchandising, keine Flattr-Buttons und keine Google-Ads - den Live-Aspekt, das Vinyl-Verkaufen und den Versuch bei Bandcamp einen Euro zu verdienen, überlasse ich den Künstlern selbst“, erzählt Matthias. „tonAtom soll nur und ausschließlich das verlässliche und hoffentlich qualitativ hochwertige Online-Label als Partner des Künstlers sein.“

In einer Zeit, in der jede/r seine Musik im Internet nahezu kostenfrei veröffentlichen kann, sieht Matthias, der das ausdrücklich gutheißt, die wichtigste Aufgabe eines Netlabels darin, interessierten Hörerinnen und Hörern regelmäßig stilistisch interessante und qualitativ hochwertige Releases von ungewöhnlichen Künstlern anzubieten. Teilweise habe er die Künstler im persönlichen Kontakt von einer Veröffentlichung überzeugen müssen, sagt er. Die Auswahl der Releases, des Artworks, ein gutes Mastering – das alles sei ein wichtiger Teil seiner Arbeit: „Im Idealfall ist die Mission erfüllt, wenn man Hörerschichten erreicht, die nicht sowieso schon Netlabel hören, sondern wegen der Musik, der Künstler oder des Stils wiederkommen.“

Sich selbst musste er indes nicht überzeugen: Als Xenoton veröffentlicht Matthias, der nebenbei auch einer der 50 Gründer der GEMA-Alternative C3S ist, ebenfalls auf tonAtom. Seine aktuelle Veröffentlichung besprechen wir unten. "Die Tatsache, dass das Artwork von meiner Tochter gemacht wurde, zeigt, dass hier mittlerweile auch generationenübergreifend gearbeitet wird", lacht er.

V.A. – Kosmoraum (tonAtom.J01)

Anläßlich des fünfzigsten Jahrestags von Juri Gagarins Flug ins All wurde diese Kompilation im April 2011 zeitgleich auf vier beteiligten Netlabels veröffentlicht. Nach wie vor relevant, bietet sie einen gelungenen Einstieg in die Welt der etwas abgehobeneren - um nicht zu sagen "abgespaceten“ - elektronischen Musik. Zu Recht haben es viele Titel in die Neuauflage der Space Night mit Creative Commons Musik geschafft. Funktioniert aber auch ohne Weltraumbilder vor Augen ganz wunderbar, am besten eigentlich mit angeschalteter Lavalampe, so denn vorhanden.

Michael Hofmann – 5 (tonAtom.125)

In liebevoller Detailarbeit übereinander geschichtete Loops aus Fieldrecordings, Percussionsamples, synthetischen Geräuschen und düsteren Klangteppichen. Keine einlullende harmonische Klangtapete, sondern ambiente Musik, wie sie vielleicht einmal gemeint war: Musik als umgebender Klang im Raum, unaufdringlich und doch fordernd. Für aufmerksame Zuhörer.

Weldroid – Protozorq (tonAtom.126)

Die Rhythmen sind IDM-typisch nervös programmiert (nirgends eine gerade Bassdrum) dafür aber angenehm leicht in den Hintergrund gemischt. Sie verbinden sich so sehr schön mit den flirrenden, immer wieder auf und abtauchenden Texturen. Soundeffekte dienen als kleine Anker in der ansonsten auf prinzipielle Endlosigkeit und Weite angelegten Musik. Hit des Albums ist „Sleep Tight“, das mit ätherischem Frauengesang und etwas drängenderen Beats fast schon Pop ist. In Kürze erscheint dann Protozorq 2.0, was den Vorgänger „in place“ ersetzen wird, um einen Titel mehr ergänzt. Wir sind gespannt, wie dieses Experiment angenommen wird.

Xenoton – In a world of lights and glass (tonAtom.127)

Ganz klassische elektronische Musik, die von durchlaufenden, sich nur minimal entwickelnden Sequenzen vor stark verhallten Synthesizerflächen lebt. Stilistisch oft angenehm ins Ambiente hinüberschwappend. Wenn die Gedanken der Hörer dabei mit abdriften ist das durchaus gewollt. Was für winterliche Traumreisen im Wohnzimmer am späteren Abend.

  •  
  • 0 Kommentar(e)
  •  

Mein Kommentar

Benachrichtige mich, wenn jemand einen Kommentar zu dieser Nachricht schreibt.