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StadtRevue Blog

28.10.2014
14:30

Hooligans gegen Polizei: Sieg in der dritten Halbzeit

Politische PR folgt einer einfachen Regel: Nach jedem Ereignis gibt es eine "goldene Stunde" (Paul Gilroy), in der die Ereignisse zum Teil einer Geschichte werden und nach der diese Geschichte die Ereignisse überformt. In Köln hat diese goldene Stunde am Sonntag Abend begonnen, und sie dauert bis heute an - es ist die dritte Halbzeit von "Hooligans gegen Salafisten" (HoGeSa) Im Mittelpunkt  stehen "gewaltbereite Hooligans" und eine "unpolitische Demonstration", die "eskaliert" sei. Das ist die Wortwahl, mit der Innenministerium und Kölner Polizei über die Demonstration sprechen, die am Sonntag für über 40 verletzte Polizisten und Journalisten gesorgt hat. Diese Wortwahl ist falsch.

Köln erlebte am Sonntag eine gewalttätige, politische Demonstration von 4000 Nazi-Hools mit wenig verklausulierten Nazi-Parolen und einem Auftritt der Nazi-Hool-Band "Kategorie C". Deren Sänger Hannes Ostendorf war 1991 an einem Brandanschlag auf ein Asylbewerberheim beteiligt, 2006 trat er auf einem NPD-Konzert auf. Angemeldet wurde die Demo von Pro-NRW-Mitglied Dominik Roeseler, der später an der Spitze des Demozugs lief. Schon bei der HoGeSa-Demo in Dortmund Ende September befand sich der Neonazi Siegfried Borchardt unter den Teilnehmern, an der Demonstration in Köln beteiligten sich neben Borchardt und dem Dortmunder Nazi-Kader Michael Brück auch der Frankfurter NPD'ler Jörg Krebs und der wegen Körperverletzung verurteilte Ex-Ratsherr Jörg Uckermann (Pro Köln).  All diese Informationen sollten der Polizei bekannt gewesen sein, und falls nicht, hätte eine Stunde Recherche genügt, um sie herauszufinden.


Am Sonntag wurden nicht "unpolitische" Hools von Nazis instrumentalisiert - sondern es fanden zwei Gruppen zusammen, deren Weltsicht von Kleinfamilie und völkischem Nationalbewusstsein geprägt ist und die ein martialisch-maskulines Auftreten teilen. "Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen" war einer der Slogans auf der Demo: Das Fußballfanpathos der "echten Liebe" trifft auf das Bemühen um eine "reine Volksgemeinschaft". Deshalb wirkt es fast schon absurd, wenn der Verfassungsschutz NRW davon spricht, dass nur "10 Prozent Rechte" unter den Demoteilnehmern gewesen seien – für ein rechts-autoritäres Weltbild muss man nicht in einer Kameradschaft, Pro NRW oder bei der Partei "Die Rechte" organisiert sein. Und deshalb ist es auch falsch, wenn NRW-Innenminister Jäger nun erklärt, die HoGeSa-Demo sei "keine politische Demonstration" gewesen. Im Gegenteil, der politische Charakter der Veranstaltung ist eindeutig – die Frage ist: Warum wurde sie von der Polizei nicht wie andere Nazi-Demonstrationen behandelt?

Es ist üblich, Demonstrationen von rechtsradikalen Gruppen mit bestimmten Auflagen zu versehen, zum Beispiel einem Alkoholverbot oder dem Verbot des Tragens bestimmter Kleidungsstücke oder Runen-Tätowierungen. Aber am Sonntag wurden von den Demoteilnehmern sowohl palettenweise Dosenbier als auch Bierflaschen auf die Demo mitgebracht – unter den Augen der Polizei. Der Straßenkarneval in der Zülpicher Straße wird strenger kontrolliert. Gleichzeitig zeigte sich die Polizei sehr tolerant gegenüber Hitlergrüßen und Nazi-Parolen, die schon bei der Kundgebung hinter dem Hauptbahnhof präsent waren: Die HoGeSa-Demo hätte den Breslauer Platz niemals verlassen dürfen. Entlang der Demoroute wurde dann offensichtlich, dass die Polizei nicht genügend Personal hatte, um einem Nazi-Aufmarsch angemessen zu begegnen. Die rituellen "Antikriegs-Demos" von Dortmunder Kameradschaftsnazis werden in der Regel von einem engen Spalier begleitet, das jedes Ausscheren aus der Demo erschwert. In Köln waren jedoch nicht einmal genügend Polizisten vor Ort, um die Flanke der Demo zu sichern. Auf der Brücke am Ebertplatz waren drei Polizeiwagen geparkt, neben denen sich die Nazi-Hools immer wieder in Richtung Wiese oder U-Bahn-Station durchzwängen konnten. Es ist zwar richtig, wenn die Polizei darauf hinweist, dass sie ein Durchbrechen der HoGeSa-Demo von der Nord-Süd-Fahrt zur Eigelsteintorburg verhindern konnte. Aber wäre die Demo so eng geführt worden wie es in Dortmund üblich ist, wären die Teilnehmer nicht erst auf dem Thürmchenswall gestoppt worden, sondern bereits am Mittelstreifen der Nord-Süd-Fahrt.

Polizei und Innenministerium werden sich in den nächsten Wochen unangenehme Fragen gefallen lassen müssen. Ihre Antworten sind nicht frei von politischen Interessen: Innenminister Jäger muss seine Politik eines reduzierten Polizeiaufgebots verteidigen, die Gewerkschaft der Polizei weist jetzt schon darauf hin, dass es einfach zu wenig Polizisten gibt. Es ist ein alter Konflikt, der am Sonntag im Kunibertsviertel ausgefochten wurde.

Erschreckend selbstgefällig ist jedoch die Haltung des Großteils der Kölner Politik sowie von OB Jürgen Roters, die nun unisono "Aufklärung" fordern. Grüne und Linkspartei haben die Gegendemo vor dem Hauptbahnhof unterstützt bzw. mitorganisiert, von SPD, FDP und CDU oder von OB Jürgen Roters war jedoch im Vorfeld und am Tag der HoGeSa-Demo nichts zu sehen. Kein Wunder, dass es diesmal nicht gelang, den breiten Konsens zu organisieren, mit dem die Kölner 2008 den "Anti-Islamisierungs-Kongress" zu einem Desaster für seine Organisatoren machen konnten. Wie notwendig dieser Konsens samt Formen zivilen Ungehorsams sind, wurde bei der Nazi-Demo am Sonntag wieder einmal deutlich. Die Polizei ist verpflichtet, das Demonstrationsrecht auch für Nazis durchzusetzen, nur Blockaden konnten sie bislang davon abbringen. Kölner Bürger für Nazis von der Straße zu räumen – das kommt bei niemandem gut an.

Die Nachspielzeit der HoGeSa-Demo aber wird auch noch woanders ausgetragen: In den Fankurven der Republik - und zwar ab sofort. Für linksalternative Ultragruppen wie die Kölner Coloniacs wird es in den nächsten Wochen schwieriger werden, sich dort Gehör zu verschaffen. Die Kölner Fanclubs konnten sich im Vorfeld nicht zu einer Position gegen HoGeSa durchringen. Mitverantwortlich dafür sind die Fangruppen, die glauben, ihr von Herzen geliebter Fußball sei per se erstmal "unpolitisch". Sie gehen damit der Propaganda von HoGeSa auf den Leim – aber sie sind nicht die einzigen.

"Fußball ist Fußball, Politik ist Politik", grölte "Kategorie C" den 4000 Nazi-Hools am Sonntag auf dem Breslauer Platz zu. Es ist ein Mythos rechter Bewegungen, dass sie einem gesunden Volksempfinden jenseits von Politik Ausdruck verleihen. Im Moment wird er auch von Fußballfans, Polizei und Innenministerium geglaubt. Damit reden sie die Naziszene klein und verhelfen den HoGeSa zu einem Sieg in der dritten Halbzeit.


Autor: Christian Werthschulte

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  • 3 Kommentar(e)
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lx
30.10.2014
13:43
sehr richtiger Artikel...

... vielen Dank dafür. Mir ist schleierhaft wie man so kurz nachdem man sich bei Birlikte öffentlichkeitswirksam seines scheinbar intakten politischen Bewusstseins versichert hat die rechte Gefahr so marginalisieren kann.

Chris
30.10.2014
17:06
Frau

Die sind so hohl. Lassen sich von der Politik benutzen und brocken uns langfristig Internetbeschränkungen und Demoverbote+Zustimmung der Massen zu Abhörmaßnahmen ein. Das Volk verschrecken und der Staat beschützt. Die Politik reibt sich die Hände.

Ekki
12.11.2014
18:05
In die Print-Ausgabe

dieser Artikel gehört in die Print-Ausgabe der SR

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